Dezember dann und Neujahr, alles ging vorüber; aber seitdem Blanche fort war, strich die Zeit mühselig dahin, als fehlte es auch ihr an Schwung.
Eines Tages, um vier Uhr nachmittag, kam Berthe auf dem Boulevard Sebastopol an der Kirche Saint-Leu vorbei. Das ist eine Kirche aus grauen Quadern wie alles rings um die Hallen, wo die Häuser an den Fischmarkt und das große Mundwerk der Händlerinnen erinnern. In den letzten Tagen spürte Berthe ein gewisses Schauern zwischen Zwerchfell und Herzen, ein Spiel der Organe, von dem sie nicht erriet, was es zu bedeuten habe. Manchmal kamen ihr komische Gedanken, die einen Anfang, aber kein Ende hatten und dennoch einen süßen und lieblichen Nachgeschmack hinterließen. Als sie an der Kirche Saint-Leu vorbeikam, durchlief sie das Erschauern und umfing sie. Sie lächelte, indem sie sich ihm hingab, und sagte sich: „Gehn wir hinein!“
Sie durchschritt zweimal die Kirche und war verwundert. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl und wußte einen Augenblick nicht, was sagen:
„Mein Gott, ich bin nur eine liederliche Dirne. Heute abend mußte ich in die Kirche Saint-Leu treten, ohne zu wissen, warum. Da bin ich in Deiner Kirche, mein Gott, ich denke an Dich. Du siehst uns nicht einmal an, denn wir tun alles das, was Du verboten hast. Maurice sagte: Es gibt keinen, aber ich sage Dir: Es gibt einen guten Gott. Mir ist, als wenn ich den Boulevard Sebastopol lange verlassen hätte. Weil ich am Tag meiner ersten Kommunion krank war, nahm ich meine erste Kommunion zwei Wochen später. Wir waren zwei Kleine in Weiß, aus derselben Schule: die Schwester nahm einen Fiaker und führte uns zur Kommunion nach Notre-Dame. Wir waren sehr glücklich, im Fiaker zu fahren. Und dann hat mich meine Mutter am liebsten gehabt. Sie sagte zu mir: Komm her, Berthe, ich mach dir Locken und frisier dich schön. Ich bin in die Katechismusstunden gegangen und liebe noch die Marienmonate sehr. Meine Mutter war sehr gütig, sie war nicht wie die andern Frauen und war Italienerin. Am Tag, wo sie gestorben ist, war ich im Spital. Meine beiden Schwestern besuchten mich: Marthe war ganz blaß, aber Blanche kratzte sich am Kopf und schien sich nicht viel daraus zu machen. Auf der Stelle bereitete es mir nicht soviel Kummer, wie ich geglaubt hätte. Mein Gott, ich denke an meine Mutter. Ich wäre so glücklich, wenn ich sie wiedersehen würde, aber ich frage mich, ob es nicht Dummheiten sind, was ich Dir sage. Ich will zu Dir beten, mein Gott, denn das Gebet tut mir wohl. Wenn meine Bekannten wüßten, daß ich bete, sie würden es lächerlich finden, und ich will trotzdem zu Dir beten. Ich bin nur eine liederliche Dirne, aber ich bin noch nicht schlecht. Du wirst mich ansehen und sagen: Ach, die kleine Berthe Méténier betet da.“
Sie ließ sich auf die Kniee nieder und sprach das „Vaterunser“ und „Gegrüßt seist Du, Maria“, aber sie konnte sich nicht an das „Ich bekenne“ erinnern. Kurz darauf setzte sie sich und blieb in ihrem Winkel sitzen, ganz allein und ganz bescheiden wie ein kleines Kind, das ein gutes Beispiel geben will.
Sie trat hinaus und ging geraden Wegs zu Pierre Hardy. Sie erzählte ihm:
„Weißt du, was ich heute gemacht habe? Ich kam an der Kirche Saint-Leu vorüber. Da bin ich hineingegangen und hab für meine Mutter zum lieben Gott gebetet!“
In ihm war ein Rest seiner katholischen Erziehung:
„Dafür wird dir vieles vergeben werden, meine kleine Berthe.“
Dann wurde er sich bewußt, daß diese Worte nichtssagend waren.