„Meine liebe Freundin, meine liebe Freundin!“

Manchmal kam ihnen Louis Buisson ins Kaffeehaus nach. Er setzte sich an die andre Seite von Berthe und alle drei sahen, die Ellbogen auf dem Tisch, ihren Kaffee trinkend, aus wie drei junge Leute, die zum Plaudern zusammengekommen waren. Der eine von ihnen war ein armes Kind, eines von jenen, die nicht wissen, wie sie dir etwas Gutes antun sollen, die dich aber freundlicher stimmen, da du ihren heißen Wunsch spürst. Der andre verstand viel besser dein Leid, und wenn er es mit dem Finger berührte, spürtest du einen elektrischen und zarten Finger, der dich berührte und dich sondierte, weil die Wunden sondiert werden müssen, bevor man sie heilt.

Um diese Zeit erzählte Louis Pierre:

„Ich lese die Evangelien. In einer Nacht stieg Jesus mit seinen Jüngern zum Ölgarten hinauf. Es war eine Nacht wie die Nächte in Paris, da wir wissen, daß die Lust böse ist, weil ihr die Menschen nachgehen ohne Liebe. Ihm zu Füßen lag Jerusalem, wo die Freudenmädchen und die Verführung aufeinander prallten wie arge Waffen, die töten, um Vergessen zu bringen. Er dachte daran, daß die Welt voll Geld sei, und daß die Hohenpriester und die Soldaten Haß und Kampf hineintragen. Er stieg auf den Ölberg, um zu seinen Aposteln zu sprechen: ‚Ich bin die Liebe. Lasset uns dort oben zusammenkommen und durchwachen die Nacht vor meinem Tode. Wir wollen zu Ihm beten, der mich auf euren Weg geführt hat, daß er mich noch beschütze. Und morgen, wenn ich am Holze gestorben bin, gehet hin durch alle Welt und sprechet: Die Liebe ist geboren, wir sind gekommen, euch die Liebe zu lehren.‘ Er hielt sich abseits und betete lange. Dann wollte er nochmals zu ihnen sprechen. Er wendete sich um und sah, daß alle eingeschlafen waren. Petrus und Johannes und Judas und Thomas und die andern, sie schliefen, die Arme unter dem Haupte so, als hätten sie nichts anderes vor, als zu schlafen. Da bemerkte Jesus, daß irdische Nacht ihn bedeckt hatte: ‚Jahr um Jahr habe ich meine Seele über die Erde gegossen, um sie zu erleuchten. Vergib mir, mein Vater, doch ich sehe, daß alles umsonst war. Diese hier schlafen heute, am letzten Tage, den Du mir gegeben hast. Wenn die Besten erliegen, wenn die Guten zu schwach sind für das Wort der Liebe, warum hast Du mich hierhergesendet? Der menschlichen Güte ist nicht genug. Ich habe die glühende Liebe gepredigt, und meine arme Liebe liegt im Sterben.‘ — Und ich dachte an Berthe, Pierre, beim Jesus auf dem Ölberg. Der Heiland hat an seinem letzten Tage weinen können, aber das Wort der Liebe ist nicht gestorben. Die Schläfer hatten es bewahrt, denn der Geist ist stark, wenn auch das Fleisch schwach ist. Sie haben mehrere Seelen gerettet: den heiligen Franziskus von Assisi und den heiligen Vinzenz von Paul. Und uns, mein Freund, uns hat ein Freudenmädchen gefunden. Wir wollen sie lehren, daß ihr Leben nicht gut sei, und wollen ein bißchen mehr Güte in das unsre tun, damit sie es begreift und damit sie es liebt. Ich weiß nicht, ob wir sie werden retten können, aber ich weiß, daß das Wort der Liebe keine Grenzen kennt. Wenn wir scheitern, mein Bruder, dann trösten wir uns mit dem Gedanken, daß wir ein wenig Licht in ihre Seele gegossen haben und daß wir nicht wissen, ob wir nicht am Beginn ihres Heils stehen.“

Und später, wenn er sich näher an Berthe gesetzt hatte, fragte er sie:

„Nun, meine Kleine, warum treibst du noch dein Geschäft?“

Sie hatte ein nichtssagendes Lächeln wie die Kinder, die wohl wissen, aber sich nicht zu antworten trauen. Es wanderte eine Weile über ihr Antlitz, während sie die Augen niederschlug, dann sagte sie nichts. Anderswo hätte sie gesagt: „Ach geh, mach keine Faxen!“ Sie hätte dies gesagt, weil die Leute, die Anteil am Elend nehmen, es zuerst ausnützen und dann nicht mehr daran denken, ihm zu helfen.

Doch Pierre sah sie an, als wollte er sagen: Nun, meine kleine Freundin, du weißt gut, das bin ich, mit allem, was ich habe. Und alles, was er hatte, strahlte auf seinem Antlitz wie ein Herdfeuer, das schöne Funken gibt und aufsteigende Wärme. Darum sagte sie:

„Sie glauben, daß man tun kann, was man will.“

Sie fragten sie aus: Wieviel verdiente sie einst mit den Blumen? Sie erwiderte, daß man davon wohl leben könnte, denn man verdiente fünfundzwanzig Francs wöchentlich. Man nimmt ein kleines Zimmer für fünf Francs, und abends kocht man zu Hause. Eine Frau ist nicht wie ein Mann, sie besorgt sich alles selbst.