Abends zwischen neun und zehn Uhr gingen sie auf den Boulevard Sebastopol hinunter. Von der Place du Châtelet dehnte er sich vor ihnen mit seinen Trottoirs, seinen zwei Lichterzeilen und war ihnen wie ein Werkzeug, dessen Handhabung sie kannten und das sie unermüdlich gebrauchten, während ihr Körper dabei zerbrochen wurde. Alle Straßenecken sprachen zu ihnen gleich Erinnerungen, bei jedem Schritt wanderte ihr Zweck mit, sie dienten ihm ohne Lächeln und ohne Aufregung wie ein Geschäftsmann, der sein Geschäft ausübt. Blanche machte sich den Beruf leichter, indem sie die Männer direkt ansprach. Berthe warf ihnen, ein wenig tänzelnd, Blicke zu. Da wimmelten junge Leute, die wie Fragezeichen aussahen, Männer von vierzig Jahren, deren Erscheinung ernst ist und deren Gespräche klar und klingend sind wie ein Fünffrancsstück, Betrunkene, die nicht mehr rechnen können, die von Liebe schwätzen und einschlafen und die man im Stich läßt . . . Zuhälter mit schwarzer Schnauze stießen sie im Vorübergehen an mit Worten, mit Blicken und Schlägen ihrer Rabenflügel. Die Mädchen betrachteten sie flüchtig, wie man Menschen ansieht, die nicht zu uns gehören, und zuckten die Schultern, als säßen sie darauf und sollten abgeschüttelt werden. Blanche ging ohne Hut, mit festen großen Schritten wie Wäscherinnen mit dem Korb, Berthe mit kleinen Schritten, mit dem Aussehen der Blumenarbeiterinnen. Die öffentlichen Mädchen kamen vorüber: solche, die jung und blendend sind wie ein Vergnügen von siebzehn Jahren und die es nicht verstehen, sich der ersten Glücksfälle und reichen Launen zu bemächtigen, — solche, die nicht auf dem Boulevard Sebastopol bleiben und mit ihren gestärkten Unterröcken rauschend weitergehen, um rings um sich die Begierde auszustreuen, — solche, die schon mehrere Jahre des Pflasters hinter sich haben, die es kennen und bis auf den Grund ausnützen, — und dann gab es Alte mit dem schweren Gang von Kühen, die an den Straßenecken Halt machen und mutig alle Passanten stellen, da es sich um das tägliche Brot handelt. Die Lichter dienen dazu, die Gesichter der Straße zu studieren, die Kaffeehausterrassen waren Lockplätze, wo sie die Blicke ausstreuten, um dann zurückzukehren und nachzusehen, ob zu ernten sei, was man gesät hat.
Etwas später verließ Blanche ihre Schwester und ging in der Richtung der Markthallen und der Rue Montmartre. Sie arbeitete am liebsten allein, denn ernste Arbeit braucht Einsamkeit, in der man seine Fähigkeiten sammelt wie ein Mensch, der vorwärtskommen will. Es genügte, sie anzusehen, und sie hängte sich an; und dem Verlangen gleich, das in unserm Herzen schlummert, kam sie, war da, mit ihren Gebärden und ihren Beschwichtigungen. Sie verkaufte billig, um häufiger zu verkaufen. Im Stadtviertel der Zeitungen und der Bars, und zumal wenn es dunkelte, waren die Männer leichter zu haben. Sie stärkte sich mehrmals, indem sie einen Kaffee mit einem Gläschen zu fünfzehn Centimes trank, und kehrte um vier Uhr morgens nach Montrouge zurück, die Börse gefüllt und das Herz zufrieden.
Berthe machte auf dem Boulevard Sebastopol und den großen Boulevards die Gefühlvolle. Angefangen von ihrem schwarzen gescheitelten Haar und ihrem weißen Antlitz bis zu ihren Beinen, die an die Röcke schlugen, empfand man ihren Gang als ein hübsches Geschehen in einem besondern Dasein, empfand ihr Herz als das einer süßen und lieben kleinen Frau. Viele Vögel ließen sich fangen. Die jungen Leute dachten: Das ist ein zuverlässiges Vergnügen, denn außerdem macht sie den Eindruck, als könnte man mit ihr verständig reden. Man sagte zu ihr: „Fräulein, ich geh Ihnen nach und Sie lassen mich tüchtig rennen.“ Sie antwortete manchmal: „Ach, mein Herr, das erkläre ich Ihnen. Ich bin klein, und wenn ich schnell gehe, merkt man’s viel weniger.“ Ein andermal gingen sie neben ihr her und sagten nichts, weil sie so war und ihre Herzen gerührt wurden. Sie lächelte dann und war anziehend, wie die Sanftmut anziehend ist. Sie machte die Gefühlvolle bei den jungen Leuten und den Männern, denn es gibt viel Liebe auf Erden, und die Liebe flutet heran und trägt uns wie Kinder von hinnen, den Frauen entgegen, wo Kindlichkeit und Güte sind.
Sie hatte Syphilis. Um diese Zeit litt sie viel Schmerzen im Munde, und ich glaube, alle ihre Küsse hatten Syphilis. Viele Vögel ließen sich fangen. Im Spital hatte sie sich gesagt: „Ich weiß nicht, wie ich es machen soll, denn andere will ich nicht anstecken.“ Sie war entlassen worden. In den ersten Tagen dachte sie: „Ich werde ihm sagen: Wasch dich gut.“ Dann mußte sie essen: das Mitleid ist nichts für den täglichen Gebrauch. Wenn sie lange gegangen war, begannen die Steine hart zu werden und hingen sich ihr an die Füße wie Quadern und wie steinerne Herzen. Sie dachte: „Das hat mich tüchtig gepackt.“
Das ist nichts, Herr Gott. Da ist ein Weib auf dem Straßenpflaster, das dahingeht und ihren Lebensunterhalt verdient, weil es schwer anders kann. Ein Mann bleibt stehen und spricht mit ihr, da Du uns das Weib gegeben hast, auf daß wir uns daran erfreuen. Und dieses Weib ist Berthe, und den Rest weißt Du schon. Das ist nichts. Da ist ein Tiger, der Hunger hat. Der Hunger eines Tigers gleicht dem Hunger eines Lammes. Du hast uns Nahrung gegeben. Ich glaube, dieser Tiger ist gut, denn er liebt sein Weibchen und seine Jungen und er liebt das Leben. Aber warum muß der Hunger eines Tigers Blut haben, während der Hunger eines Lammes so sanft ist?
Da waren ganz junge junge Leute, die unwissend, mit vollem Herzen und all ihrem Gelde mit den Frauen gingen. Da waren Männer von fünfundzwanzig Jahren, die ihrer bedurften, sie suchten und lachten, sobald sie sie gefunden hatten. Da waren verheiratete Männer, die dachten: „Ein kleines Abenteuer, ein Lächeln, eine Laune für das Mädchen da, weil sie etwas andres ist, als was mir beschieden war.“ Da waren Männer von vierzig Jahren, die Gesundheitsgründe vorschützten. Da waren Passanten, gleichgültig was für Menschen, deren Schicksal sich entschied.
Ein Mann von fünfzig Jahren kam aus der Bretagne, um in Geschäften eine Woche in Paris zu verbringen. Er begegnete Berthe am Abend seiner Ankunft. Jeden Abend bezahlte er ihr die Mahlzeit, führte sie ins Café-Konzert und gar ein wenig in die Nachtrestaurants. So lernte er das Leben von Paris kennen, das er als junger Mensch nicht hatte kennen lernen können, weil er damals kein Geld hatte. Dann kehrte er in seine Bretagne zu Frau und Töchtern zurück, das Herz leuchtend und die Lippen feucht.
Ein andermal sprach sie ein Mann von fünfunddreißig Jahren an, und er hatte eine Weile gebraucht, bevor er sie ansprach. Sie verbrachten die Nacht in einem Hotel der Rue Saint Sauveur und er schenkte ihr fünfzehn Francs. Er sagte zu ihr: „Vor dem Schlafengehen mach deine Haare zurecht.“ Er legte sich neben ihr nieder und küßte sie auf die Augen: „So bist du einer Frau ähnlich, die ich sehr geliebt und die ich verloren habe.“ Er tat sonst nichts, stützte sich auf dem Kissen auf, sie schlief ein, und die ganze Nacht strich er mit der Hand über ihr Haar. Es gibt schöne Herzen, die heil bleiben.