Sie ging zu ihrer Schwester Blanche.

Um nichts in der Welt hätte man geglaubt, daß Blanche die Schwester Berthes sei. Sie war ein Mädchen von siebzehn Jahren, rosig und blond, doch wenn ihre Haut jung und straff war, so ließen ihre Kleider und ihre Haltung keinen Gedanken an Jugend zu, und auf der Straße galt sie in den Augen der Zuhälter als der Inbegriff dessen, was man einen „Schweinigel“ nennt. Ihre über der Stirn kurz geschnittenen Haare waren an den Schläfen gelockt und in Ringel gedreht, nach der Sitte der Freudenmädchen in den Vorstädten, nach der ewigen Regel, daß Menschen desselben Berufes sich gleich tragen und von gleichem Stolz erfüllt sind. Sie ging ohne Hut, die Hände in den Schürzentaschen, den Leib vorgewölbt und die Füße nachschleifend, wie man Pantoffeln schleift. Seit ihrer Kinderzeit, in der sie ihrer Herrin hundert Sous gestohlen hatte, war ein Tag gekommen, an dem sie in einem Hotel ihre Jungfernschaft in den Händen eines Zuhälters gelassen hatte, und andre Tage, an denen alle Gaben ihres Leibes und ihres Geistes sie der Laufbahn entgegenstießen, die sie später freiwillig wählte. Sie lebte zufrieden in ihrer Welt, nahm unwillkürlich deren Benehmen und Sprache an, ganz jung noch wurde sie öffentliches Mädchen, wie Musset Dichter wurde, ganz jung noch. Syphilitisch von Beruf, ohne einen Blick des Bedauerns zurückzuwerfen, hatte sie den Kopf voll Läuse, ohne daß ihr der Wunsch nach Sauberkeit kam, und ihre Röcke verbreiteten einen Geruch von Laster und Schmutz um sich, der die Männer anzog. Sie lebte vergnügt und skrupellos, und da das Geld ein Ziel auf dieser Erde ist, hatte sie keine Vorstellung vom Guten oder von Ehrsamkeit und fühlte sich glücklich wie ein Mensch am Ziele in dem Augenblick, wo sie die Taschen voll Geld hatte.

Unter den Zuhältern der Rue de la Gaîté wählte sie einen Mann nach ihrem Herzen — einem unabhängigen und gleich dem Leben sich wandelnden Herzen —, lockte ihn an sich und warf ihn, wenn sie seiner satt war, fort, um einen andern zu wählen, wie ihre Begierde es bestimmte. Sie war ihre eigne Herrin, und sie beschützte sich selbst mit einem großen Messer, das sie stets in der Tasche trug und danach sie tastete, um sich seiner zu versichern wie ein Reisender, den seine Waffen furchtlos machen, da er weiß, daß es ihm an Mut nicht fehlen wird.

Berthe erzählte ihr die Szene, die sich soeben abgespielt hatte.

Blanche sagte:

„Wie! Du hast nicht gewußt, was ihr antworten? Ich hätte ihr alles gesagt. Ich hätte ihr gesagt: Alte Heuchlerin, Sie sind ja froh, daß ich ihn aushalte! Sie machen Geschichten, weil Sie wissen, wie dumm ich bin. Er hat keinen Fetzen am Hintern, den er selber verdient hätte. Er soll nur kommen, Sie werden sehen, wie ich den Zuhälter jagen werde!“

Berthe erwiderte:

„Gewiß, aber ich kann mich nicht wehren.“

Bei ihrer Schwester lebte Berthe, nachdem sie das Spital verlassen hatte. Bei ihrer Schwester, denn das Familiengefühl ist stärker als jedes andre, und Schwester bleibt man, was auch geschieht. . . So blieb Berthe bei Blanche, die stark war und sie ein wenig stärkte. Blanche ging wie ein Vorbild, ohne sich um die Welt zu kümmern, ihren Weg, und Berthe, die abgeirrt war, brauchte nur ihren Schritten zu folgen. Sie empfand in der ersten Zeit infolge der alten Gewohnheiten einen Rest von Trauer und dachte in ihrer schlichten Seele: „Ich sehne mich nach Maurice.“ Sie dachte es sehr heftig und betrachtete die Dinge rings um sich mit einer großen Unruhe, wie man einen Kameraden betrachtet, der sein Äußeres verändert hat. Sie lebte bei Blanche, die ihr Gewissen beschwichtigte und sagte: „Recht hast du.“ Es war ihr gleichgültig, ob sie recht hatte oder unrecht, aber wir suchen überall die Bestätigung unsrer selbst, die einen Teil unsres Glücks ausmacht.