„Wenn ich Charles nie gesehen hätte, Vater, wäre ich mit Dir ganz glücklich gewesen.“
Er lächelte über ihr unbewußtes Zugeständniß, daß sie ohne Charles unglücklich sein würde, da sie ihn gesehen hatte und gab zur Antwort: „Kind, Du hast ihn gesehen und es ist Charles. Wäre es nicht Charles gewesen, so würde es ein Andrer sein. Oder, wenn es kein Andrer wäre, so wäre ich die Ursache und dann hätte der dunkle Theil meines Lebens seinen Schatten über mich hinausgeworfen und wäre auf Dich gefallen.“
Es war zum ersten Male, außer bei der Gerichtsverhandlung, daß sie ihn auf seine Leidenszeit hindeuten hörte. Es brachte ein seltsames Gefühl in ihr hervor, während seine Worte ihr in dem Ohre klangen; und nach Jahren dachte sie noch daran.
„Sieh!“ sagte der Arzt von Beauvais und deutete mit der Hand nach dem Monde. „Ich habe ihn angesehen von meinem Kerker aus, als ich sein Licht nicht ertragen konnte. Ich habe ihn angesehen, wo der Gedanke, daß er auf das herniederschiene, was ich verloren, mir solche Qual war, daß ich meinen Kopf an den Wänden meines Kerkers hätte zerschmettern mögen. Ich habe ihn in einem so dumpfen und lethargischen Zustande angesehn, daß ich an nichts dachte, als an die Zahl von horizontalen Linien, die ich über den Vollmond ziehen, und an die Anzahl senkrechter Linien, mit denen ich sie kreuzen könnte.“ Er setzte in seiner in sich gekehrten und brütenden Weise hinzu, wie er den Mond anblickte: „Es waren zwanzig nach jeder Seite, weiß ich noch, und die zwanzigste konnte ich kaum hineinbringen.“
Das bange Gefühl, mit welchem sie ihn an diese Zeit zurückdenken hörte, ward stärker, als sie dabei verweilte; aber sonst war nichts beunruhigendes in seiner Weise. Er schien nur die Heiterkeit und das Glück seiner Gegenwart mit dem harten Leiden, welches vorbei war, zu vergleichen.
„Ich habe ihn angesehen und mir viel tausend Mal Gedanken über das ungeborne Kind gemacht, von dem ich weggerissen worden. Ob es am Leben sei, ob es lebendig zur Welt gekommen oder ob der Schreck, den die arme Mutter gehabt, es getödtet habe! Ob es ein Sohn sei, der seinen Vater eines Tages rächen könnte. (Es gab eine Zeit meines Kerkerlebens, wo mein Durst nach Rache ganz unerträglich war). Ob es ein Sohn sei, der nie seines Vaters Gesicht kennen würde; der dereinst selbst die Möglichkeit erwägen könnte, ob an dem Verschwinden seines Vaters nicht dessen eigner Wille und dessen eigne That schuld sei. Ob es eine Tochter sei, die zur Jungfrau heranwachsen würde!“
Sie drängte sich näher an ihn heran und küßte ihm Wange und Hand.
„Ich habe mir meine Tochter vorgemalt, wie sie mich ganz und gar vergessen oder vielmehr nie etwas von mir gewußt. Ich habe Jahr für Jahr ihr Lebensalter berechnet. Ich habe sie mir gedacht als Gattin eines Mannes, der nichts von meinem Schicksal wußte. Ich bin gänzlich verschwunden aus der Erinnerung der Lebendigen und in der nächsten Generation war mein Platz leer.“
„Ach Vater! blos zu hören, daß Du so von einer Tochter dachtest, die nie gelebt, preßt mir das Herz zusammen, als ob ich dieses Kind gewesen wäre.“