Gewöhnlich kehrte Berthe um zwei Uhr früh nach Hause zurück, denn die Straßen bieten dann nur mehr zufällig vierzig Sous und die Gefühle sind matt.
Oft griff Blanche bei den Hallen gerade „ihren Mann“ auf, der nicht immer wußte, wo er schlafen sollte oder die Nacht durchwachen wollte. Alle drei, er, Blanche und Berthe, schliefen nebeneinander, doch Blanche behielt den Platz in der Mitte, um ihn an Übergriffen zu hindern und weil sie sehr eifersüchtig war. Es waren schwüle Nächte mit den Seufzern Blanches, den Belästigungen des andern und dem unruhigen Schlafe Berthes. Am Morgen reckten sie sich dann, der unsaubere Mann und die beiden Frauen, in ihrem Dunste, wälzten sich herum und sprangen gegen Mittag aus dem Bett. Sobald Blanche hinunterging, um etwas zum Essen zu holen, benützte der mit Berthe allein gebliebene Mann den Augenblick und begann den Angriff, denn Berthe war hübsch und man hat nie Gelegenheiten genug. Sie wehrte sich, ließ sich gehen, ängstigte sich und spaßte.
Berthe war eben Freudenmädchen. Das ist kein Beruf, den man am Morgen verläßt und außerhalb dessen man das ist, was man sein soll, wie ein Beamter außerhalb seiner Kanzlei. Kennst du den Hauch des Lasters, den man einmal eingeatmet? Die Faustschläge der Zuhälter formen die Mädchen und hinterlassen im weißen Fleische ihre Spur neben dem Verlangen, das Gott hineingelegt hat. Sie leben miteinander, eine große Herde, Blanche, Berthe und die andern, jede gleichsam ein Beispiel und eine Lehre für die Nachbarin. Die Welt der Prostituierten verheißt zu Beginn ein Leben in Freiheit, sinkt dann hinab und stinkt nach tausend Geschlechtern durch den ganzen Tag. Und die Krankheit dringt unter die Röcke mit fressenden Küssen. Das Trottoir, die Hotelzimmer und die Geldstücke sind ein einziger Handel, bei dem man seine Seele verkauft, während man sein Fleisch verkauft.
Man sucht das Glück. Das Glück der Freudenmädchen gleicht dem Rachen der Straßen, der stark ist und das Leben zwischen den Kinnladen zermalmt. Sie bedürfen eines Glücks, bei dem die Männer herrisch sind und sie mit ihren Fäusten packen wie die Wut, unter der man sich duckt. Man sucht die Liebe. Die Liebe der Passanten kommt und geht, ohne etwas von ihrer Flüchtigkeit zu hinterlassen, aber es gibt für das Frauenherz eine andere Liebe, die sie gefangen nimmt und sie niederbeugt und zu Fall bringt. So war es einst mit Maurice.
Berthe suchte denn das Glück in der Liebe. Sie lernte zunächst Blondin, den Radfahrer, kennen. Blondin, der Radfahrer, war groß, breit, rot, hatte feste Hände und gediegene Füße, und schritt auf der Straße mit einer Gewichtigkeit hin, daß schon seine Augen schwer auf unserer Brust zu ruhen schienen. Er betrieb, wer weiß was für einen Fahrradhandel und besaß zwei- oder dreimal ein Automobil, das ihm das Aussehen eines geschickten Mechanikers und eines geschäftigen Kaufmanns lieh, der über den üblichen Handel hinaus ist. Er führte Berthe aufs Land hinaus, und auch das unterschied ihn von den gewöhnlichen Männern. Manchmal hatte er die Taschen voll Geld, ein andermal mußte ihm, wie Berthe sagte, „ausgeholfen“ werden. Seine rohe und handfeste Liebe gewährte entweder Üppigkeit oder forderte die vierzig Sous von dem Weib, das er liebte. Und man liebte ihn, weil er einen umfing, daß die Knochen knackten, und man gab ihm alles, weil er nicht für einen Dummkopf gehalten werden wollte.
Sie lernte eines Nachts, als sie nach Hause ging, den Azteken vom Grand-Montrouge kennen. Er stand an einer Straßenecke, blaß und hager, mit feinem vorgeschobenen Mund und seinem angespannten Willen. Als er sie ansprach, fühlte sie, daß es da keine Widerrede gab und daß ein Mann alles vermag, wenn er der Welt in die Augen sieht.
Sie lernte eines Abends in einer Bar den „Kegel“ kennen, der hinkte und ein verpfuschter Zuhälter zu sein schien. Holterdipolter, die Lahmen sind komisch, es war eine Liebe zum Lachen.
Sie lernte noch andre kennen: die Burschen vom Montrouge, vom Montparnasse und aus dem Latin, die Liebe am Nachmittag, bei der man herumbummelt, die Liebe bei Nacht, bei der man heimgeht; sie lernte auf dem Boulevard Sebastopol sogar die Liebe flink wie der Wind, zwischen zwei Kundschaften, kennen. Sie kugelte rundum durch die Bars und trank, was man wollte, und lachte, wie man eine Kugel anlacht, die das rollende Glück ist. Sie ward eine Hündin, die die Hunde beschnüffelten, einer den andern drängend, das Ding aufgerichtet und das Maul toll wie brünstige Hunde. Sie lernte sie alle kennen und wandelte durch die Straßen als schwaches Fleisch, das unterliegt, ohne Widerstand, ohne einen Nerv, der sich strafft, ohne irgendwas, dessen Herrin sie wäre. Sie warf ihr Portemonnaie in die Luft, aus dem die Geldstücke rollten, auseinanderstiebend im Wirbel eines zügellosen Lasters.
Sie lernte Kiki kennen. Kiki war sechzehn Jahre alt, mit spitzer Stimme, und flitzte herum wie die Kinder um unsre Beine. Er verkaufte gelegentlich Gemüse und kannte seine Straße, wie man sie kennt, wenn man Handel treibt, am Gewicht betrügt und mit den Bestohlenen herumstreitet. Die Männer nahmen ihn nicht ernst: deshalb wehrte sich Kiki mit Zähnen und Krallen, heulte in den Straßen, stürzte sich auf alles und mußte sich mehr als ein andrer Mühe geben, zur Geltung zu kommen. Einmal begegnete er einem Kindermädchen mit einem Kinde. Das Kind hatte eine Peitsche:
„Gib mir die Peitsche, ich knall mit ihr.“