„Ich pfeif drauf, ich pfeif drauf. Das dauert mir schon zu lang. Die ganze Komödie ödet mich an. Man spuckt in die Luft und es fällt einem auf die Nase. Ich pfeif jetzt auf alles, und das ist das Beste. Sie sagen mir: Was haben Sie für eine glückliche Natur, Sie lachen in einem fort. Ich pfeif auf sie. Jetzt will ich mich amüsieren. Gewiß, ich hab einen Nervenanfall gehabt heute abend, und ich möchte wissen, wozu mir das gut ist. Geld bringt’s nicht in die Tasche, wenn man sich grämt. Ach, schau bloß mal den Schädel des Alten an! Wenn er trinkt, läßt er das Bier herunterrinnen. Dann soll er keine Regenwürmer haben im Bart! Die sind gut, die Alten. Man sagt zu ihnen: ‚Zahl mir vierzig Sous drauf und ich küß dich.‘ Was muß Maurice da unten nicht alles schlucken? Seit einer Woche wartet er, daß ich von mir hören lasse. Ich hab es satt. Komisch, wie man aus der Ferne alle Fehler sieht. Da sagt mir unlängst sein Kamrad: ‚Was du treibst, ist nicht recht.‘ Was hat er sich reinzumischen?“
Aber Pierre, der steif dasaß, öffnete den Mund, und sie schwieg schon. In der Luft lag etwas andres:
„Nein, der dein Mann ist, ist nur ein Mensch; ein Leib, der leidet, und eine Seele darin, die büßt, sollen unserm Herzen teurer sein, als alle Begierde und aller Haß und sollen wie ein ausgestoßener Schrei sein, der so lange fortgellt, bis wir ihm unsre Liebe entgegenbringen. Ich weiß, daß ein Mann dir weh getan hat, aber ich weiß auch, daß dieser Mann allein ist. Ist dein Schmerz groß, so sei er auch schön, neige dein Haupt wie ein guter Engel über Gottes Gerechtigkeit, dann erhebe dein Haupt und lächle deinem Bruder Satan zu. Er brachte dir das Licht, als du siebzehn Jahre warst, er setzte sich des Morgens neben dich und sprach, deine Hände nehmend: ‚Schwester meiner Seele, begreifst du meine Liebe?‘ Berthe und Maurice, als die Tage euch zusammenbanden, hat ein Wunder sich erfüllt des Heiligen Geistes, der euch an jenem Tage vermählte und für immer die Stunde eures Glücks eingrub in dein Gedächtnis. Heute ist der Mann hinausgehetzt. Ich sage dir: Du sollst den Mann vergessen, da er den Fluch seines Geschlechts auf dein Haupt geladen hat, aber ich kniee zu deinen Füßen und flehe zu dir: Still ihm das Blut seiner Wunden. Sprich zu ihm: ‚Ich gedenke deiner, der du in der Tiefe der Hölle bist, und ich sende meinen Odem zu dir, deine Flammen zu kühlen.‘ Und da der Tag der Auferstehung kommen wird, da die Buße nicht ewig ist, so wirst du dein Haupt erheben und sprechen: ‚Ich war eine barmherzige Schwester und verband Wunden. Ich bin ein Weib, das du verwundet hast und das leben will; ich will genesen und kenne dich nicht mehr.‘“
Pierre sprach nicht so, Berthe vernahm dieses nicht, aber die Worte schwebten in der Luft rund um ihre Gesichter und strichen über sie wie ein Hauch, der erhabener ist als Menschenworte.
Sie verlangte Tinte und Feder, und im Schreiben war noch die Tollheit der Dirne und Betrügerin. Sie nannte ihn „mein liebes Männchen“ und fuhr fort: „Ich weine, während ich diese Worte schreibe“, und sie lachte darüber. Sie war schmeichlerisch nach der Sitte von Paris, wo man den Straßenpassanten zulächelt und alles sich mit französischer Ironie abspielt.
Sie begann nochmals zu trinken, kräftigen Schnaps, den sie kurz umstülpte und mit einem Kosenamen belegte: kleines Schnäpschen. Die Gläschen reihten sich im Gänsemarsch aneinander wie Kinder, die spielen; sie nahm sie und goß sie tief in sich hinein in der Wut, alles zu ersticken, was noch drinnen übrig geblieben sein konnte. Als sie bezecht war, durchlief der Rausch sie ganz, folgte den Nerven entlang und erregte ihr ein Gelächter, das sie schüttelte und aufkreischen ließ wie eine zusammengepreßte Springfeder. Die Welt war drollig, die Streichholzständer auf den Tischen, die Gaslampen, die Gäste und die Bänke blickten sie mit einem Ausdruck an, den sie noch nicht kannte, sie zu Grimassen herausforderte und stoßweise zum Lachen zwang.
Sie gingen endlich. Die Nacht war feuchtschwarz, die Sterne durchlöcherten den Himmel und sanken wie Hagel herab, der Lärm rollte wie Gottes Donner. Berthe sagte in ihrer arglosen und jähen Trunkenheit:
„Ich weiß nicht, was mit mir los ist, nie bin ich so traurig gewesen wie heute.“
Er führte sie nach Hause, und als sie eintraten, löste sich die Spannung. Die Wirtin erwartete sie: