„Du hast mir schweres Leid angetan. Ich bin dir eines Tages begegnet; wir waren einer wie der andre zwanzig Jahre, und ich habe gelitten, weil ich Mann war. Zwanzig Jahre bedeuten Liebe, aber Liebe bedeutet Geld. Ich gönnte mir ein wenig Liebe von meinen Ersparnissen. Sofort hatte ich diese Krankheit. Mein armes Kind, das ist weder meine noch deine Schuld. Wir leben in einer Welt, in der die Armen dulden sollen. Ich war weder reich noch schön genug, um mir eine Frau unter denen zu wählen, die ich kenne. Du weißt, daß ich dich zufällig gefunden habe. Ich glaube, daß du viel Unglück gehabt hast, da du dich jedem, der vorüberkommt, anbietest. Ich tröste mich ein wenig mit dem Gedanken, daß ich dir eines Tages das tägliche Brot war. Ich bin kein Weiser, ich habe dich anfangs verachtet. Aber ein Freund von mir hat mir die Worte gesagt, die ich dir wiederhole: Ich habe erfahren, daß die Welt bös ist und daß wir zu beklagen sind! Du hast mir schweres Leid angetan. Heute soll uns das Leid, das du mir angetan hast, verbinden. Du bist für mich das einzige mögliche Weib, denn meine Berührung bringt die Pest.“
Berthe erwiderte:
„Was willst du! Das ist unser Beruf.“
Sie aßen zusammen in einem Restaurant zu fünfundzwanzig Sous. Speisezimmer im ersten Stock. Die weiß gedeckten Tische haben sechs Plätze und sehen mit ihren Gläsern, ihren Karaffen, ihren Ölfläschchen wie fein hergerichtete Tische aus, an denen man die ausgezeichneten Gerichte der Reichen verzehrt: Rehschnitten, gebratene Kartoffeln, Lämmerhaché, Spiegeleier, Schokoladenauflauf. Man sieht da Herren im Zylinder stolz und höflich ankommen, wortlos essen, zurückhaltend und tief davon durchdrungen, Magistratsbeamte zu sein. Dann ißt man da all die Saucen, die die Eitelkeit erfand, um den Armen unrecht zu tun. Man bestellt seine Speisen in Befehlston und spricht mit leiser Stimme, denn wohlerzogene Menschen machen keinen Lärm. Auf Berthe übte der Luxus einen großen Eindruck aus und sie sagte: „Hier ist es nicht übel“, sie, die die billigen Selcherläden der Vorstadt gewöhnt gewesen war.
Aber nach der Mahlzeit gingen sie in ein benachbartes Kaffeehaus auf eine Tasse Kaffee. Die Stunde war noch besser: Sie wählten eine Ecke und, die Ellbogen auf dem Tisch, fern von den Leuten, die Lärm machen, und von denen, die ihre Manieren unterstreichen, plauderten sie viel. Berthe, die Herumtreiberin, die von Laster zu Laster lief, setzte sich in eine Ecke, die Ellbogen auf dem Tisch, und aus der Tiefe ihres Gewissens stieg ein trauriges und stilles Flämmchen auf. Pierre blickte sie an und, eine Frau neben sich fühlend, glaubte er ein wenig Liebe zu erblicken, ein steiles Flämmchen, das brannte und zart war. Ihre Worte wurden gleich sehr aufrichtig. Sie hatte ein Bedürfnis danach, denn in unsrer Seele gibt es einen unverrückbaren guten Winkel, der in Zeiten, da wir nicht Übles tun, voll schlichter Gefühle ist; da dringen oftmals Stimmen hinein und beginnen zu rufen wie verlassene Kinder. Berthe hatte ein Bedürfnis danach, wie sie einer Mutter bedürfen, dann eines Gatten, sie, die unbeschützten Frauen mit den haltlosen Herzen, die ihren Halt auf der Straße suchen. Sie hatte ein Bedürfnis danach, zu sprechen: „So bin ich, sieh mich an und sage mir, wie du mich findest.“ Niemals war Liebe zwischen ihnen, sondern etwas, das sie überdauert: Vertrauen und Güte.
Sie sprach zu ihm von Maurice und sagte ihm alles. Sie hatte einen Geliebten, der Maurice hieß, der schlecht war und sie aus vollen Händen ohrfeigte.
„Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe: er hat mich so geschlagen, daß ich mich das nie gefragt habe.“ Er war verrückt. Eines Tages habe er sie geschlagen, bis er merkte, daß er sie erschlagen würde. Rechtzeitig ergriff er ein Kissen, schleuderte es ihr über den Kopf und hieb mit der Faust so lang darauf, bis er erschöpft war. Sie war im Gesicht ganz blau geworden. Doch jetzt sei er im Gefängnis.
Und Pierre sah ihn. Er sah diese Dinge von zwanzig Jahren und senkte den Kopf wie Adam, als er erkannte, daß Böses auf Erden sei. Herr Gott, es gibt viel Böses auf der Welt. Da sind Frauen, die unter Deinen Augen sind und Deine Kinder. Du hast sie geschaffen, Du hast sie uns an die Seite gegeben für unsern Hunger wie einen schönen Kuchen. Sie dünken uns so fein, daß wir sie nicht anzurühren wagen, Gott, Gott! Da sind trotzdem Frauen unter Deinen Augen, die ein Kreuz von Eisen tragen. Gott, Berthe: ein Mann zerdrückt ihre Schultern. Er hält sie mit seinen Klauen fest und gräbt sich in ihre Haut, daß sie ihm nicht entschlüpfen kann. Er zwingt sie vorwärts. Mit seinem ganzen Gewicht drückt er sie zu Boden, damit sie kraftlos sei wie ein verendendes Tier, damit sie Dich weder zu sehen noch zu hören vermag.
Pierre blickte Berthe an. Er sagte nichts. Er nahm ihre Hand und hielt sie zwischen seinen Fingern, um sie sein Mitleid spüren zu lassen, ganz einfach, um ihr ein wenig wohlzutun. Dann gingen sie. Er führte sie in seine Wohnung und hielt sie auf der Straße an der Hand, damit niemand sie berühre. Er neigte sich zu ihr und fügte, damit sie so recht fühle, wie er’s meinte, die Worte hinzu: