„Ach, was! Er hat dich lang genug geprügelt!“
In den folgenden Tagen richtete sich Berthe ihr Leben neu ein. Die Gewohnheiten Maurices waren ihr in Fleisch und Blut übergegangen und formten ihren Leib und ihre Gedanken. Sie war zunächst Berthe, aber sie war auch die Frau, die ein Mann vier Jahre befruchtet hatte, wie der Nil die Erde Ägyptens überflutet. Sie hatte große Angst gehabt. Mit ihren siebzehn Jahren hatte er sie bei der Hand genommen und sie in die Welt geführt. Dann hatte er gesagt: „Hier mußt du hingehen!“ Und er hatte sie bewacht auf ihrem Wege. Die Tage im Spital waren noch die Tage Maurices, denn jeden Donnerstag und Sonntag besuchte er sie im Sprechzimmer. Und dann wußte sie, daß sie ihn jeden Augenblick wiedersehen konnte. Nun drehte sich alles um sie: Paris, das Spital, die Gegenwart, die Zukunft, und die wirrsten Gefühle:
Ein Wesen schwand dir hin,
Und alles ist verödet.
In den folgenden Tagen versuchte Berthe, ihr Leben neu einzurichten. Sie richtete es mit ihrer Schwester Blanche ein, mit einer kleinen Freundin namens Adele, dann mit irgendwem, gleichgiltig wem, denn eine Frau soll nicht allein sein. Sie suchte Männer in ihren Erinnerungen. Sie dachte an Pierre, an ihn, den sie in ihrem Unglück angeklagt und der ihr beschwörend geschrieben hatte, daß er nicht der Schuldige sei. Er hatte geschworen, wie sie es gern hörte — beim Haupte seiner Mutter —, denn dann ist es die Wahrheit. Sie gedachte auch andrer Männer und ließ sie in Gedanken vorüberziehen, um sich zu betäuben und Hoffnungen zu schöpfen. Aber nichts vermochte die Erinnerung an Maurice auszulöschen, und hätte ein Gott sich an der Tür niedergelassen, hätte er sie zu seiner Gefährtin gemacht und sie zu höchster Herrlichkeit geleitet, hätte er sie sogar beschenkt und sie geliebt, nie — nie hätte sie den einen vergessen können, der sie zur seinen gemacht hatte und der mehr war als ein Gott, weil er ein Mann und sie eine Jungfrau gewesen war. Sein Leib war dem ihren viel tiefer eingeprägt als alle Gefühle und alle Wünsche. Sie wußte nicht, wie man die Leute im Gefängnis richtet, doch alles Leid, das sie erlebt hatte, flößte ihr ein großes Mißtrauen gegen die Zukunft ein und lehrte ihr, daß ein Unglück das andre nach sich zieht. Sie war krank geworden, weil sie kein Glück hatte, und aus demselben Grunde, glaubte sie, würde ihr Maurice jahrelang fernbleiben.
Da fühlte sie sich verloren, ihre Gedanken schweiften all die kommenden Tage entlang, um ein kleines Glück zu entdecken, das sie mit gierigen Händen ergriffen hätte, sie blieben vor allen möglichen Winkeln stehen, aber nichts genügte ihrem Herzen, denn sie kam aus einem schönen Lande, und das war sein Land.
VII
Und eines Abends verließ Berthe das Spital. Eines Sommerabends, eines Herbstabends? . . . Die schönen Tage waren nicht mehr. Es war ein Abend, an dem Berthe keinen Sou in der Tasche hatte . . . Sie suchte Pierre auf, wie man hundert Sous holen geht. Er studierte in seinem Zimmer mit der Willenskraft des Lothringers, der seinen Weg machen will, doch ohne Begeisterung, denn das Studium der einsamen jungen Leute ist freudlos. Er hatte ihren Brief beantwortet und ihre Kränkungen vergessen, sie hatte ihm geantwortet, daß sie ihm glaube.