„Du, Lucie? Gerade aus der Tröstung und Rettung, die ich dir verdanke, entstehen diese Erinnerungen und treten jetzt in dieser letzten Nacht zwischen uns und den Mond. — Was sagt ich eben?“
„Sie wußte nichts von Dir. Sie kümmerte sich nicht um Dich.“
„Ja! Aber in andern mondhellen Nächten, wo die Melancholie und das Schweigen mich in andrer Weise berührt hatten, — wo sie mich mit einem Gefühl gleich einer bekümmerten Empfindung von Frieden erfüllten, soweit es eine Bewegung thun konnte, die Schmerz zu ihrer Grundlage hat — habe ich mir eingebildet, wie sie in meine Zelle kam und mich hinaus in die Freiheit draußen vor der Festung führte. Ich habe ihr Bild oft im Mondschein gesehen, wie ich Dich jetzt sehe; nur daß ich es nie in meinen Armen hielt; es stand zwischen dem kleinen vergitterten Fenster und der Thür. Aber Du verstehst, daß dieß nicht das Kind war, von dem ich spreche?“
„Die Gestalt war es nicht; das — das — Bild; die Einbildung?“
„Nein. Das war etwas Anderes. Es stand vor meinem gestörten Gesichtssinn, aber es bewegte sich nie. Das Phantom, welchem mein Geist nachging, war ein anderes und mehr der Wirklichkeit angehörendes Kind. Von seiner äußern Erscheinung weiß ich weiter nichts, als daß es ein Ebenbild seiner Mutter war. Die andere Gestalt sah eben so aus — wie du auch — aber sie war nicht dieselbe. Kannst Du mich begreifen, Lucie? Wohl kaum? Ich glaube fast, du hättest ein einsamer Gefangener sein müssen, um diese subtilen Unterschiede zu verstehen.“
Sein gesammeltes und ruhiges Wesen konnte nicht verhindern, daß sie ein Schauer überlief, wie er so versuchte, seine alten Stimmungen zu zergliedern.
„In dieser friedlichern Stimmung habe ich mir sie im Mondschein gedacht, wie sie zu mir kam und mich fortführte, um mir zu zeigen, daß ihr häusliches Leben als Gattin voll liebreicher Erinnerungen an ihren Vater war. Mein Bildniß hing in ihrem Zimmer und sie schloß mich in ihr Gebet ein. Sie führte ein thätiges, freudiges und nützliches Leben; aber mein unglückliches Schicksal ward darüber nie vergessen.“
„Ich war dieses Kind, lieber Vater. Ich war nicht halb so gut; aber in meiner Liebe war ich es.“
„Und sie zeigte mir ihre Kinder,“ sagte der Arzt von Bauveais, „und sie hatten von mir erzählen hören, und man hatte sie gelehrt, mich zu bemitleiden. Wenn sie vor einem Staatsgefängniß vorbeigingen, hielten sie sich fern von seinen dräuenden Mauern und blickten zu dem vergitterten Fenster hinauf und sprachen nur flüsternd. Sie konnte mich nie befreien; ich bildete mir immer ein, daß sie mich zurückbrächte, nachdem sie mir alle diese Dinge gezeigt hatte, aber alsdann sank ich, durch heiße Thränen erleichtert, auf meine Knie und segnete sie.“