„Ich bin das Kind, hoffe ich, geliebter Vater. Ach Herzensvater, willst du mich eben so innig für den morgenden Tag segnen?“

„Lucie! ich rufe diese alten Stimmungen zurück, weil ich heute Grund habe, dich inniger zu lieben, als Worte sagen können, und Gott für mein großes Glück zu danken. Meine Gedanken, auch wenn sie sich am höchsten verstiegen, sind nie dem Glücke nahe gekommen, das ich bei Dir gekannt habe und das unsrer wartet.“

Er umarmte sie, empfahl sie feierlichst dem Himmel und dankte diesem demüthig, daß er sie ihm geschenkt habe. Bald darauf gingen sie in’s Haus.

Es war Niemand zur Trauung eingeladen als Mr. Lorry; es war nicht einmal eine andere Brautjungfer da, als die unschöne Miß Proß. Die Verheirathung sollte keine Veränderung in ihrem Wohnorte nach sich ziehen; durch Miethung der obern Räume, die früher dem apokryphischen unsichtbaren Miethsmann gehörten, hatten sie sich im Stande gesehen, die Wohnung zu vergrößern und mehr wünschten sie nicht.

Dr. Manette war während des bescheidenen Abendessens sehr heiter. Nur drei Personen waren bei Tisch und Miß Proß war die dritte. Er bedauerte, daß Charles nicht da war; war mehr als halb geneigt, Einwendungen gegen die wohlgemeinte kleine Verschwörung, welche ihn fernhielt, zu machen, und trank liebevoll auf seine Gesundheit.

So kam für ihn die Zeit, Lucien gute Nacht zu sagen, und sie trennten sich. Aber in der Stille der dritten Morgenstunde kam Lucie wieder herunter und schlich sich in sein Zimmer — nicht frei von unbestimmten Besorgnissen. Alles war ruhig; und er schlummerte, das weiße Haar malerisch über das Kissen ausgebreitet und die Hände ruhig auf der Decke liegend. Das Licht, welches sie nicht brauchte, stellte sie in eine ferne Ecke in den Schatten, trat dann an das Bett und drückte ihm einen Kuß auf die Lippen; dann blieb sie über ihn gebeugt stehen und betrachtete ihn.

In seinem schönen Gesicht hatten die bittern Thränen der Gefangenschaft Spuren zurückgelassen; aber er deckte sie mit so entschiedenem Willen zu, daß sie sich selbst in seinem Schlummer nicht verriethen. Ein merkwürdigeres Gesicht in seinem ruhigen, entschlossenen und vorsichtigen Kampf mit einem unsichtbaren Gegner war in den ganzen weiten Reichen des Schlummers in dieser Nacht nicht zu finden.

Sie legte schüchtern ihre Hand auf die geliebte Brust und sprach ein Gebet, daß sie immer so treu an ihm halten möchte, als ihre Liebe sich sehnte und seine Leiden verdienten. Dann zog sie ihre Hand zurück, küßte ihn noch einmal auf den Mund und ging. So kam der Sonnenaufgang und die Schatten von dem Laube der Platane bewegten sich auf seinem Gesicht so leise, wie sich ihre Lippen für ihn betend bewegt hatten.

Achtzehntes Kapitel.
Neun Tage.

Der Hochzeitstag fing mit hellem Sonnenschein an und sie standen Alle fertig vor der geschlossenen Thür von dem Zimmer des Doctors, wo er mit Charles Darney sprach. Sie standen im Begriff, nach der Kirche zu gehen; die schöne Braut, Mr. Lorry und Miß Proß — für welche Letztere das Ereigniß durch ein allmähliches Aussöhnen mit dem Unvermeidlichen unbedingte Seligkeit gewesen wäre, ohne die im Hintergrund ihres Geistes lauernde Erwägung, daß ihr Bruder Salomo der Bräutigam hätte sein sollen.