Sie dachte: Gewiß, ich werde weniger Geld verdienen, und das wird schwer sein, denn Geld bereitet Glück. Ich werde nicht mehr Tage zu zehn Francs haben wie auf dem Sebastopol; aber wenn ich daran denke, macht mir der Sebasto Herzleid. Offenbar, weil ich nicht so stark bin wie meine Schwester Blanche. Übrigens hab ich nichts davon gehabt. Ich weiß nicht, was im Menschen steckt, wenn er das Handwerk betreibt. Es ist richtig, daß unrecht Gut nicht gedeiht. Mir ist, als würde ich ruhig sein, wenn ich wieder Blumen mache. Ich werde den ganzen Tag zu tun haben, und so werde ich keine Lust haben, viel Geld auszugeben. Schließlich, wenn man ordentlich ist, so ist man immer belohnt. Ich werde noch jemand finden, der sich für mein Los interessieren wird und mir wird helfen wollen. Wahrhaftig, ich glaube, daß ich anständig sein werde. Ich stehe nicht darum, zu heiraten, denn alle Männer haben ihre Mucken.
Sie ging die Maueranschläge in der Rue Réaumur nachsehen und fand sofort Arbeit. Alles vollzog sich wie in den Büchern, wo man die Sonne die Genesenden erwärmen sieht. Der Frühling schien den Winter abzulösen, und der Himmel spendete blaue Lüfte, die in der Sonne zitterten, über die Dächer sich breiteten und Gedanken an junge Liebende erweckten. In den Straßen gingen die Passanten auf der Sonnenseite. Sie war frisch und lebhaft und gut, von einer so großen Güte, daß man geglaubt hätte, all das schöne Wetter komme aus ihrem Herzen. Sie arbeitete in einer finstern Werkstatt, wo alte Winterreste in den Winkeln moderten, und die bissige Besitzerin und all die Närrinnen mit ihren verliebten Albernheiten schienen ihr anfangs schlimme Dinge zu sein, die sie schon einst im Backfischalter erlebt hatte. Sie hatte sie sich eben abgewöhnt, aber in einer Woche war sie wieder darin.
Abends, wenn sie von der Arbeit kam, ging sie zu Pierre. Sie erzählte ihm die großen Neuigkeiten:
„Weißt du, ich hab es satt gehabt . . . Hör, was ich tun will: ich nehme mir ein kleines Zimmer für fünf Francs in der Woche, nicht mehr. Ich werde in diesem Viertel wohnen. Du wirst sehn, mein alter Pierre. Eines Tages endet das mit einer Heirat. Jeden Abend machen wir, wenn du willst, einen Spaziergang durch die Rue de Rivoli und gehn dann jeder nach Hause. Manchmal begleite ich dich in dein Zimmer, aber nicht alle Tage, denn man darf sich nicht zu sehr müde machen. Doch vorläufig mußt du mich aufnehmen, bis ich den ersten Wochenlohn bekommen habe. Du wirst mich ins Restaurant führen. Übrigens mach ich dir keine großen Ausgaben. Wir werden uns gut unterhalten. Wir wollen den Einzug einweihen. Ich kaufe ein Huhn und laß es irgendwo braten, und Gemüse, das wird ein feines kleines Abendessen sein. Ich will mir einen Seiher verschaffen, damit ich Kaffee kochen kann. Du wirst sehn, mein Alter, ich werde ein fabelhaftes Essen bereiten.“
Und Pierre dachte:
„Ich habe kein Weib gehabt. Ich bin mit gesenktem Kopf herumgegangen und wiederholte mir: ich habe kein Weib. Das Unglück unterbricht sich nicht, so daß man glaubt, es sei schlimm, zu leben. Das ist vorüber. Ich fühle jetzt, daß alles, was mir gefehlt hat, nun kommt und daß die Welt in Ordnung ist. Aber das Gleichgewicht findet man nicht auf einmal. Ich frage mich: Was habe ich denn getan, was ist denn mein Verdienst, daß mir solch ein Glück beschieden wird?“
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So schliefen denn Pierre und Berthe Rücken an Rücken, um drei Uhr morgens, in jenen Nächten, die der Liebe gehörten.