Er sagte noch:

„Wir spazieren beide auf diesen ruhevollen Quais. Es ist sehr gemütlich, wenn ich bei dir bin, denn du läßt dich führen und legst dir keinen Zwang auf. Du bist nicht wie manche, die Eile haben und nicht einmal plaudern wollen. Es ist tierisch mit ihnen. Man merkt zu deutlich, daß sie arbeiten und daß sie an der Arbeit kein Vergnügen haben.“

Und er wiederholte:

„Es ist sehr gemütlich, wenn ich bei dir bin. Du redest nicht viel heute abend, aber ich rede, denn ich bin zufrieden. Du wirst sehen, daß ich ein guter Kerl bin und daß ich den kleinen Frauen alles Gute machen kann, was möglich ist. Ich küsse sie so, daß sie lachen, und ich könnte sie mein Leben lang lieben, damit sie glücklich werden. Aber du, du hast mir sofort gefallen. Du hast die Gestalt meiner Schwester. Wir gehen beide spazieren und ich erzähle ihr meine Geschichten. Ich möchte sie auch dir erzählen, weil du lieb bist und Vertrauen erweckst. Ich möchte dir alles sagen, was ich weiß. Ich bin ganz allein in Paris, aber ich bin im Grunde nicht unglücklich. Ich arbeite und schreibe nach Hause und man antwortet mir. Mama antwortet mir. Sie kann nicht sehr gut schreiben, aber wenn sie sagt: ‚Ich liebe dich sehr, sehr, mein Pierre‘, so fühle ich, daß die Worte ganze Sätze aufwiegen.“

„Ich“, sagte Berthe, „habe meine Mutter mit sechzehn Jahren verloren. Sie starb, als ich im Krankenhaus war. Man wollte nicht, daß ich sie sehe. Ich hatte die Bleichsucht, und das hat mich nicht gesund gemacht. Ich sagte mir: Jetzt, wo meine Mutter tot ist, werde ich’s schlimm haben. Ich weinte trotzdem nicht, denn ich war zu krank, aber ich spürte ihren Tod in allen Gliedern. Sie liebte uns sehr. Manchmal, am Sonnabend, sagte sie: ‚Gehen wir, Kinder, ich zahle einen Kaffee.‘ Wir gingen in die Bar mit meiner Schwester Marthe und meiner Schwester Blanche. Die Kinder spielten vor der Tür. Ich hatte das sehr gern, weil viele Leute da waren.“

Dann sagte sie:

„Wenn du willst, gehen wir jetzt zurück. Ich muß dich gegen zehn Uhr verlassen, sonst könnte ich gar nicht lang genug bleiben.“

Sie kehrten um. Pierre henkelte sich aus, um ihre Taille zu umfangen, und schloß sie im Gehen an sich. Er näherte sie seinem Körper, weil er sie seinem Herzen genähert hatte. Er berührte dabei alles, was man berühren kann: die schwebenden Hüften, die biegsame Taille, die sich schmiegt und wiegt, die süßen und schon reifen Brüste der Straßenmädchen von zwanzig Jahren. Er berührte alles, was man berühren kann, aber er hätte noch mehr berühren wollen. Er hätte gewollt, daß sie ganz nackt wäre, und sie spüren, und sie ganz abküssen, und sie schmecken. Alle Ströme seines Blutes rollten in schweren roten Wellen und trieben seine Sinne auf wie schwellende Früchte. Soeben hatte er daran gedacht, ihr von Louis Buisson zu erzählen, von seiner Mutter und von seinen Schwestern, um seine Seele völlig in die ihre zu schütten. Nun gab es nichts auf der Welt außer ihr. Antlitz an Antlitz, küßte er sie auf die Lippen, und sein Körper brach schon aus.

Aber Berthe sprach nicht. Sie sprach nicht und konnte nicht von ihrem Leben und ihren Wünschen sprechen. Sie hörte Pierre zu. Die sanfte kleine Prostituierte und Anfängerin dachte noch sanft: „Dieser junge Mann hat ein gutes Herz und redet wie ein Verliebter.“ Es war nicht möglich, sein Herz über die fünf Francs hinaus auszubeuten, denn er verfügte nicht über mehr. Was die Liebe betrifft, so war sie ihr allzu verbraucht. Sie wußte, woraus die Liebe sich zusammensetzt, seitdem sie die Männchen sich nachlaufen ließ, die alle Schwächen ausnützen und alle Bedürfnisse befriedigen. Sie wußte, daß man die Liebe in Münzen umwandeln muß, denn die Liebe ist ermüdend, das Geld aber verleiht neue Kraft. All dies wußte Berthe mit zwanzig Jahren. Wer wovon zu leben hat, sucht die Liebe, weil sie glücklich macht, doch die Straßenmädchen dämpfen die Liebe ihrer Kunden, weil sie Schmerz bereitet. Und Pierre, dieser glühende große Junge, war für Berthe ein Mann mehr, den sie zu erdulden hatte.

Sie dachte an ihren Liebhaber Maurice, an ihr Kleid, an ihre Schuhe. Gestern abend hätte sie ihr Zimmer bezahlen müssen. Die Hotelbesitzer trauen nicht den Mädchen, die von Liebe leben. Sie hätte bezahlen müssen. Aber sie konnte nicht sieben Francs hergeben, da sie nur fünf hatte. Er bewilligte ihr einen Tag Gnadenfrist für die restlichen vierzig Sous, aber es war selbstverständlich, daß sie im Falle der Nichtzahlung in ihr Zimmer nicht zurückkehren würde. Daher aßen sie zu Mittag einige Überreste von gestern, aber abends aß sie nichts. Maurice sagte: „Du bist ein Dummkopf, der sein Geschäft nicht versteht.“ Sie hatte keinen Hunger, denn in den vielköpfigen Familien werden die Magen der Kinder elastisch und können sich zusammenziehen, ohne zu weh zu tun. Sie hätte dennoch gern Fleisch und kräftige Speisen gegessen, um sich von der Erschöpfung durch die Liebe und die schlaflosen Nächte zu erholen. Da bewirtete sie Pierre mit Reden! Sie beklagte sich nicht darüber, denn manche Kunden sind grob. Gewiß, sie hätte ihm die Sache gestehen können, aber sie fürchtete, daß er den Preis der Mahlzeit von den fünf Francs abziehen würde. Sie begnügte sich mit dem Gedanken: „Ich habe heute abend nichts gegessen, und das ist sehr langweilig.“