„Fräulein, Ihr Bruder hat Sie hier gesucht. Er hat einen Brief da gelassen.“
Sie las den Brief und begriff alle ihre Ahnungen.
Ihr Vater war gestorben.
Jean Méténier war, neunundvierzig Jahre alt, im Spital gestorben. Er hatte sich eines Abends zu Bett gelegt, schwer wie ein Stein, und wand sich vier Tage unter seiner Bleivergiftung. Dann verkrampfte er die Fäuste, streckte sich auf den Rücken und fühlte die Schwere seiner sieben Kinder in seinem Schädel: Marthe mit zwei Rangen, Berthe mit Bübü, Blanche und Saint-Lazare mit dem ganzen Bettel, Gustave, der mit der langen Marie, der Müßiggängerin, zusammenlebte, die drei kleinen Jungen, die soviel Brot aßen und mit ihren offenen Spatzenschnäbeln hier zurückblieben, — und er starb mit zusammengebissenen Zähnen und vorgestrecktem Kinn.
In diesen Tagen war Berthe so unglücklich. Man hofft auf ein Wiedersehen, um sagen zu können: „Ich habe geirrt, aber habe dich dennoch geliebt. Ich kehre zurück und nun wird die Familie wieder vollzählig sein.“ Er war tot, und Berthe erinnerte sich besonders eines Ereignisses, das ihr Gustave erzählt hatte. Eines Tages überraschte der Vater Blanche in der Rue Gaîté, wie sie am Arm eines Zuhälters ging. Er kam nach Hause, setzte sich an den Tisch und sagte: „Ich habe drei Töchter gehabt; mußten aus ihnen drei Huren werden?“ Und große Männertränen fielen ihm in den Bart. Er war tot, und das war etwas Unabänderliches und Unerwartetes. Sie hatte viel von ihren Kindergefühlen eingebüßt, aber als sie das ernste und gerechte Totenantlitz erblickte, empfand sie einen Geißelhieb wie von einem ewigen Vorwurf. Sie hatte Furcht, wie man sich nachts bei Albdrücken fürchtet, bei Gewissensbissen, wenn die Finsternis nach dem Verbrechen dicht und schwer ist gleich einer Strafe. Berthe empfand Scham über ihre Vergangenheit, sie sah sie blitzartig beleuchtet und dachte: „Ich bin die letzte der Letzten.“
Und dann wollte sie ein Trauerkleid haben. Nachts verließ sie unter einem Vorwand die andern und ging los, um sich das Trauerkleid zu verdienen. Sie strich wie gewöhnlich über den Boulevard Sebastopol. Drei Stunden schritt sie dahin, die Füße auf den Steinen, in der schrecklichen Todesnacht, und schließlich war es ihr, als schleifte sie den Leichnam durch die Straße. Sie ging mit zwei Männern. Der erste gab ihr zehn Francs, und als sie sich aufs Bett gelegt hatte, genoß Berthe, das empfindungslose und unbeteiligte Freudenmädchen, den Mann und spürte Liebeslust. Der zweite gab ihr hundert Sous und feilschte. Niemals könnte sie den Mann vergessen. Er hatte einen roten Bart, sie hätte ihn am liebsten gebissen und ihm gesagt: „Begreif doch die Gemeinheit, dich auf mir herumzuwälzen am Tag, wo ich meinen Vater verloren habe!“
Diese Nacht rettete sie. Wenn die Schande so groß ist, daß man sie nicht mehr ertragen kann, läßt man sich nieder, errötet noch, blickt aber auf und flieht vor der Schande weit weg und kann nicht anders. Sie hatte den Geschmack von all dem Erleben der so langen Tage, da der Vater starb, im Munde, den Geschmack von Stein und Asche, vom Boulevard Sebastopol und vom Spital, wo man verendet. Und ihr ganzer Beruf war davon erfüllt, all ihre Tage der Krankheit und der Schmach, und die Hotelzimmer, wo man sich aufs Bett legt, bewußtlos und gedankenlos wie ein Tier. Sie sah die unnennbaren Gegenstände wieder, die Waschbecken und die herumliegenden Sachen und das ausgehöhlte Kreuz in den feilen Nächten. Sie erinnerte sich an alles: an das Auf- und Abgehen auf den Boulevards, den Alkohol in den Cafés, die Küsse ohne Geschmack, mengte alles durcheinander, verschmolz es in eine einzige Masse, und all die Nächte wurden in ihrem Gedächtnis die Nacht, in der ihr Vater begraben werden sollte.
Die Familie hatte sich versammelt. Die Großmutter blickte sie mit scharfen Augen an wie eine böse Hexe. Sie sagte: „Saumädel!“ Berthe erwiderte: „Und ich weiß nicht, was du gemacht hast, wie du jung warst.“ Der Bruder sagte: „Du schweig vor allem.“ Man hatte über die drei kleinen Kinder verfügt: Marthe nahm das zweite, Gustave die beiden andern zu sich. Man hatte so vor ihr verfügt, ohne sie zu befragen, ohne sie mitreden zu lassen, als gehörte sie nicht zur Familie. Als sie anbot, mitunter auszuhelfen, antwortete Gustave mit einer Gebärde: „Hilf dir zuerst selber!“
Sie litt unter all dem in der unsagbaren Angst der Verstoßenen und in einem Entsetzen, das sie leise beben ließ. Sie fühlte, daß sie nicht ehrsam war, und begriff unter den Ihrigen, die sich um einen Toten scharten, wie schön es war, ehrsam zu sein. Zu gleicher Zeit wanderten ihre Gedanken zu den Zuhältern und zum Laster. Die ununterbrochene Verknüpfung von Gemeinheit und Kummer brachte sie in schwärzeste Betrübnis, bis an einen verlorenen großen Abgrund, dessen bitteres Wasser ihre Brust überflutete. In ihrem ungelenken Geiste formte das Leben ein Bild, sie sah vor ihren Augen zwei gebrechliche Schultern und auf sie Schläge niedersausen. Sie klagte über sich selbst mit Worten wie zu Kindern: Arme kleine Berthe!
Da sah sie große Gefühle sich in den Tag erheben gleich der aufgehenden Sonne. Sie ward erleuchtet, Magdalena, und als sie sich aufrichtete, um ihr feuchtes Antlitz abzuwischen, schien ihr das Herz vom ersten Licht erhellt zu sein. Sie sah jenseits der Dinge eine tiefe Liebe, eine große Güte, die schwebte und mit den ganz leise bewegten Flügeln um ihre Stirn schlug. Sie sah dies, ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, doch ihre Seele war erfrischt, wie wenn man Früchte genossen hat. Halleluja! sangen die Engel. Auf Erden war ein Duften wie im Marienmonat. Wenn sie an Pierre dachte, so dachte sie an ihre Eltern, an die Kunstblumen und die gute Gewißheit eines Daseins an gleichmäßigen und friedlichen Tagen. Wie begehrte sie danach, niederzusitzen und die Zeit verfließen zu sehen, ohne Gebärde und gesammelt in Gedanken, die mit der Zeit dahinströmten! Gleichwohl, wenn es mir jemand vor einer Woche prophezeit hätte, ich hätte ihm nicht geglaubt, denn das Unglück verfolgt mich zu lange. Ich hätte ihm gesagt: „Aufschneider! Hält man mal dort, wo ich bin, so weiß man, daß es für immer ist. Schließlich, man kann nicht mehr anders.“ Sie dachte schon daran, am Sonntag aufs Land zu gehen, und sie würde sich Blumen mitbringen. Wenn man das Spital fast geheilt verläßt, so fühlt man sich rein gewaschen. Sie fühlte sich rein gewaschen!