Und will in deinem Aug’ den Himmel schau’n.“

Aber es kam ein Tag, an dem Maurice des Wartens noch müder wurde. Seit vierzehn Tagen war Berthe im Spital, das Elend schien ihm schon lang. Die ersten Tage haben Freunde und Hilfsquellen, aber bald, wenn die Schuhe durchgetreten sind und die Kleider zerfransen, wird das Elend des trockenen Brotes zum Elend in Lumpen, gegen das die Freunde nicht mehr aufkommen. Einst glaubte man an die Möglichkeit der Abenteuer. Stehlen ist schön, solang man es zu seinem Vergnügen macht, wer aber aus Bedürfnis stiehlt, wird zu erregt für seine Abenteuer, um sie sicher zu bestehen. Dann macht trockenes Brot kraftlos. Er spürte einen Nachgeschmack von alledem im Magen, einen lächerlichen Druck vom Käse, die Schwere von schlechter Nahrung und Hunger. Der Aufruhr durchstürmte seinen Körper, der Käsegeruch verursachte ihm Übelkeiten, der starke Mann blickte mit durchdringenden Augen um sich.

Da suchte er seine Freunde wieder auf. Er suchte sie nicht auf wie einst, da seine Seele an lustigen Nachmittagen unter ihnen sorgenfrei war. Sie gingen damals in den Hinterraum der Weinstuben, ließen sich nieder, die Ellbogen auf den Tisch, die Faust unters Kinn, plauderten und tranken Rotwein. Er litt unter einer empfindlichen Melancholie, die ihn an der täglichen Arbeit hinderte, und so bedurfte er eines Kampfes, um entzündet zu werden, eines großen Abenteuers, das ihn aufrüttelte und überwältigte, damit er eines Tages all die Energie Bübüs wiederfinden und auf einmal wieder seine tägliche Arbeit verrichten konnte. Er bedurfte eines großen Diebstahls, der ihm die Taschen hinlänglich mit Gold füllte, daß er warten konnte wie ein Rentner der Liebe, wie ein Dichter der Melancholie, der an nichts andres denkt, als wie seine Schöne eines herrlichen Morgens zurückkehrt, und an neue Hochzeitsfreuden.

Es war eine einfache und traurige Geschichte. Sie ereignete sich in einem Tabakladen um drei Uhr morgens, mitten in verlassenen Straßen, wo die Stille die Menschen ermutigt und so gut zu sein scheint wie ein letzter Rat. Sie gingen dahin, die Kehle trocken und Blut in den Fäusten. Los endlich, alle drei, meine Brüder, dämpft das Herz und paßt auf beim Stehlen, wenn man zittert, wenn man sucht und wenn man findet.

Alles ging gut bis zur Kasse: die Tür und die Schubfächer widerstanden nicht. Sie hatten kein Glück, weder er noch die andern! Maurice hatte es sich immer gedacht. Die Kasse enthielt sechzehn Francs, nur sechzehn Francs! So nahmen sie alles mit: die Briefmarken, die Stempelbogen, die Zigarren, die Zigaretten und den Tabak. Sie stopften damit die Taschen voll, dann das Hemd, dann packten sie in die Taschentücher. Als sie sich entfernten, war die Straße noch leer, und sie trennten sich alle drei, den Himmel zu Häupten und die Gedanken schwer.

Nach zwei Tagen hatten sie nicht viele Briefmarken verkauft und konnten den Tabak nicht an den Mann bringen. Das Losschlagen gestohlener Sachen ist unsicher wie der Diebstahl selbst, und die Tage sind schrecklich, sobald die Nerven beim Anblick des Schatzes zu tanzen beginnen. Maurice ging umher, die Taschen voll Briefmarken und Zigarettenpakete an der Brust. Er hatte vielleicht Freunde. Am Morgen des dritten Tages, als er auf dem Quai de l’Horloge dahinschritt, traten an einer Ecke zwei Männer hervor. Er hatte sie schon am Tage vorher getroffen und ihre breiten Schultern und ihr Maul bemerkt. Ein Blick rückwärts, die beiden Männer folgten ihm. Er hörte ihre Schuhe wie einen Überfall, fühlte sie dröhnen wie Fäuste und gewichtig wie die Polizei, die alles weiß. Er versuchte rascher und unbefangener auszuschreiten. Dann erstarrt einem das Blut im Leibe, es war vorauszusehen, zwei furchtbare Fäuste packen einen, zwei Schultern stoßen mit namenloser Brutalität vorwärts und auf zwei Stimmen ist keine Antwort möglich: „Marsch! Keinen Laut!“

Er hatte die Taschen voll Briefmarken und Zigarettenpakete an der Brust.

Berthe erfuhr dies durch ihre Schwester Blanche an einem Donnerstagabend im Sprechzimmer des Brocaspitals. Blanche wußte es von Charlot, der es vom langen Jules hatte, und man wußte ferner trotz den Gefängnismauern, daß Maurice mit Syphilis angesteckt war. Blanche redete als Bringerin einer großen Neuigkeit sehr wichtigtuerisch, mit Mienen und Gesten und einer Art von Großartigkeit, wie eine Zeitung eine Nachricht in die Welt setzt. Da trat in der schwarzen Spitalsluft, zwischen den vier Wänden des Sprechzimmers, tiefe Stille ein, während die Kranken rings um Berthe lebhaft waren und Berthe sich einsam fühlte. Dunkel sank auf die Häupter und verschleierte die Augen. Das Spital wurde noch mehr Spital, das Leben schien noch mehr das Leben zu sein, um das man ringt und das verwundet. Berthe begriff, daß ihr das Leben bis hierher allzu leicht erschienen war.

Aber Blanche sagte: