Sie kam, ohne daß er sie erwartet hätte. Etwas lag zwischen ihnen und jeder fühlte rings um sich, was es war. Aber man soll sich überwinden und das Ehrgefühl ausschalten, wenn man arm ist. Noch etwas lag zwischen ihnen, was Mann und Frau scheidet: sie dachte daran, daß sie keinen Sou besaß, er dachte daran, daß ihn der Besuch fünf Francs kosten werde.

Zunächst muß man leben, dann kann man Gefühle haben. Erst am nächsten Morgen verließ Berthe Pierre, um sich bei Maurices Mutter, die sie flüchtig kannte, Nachrichten zu holen.

Sie kam in dem kleinen Laden in Plaisance gegen zehn Uhr an.

Die andre sagte:

„Ah! Da sind Sie! Sie!“

Sie ließ sie in den Hinterraum treten, und ohne sich zu setzen, legte sie schon los.

„Ihretwegen hat mein Sohn das getan! Ich weiß alles, daß Sie ihn mit Ihrer Krankheit angesteckt haben, mit dieser Fäulnis, und ich weiß auch, wo Sie herkommen. Mädchen wie Sie sind ein Unglück!“

Sie fuhr lange fort und redete dicke und unterstrichene Phrasen. In dem Hinterraum des Ladens schienen die polierten Möbel die Worte widerzuspiegeln und ihnen Kraft zu verleihen, so daß sie wie ein Beispiel von Tugend sich der Verkommenheit entgegenzurecken schienen.

Sie sprach, sehr sauber und wohlgekämmt, mit der Entrüstung der ehrsamen Frau und am Ende der Abrechnung drückte sie, da ihr Sohn Berthe nicht vergesse, die Hoffnung aus, auch Berthe würde ihren Sohn nicht vergessen und ihm von Zeit zu Zeit ein Fünffrancsstück schicken.

Berthe betrachtete gesenkten Hauptes ihre Hände, errötete, hörte der alten Frau zu, wobei ihr die Gedanken ganz wirr durcheinandergingen, wußte nicht mehr, was werden sollte, beugte ihre sanftmütige Seele und fühlte sich schuldig. An manchen Tagen war sie so gütig, daß sie kein Empfinden für das Unrecht hatte, das man ihr antat.