Wir müssen nur recht sehr bedauern, daß unser Dokument der weitern Bewegungen unserer respectablen Gesellschaft auch mit keiner Sylbe gedenkt, und uns so eine beneidenswerthe Gelegenheit raubt, unsere schönen Leserinnen mit einigen neuen pas oder einer Gallopade bekannt zu machen. Unsere Autorität bemerkt bloß, daß Toffels Seelenruhe bedeutend erschüttert worden war, und daß er nach dem Frolic, worunter auch der Tanz zu verstehen, nicht schlafen konnte, und daß er zum erstenmale in seinem Leben einen Traum hatte, er, der zuvor nie mit Träumen weder schlafend noch wachend geplagt gewesen.
Wenn wir sagen, daß Toffels Gemüthsruhe bedeutend erschüttert worden, so wollen wir dadurch keineswegs bedeuten, daß er umherging und den Namen Jemima O' Dougherty in jeden Hickorybaum einschnitt, oder die Schäferflöte blies, oder sonst irgend einen Unsinn trieb, wie die Helden Theokrits, Virgils und Geßners allzuoft thaten; nein, Toffel ließ sich nichts derlei in den Sinn kommen, und zwar aus neun und neunzig Ursachen. Was das Einschneiden seines Namens betrifft, so konnte er bloß deutsch schreiben, und das kümmerlich genug; Jemima hätte daher ihren werthen Namen und Lobschrift nicht lesen können. Und wegen des Flötenblasens, so war in der ganzen Niederlassung kein solches Ding, Flöte benannt; der ganze Vorrath von musikalischen Instrumenten bestand in einer Geige mit zwei Saiten, die dritte war bei der erwähnten Kornhülsenfrolic bei Jockel Blocksberger drauf gegangen; und eine Geige, das werden meine Leser sammt und sonders eingestehen, ist keineswegs poetisch, im Gegentheil; — und so fuhr denn Toffel, in Ermangelung all dieses sentimentalen Stoffes, fort, seine Aecker zu pflügen und seinen Weizen zu säen.
Und Jemmy? Je nun, sie war ein gescheides Mädchen, was unsere Leser bei dieser Zeit gar nicht mehr in Abrede stellen werden, und sie wußte, daß der Weizen nicht in einem Tage reife, und daß Geduld und Arbeit und Zeit das Maulbeerblatt umwandle ins Seidenkleid; und sah sie Toffel bei seinem Pfluge, so lachte sie ihm laut ins Gesicht, und spielte mit den Mähnen seines Grauschimmels, und warf dann und wann einen Seitenblick herüber auf den Deutschen. Und während Toffel seinen Weizen und Roggen in seine Aecker säete, säete sie den ihrigen in sein Herz, und beide gediehen und wurzelten und wuchsen, trotz Unkrautes auf der einen Seite, und Vorwürfe und Vorstellungen seiner Basen auf der andern; er sollte ja seiner Familie keine solche Schande anthun, und eine Irische heimbringen, die in der weiten lieben Welt nichts hätte, als eine glatte Haut und eine noch glättere Zunge. Hat je einer so etwas in seinem Leben gehört? Wahrlich, wir sind herzensfroh, daß — — Doch ferne sei es von uns, aus der Schule zu schwatzen.
Die respectiven Saaten wuchsen denn und gediehen, wie wir bereits erwähnt haben, und als sie so eine Weile, trotz alles Unkrautes und Widerspruches fortgewachsen waren, so sattelte einst Toffel an einem schönen Decemberabende seinen Grauhengst, und trabte aufwärts den Windungen nach, die damals und noch heut zu Tage von Toffelsville durch die Ohioberge nach dem Oberlande führen.
Lieblich waren die stattlichen Höfe anzuschauen, die Toffel auf seinem Ritte passirte. Manches frische und, was mehr sagen will, vermögliche Mädchen trieb ihr Wesen in diesen rauh aussehenden, aber wohnlichen Mitteldingern zwischen Häusern und Hütten; von manchem schönen Munde tönten ihm die Worte entgegen: Toffel! wohin des Weges so spät? Willst du nicht herein? Doch Toffel hatte weder Augen noch Ohren und ritt weiter; und die Höfe wurden allmälig ärmlicher, bis er endlich auf eine Strecke Landes kam, die mit Kastanieneichen überwachsen war, wo ihn seine Geduld zu verlassen drohte. Er konnte nämlich diese Baumgattung, die er als einen Auswuchs des unfruchtbarsten Bodens, und zwar mit Fug und Recht, betrachtete, nie ohne Widerwillen ansehen. Und doch, Toffel, trabst du immer weiter! Bist du denn so ganz unempfindlich für weltliche Güter, so zwar, daß du dich von den bewußten Schelmenaugen bezaubern lässest, dieser lieblichen Hexe, die der T—l selbst nicht zähmen könnte, die Vater und Mutter mit vieler Grazie zu plagen und mit noch mehr zu peinigen weiß, die, wie eine Katze, schmeicheln und zugleich kratzen, weinen und lachen, Alles in derselben Minute, ja in demselben Athem kann. Bedenke doch, lieber Toffel! halte ein auf deiner Pilgerfahrt! Feuer und Wasser, Whisky und Sauerkraut, Wälschkornkuchen und saure Milch, wie sollen diese sich vertragen? Wir halten es für unsere Pflicht, für unsern Toffel zu denken, da er selbst nie ein großer Denker war, und ihm gütig zu zeigen, was er zu thun hatte, just so wie manche Zeitungs-Redactoren in ihrer preßfreiherrlichen Qualität für unerläßlich halten, Ministern klar und bündig darzuthun, was sie thun und nicht thun sollen, ein halbes Jahr, nachdem die Sache gethan ist. — Doch wo ist unser Toffel? Nun, da finden wir ihn wieder auf dem dürren Hügel von Kastanieneichen, und zwar vor einem, wie sollen wir es nennen — Bauwerke, das aus den Indianerkriegen herzustammen scheint. Toffel schüttelt sein Haupt bedenklich; es ist des alten Davy O' Dougherty Haus, und ein armselig gestaltetes Haus ist es, man mag es aufs Wort glauben. Regen und Wind haben freiern Zugang in dasselbe, als die Bewohner selbst; dieß ist jedoch nicht die schlimmste Seite in Toffels Augen; ist ja sein Haus selbst nur aus Stämmen aufgezimmert. Aber dann seine Scheune? Sie sieht aus wie ein Schloß, verglichen mit denen seiner Nachbarn; und Davy O' Dougherty hat nicht einmal eine. Seine Umzäunungen! es ist eine Sünde und Schande sie anzusehen. Ja, sein Hof ist ein armseliges Gemälde irischer Betriebsamkeit: kein Gaul, kein Pflug; sein ganzes Agrikultursystem beschränkt sich auf ein paar handbreite Streifen von Kartoffeln und Wälschkorn.
Toffel warf einen langen, bedenklichen Blick auf Davy's unbewegliche Güter, und schüttelte seinen Kopf stärker und stärker, und pausirte. Unglücklicherweise war seine Hand bereits auf der hölzernen Klinke; die Thüre ging auf, und, was konnte er Besseres thun? — er mußte hinein. So eben saß der alte Davy O' Dougherty mit seiner Ehehälfte, einer rothäugigen, schielenden Matrone, und beinahe einem Dutzend rothköpfiger kleiner Ungeheuer — Jemmy nicht mit einbegriffen versteht sich — über seinem Thee und Kartoffeln und Wälschkornkuchen; Toffel drückte seinen Hut ein bischen stärker über die Stirne, nahm einen Stuhl, und postirte sich vor das Kamin. Ausgenommen eine leichte Röthe, die Jemmy's Gesicht überflog, und ein pfiffiges Blinzeln von Seite der Mama, trug sich in der ersten Viertelstunde nichts besonderes zu, und unser Held dürfte ziemlich lange vor dem Steinkohlenfeuer gesessen haben, wenn er nicht ein deutscher Mann gewesen wäre; da er jedoch ein ächter deutscher Mann war, und somit seine Geruchsnerven nicht wenig durch den Steinkohlendunst und die aus dem Theekessel und von den Kartoffeln und Gurken sich entwickelnden Dämpfe ins Gedränge kamen, so erhob er sich zweifelsohne, um eine weniger von Dünsten geschwängerte Atmosphäre zu suchen. In diesem Unternehmen jedoch war er unangenehmer Weise durch einen seiner Füße prokrastinirt, der so unglücklich war, sich in den ziemlich vom Zahne der Zeit benagten Teppichen zu verfangen, und der, so zurückgehalten, dem andern nicht nach wollte, was denn zur unausbleiblichen Folge hatte, daß Toffel der Länge nach auf den Boden hintaumelte, und nahe daran war, das Tischtuch und den ganzen Reichthum des alten Davy in Fayence mit sich zu nehmen. Jemmy brach in ein lautes Gelächter aus, sprang auf und schlüpfte in die Küche.
Toffel richtete sich mühsam auf, blickte auf die verwünschten Oeffnungen in den Teppichen, kratzte sich im Kopfe, sah dann den alten Davy, und seine Ehehälfte, und schließlich die Thür an, durch welche er in sein gegenwärtiges Dilemma gekommen, ohne die zweite, nämlich die Küchenthür, durch welche Jemmy verschwunden und durch die er in ein vielleicht noch verwickelteres einzugehen so eben im Begriffe war, auch nur eines Blickes zu würdigen. Er pausirte lange; nochmals sah er auf die Hausthür, und vielleicht hätte sein guter Genius obgesiegt; aber in diesem entscheidenden Momente öffnete sich die verwünschte Küchenthür, und Jemmy's Schwanenhals streckte sich dazwischen, und dieß entschied. Toffels rechter Fuß bewegte sich unwillkürlich, dann sein linker, und schließlich schob sich Christophorus, ganz wie er leibte und lebte, durch die Thür vor's Küchenfeuer, dem gewöhnlichen rendez-vous für alle derlei wohlbewußten Affairen. Jemmy stöberte unterdessen zwischen und unter den Töpfen, Kesseln, Zubern, Aepfeln und Pfefferfestons herum, wahrscheinlich, weil sie nichts Besseres zu thun hatte. Da jedoch die Küchengeräthe von Mistreß O' Dougherty in einem nur zu genauen Verhältnisse zu ihres Mannes Agrikulturutensilien standen, so konnte ein derlei Herumstöbern nicht ewig dauern, und da sie es endlich überdrüssig war, mit den drei Töpfen und Kesseln sich zu unterhalten, so setzte sie sich gleichermaßen vor das Kaminfeuer an die Seite Toffels hin.
Nun wollte ich wetten, einige meiner schönen Leserinnen werden arger Weise vermuthen, daß ein solches Beisammensitzen verschiedene Bewegungen und Rührungen zur Folge gehabt habe, als da sind: Händedruck und Erröthen und Seufzen und Herumschlagen des Armes um den Nacken, und derlei Albernheiten. Wir protestiren jedoch feierlichst gegen alle solche süße Regungen, für welche beide, die anregenden und die angeregten, die Ruthe tüchtig empfangen sollten. Nein, Toffel war ein ganz anderer Mann, wie wir bald ersehen werden.
Eine Viertelstunde mochte bereits verflossen sein, und noch war kein unziemlicher Gedanke ihm durchs Gehirn oder über die Zunge gekommen. Die einzige Freiheit, die er sich erlaubte, bestand darin, daß er seinen mannigfaltigen Hut auf das rechte, und dann auf das linke Knie, und zur Abwechslung wieder auf das linke und dann auf das rechte hing. Zuletzt jedoch faßte er Muth, und, seiner Nachbarin starr in's Gesicht schauend, fragte er sie englisch (Toffel hatte bereits englisch gelernt, wie unsere Leser sehen werden): »Weder she wouldnd hab him for a hosband?« (whether she would'nt have him for a husband?)[19] Die Antwort auf diese wichtige Frage, obwohl keine dritte Mittlersperson zugegen war, hat unser Dokument buchstäblich aufbewahrt. »Are you crazy,« erwiederte sie; »what should I do with a Dutchman?«[20] Harte Worte! wirklich harte Worte, besonders wenn ausgesprochen von einem spitzen irischen Mäulchen. Armer Toffel! du kanntest die Arglist der kleinen Hexe nur allzuwenig, die feilschend erst ihre Waare, nach der doch alle ihre fünf Sinne gelüsteten, herabzusetzen gedachte, um sie dann desto wohlfeileren Kaufes zu erlangen. Was sollte ich mit einem Deutschmanne thun? Denkt nur eine solche Frage, und von einem solchen Dinge, als Jemima O' Dougherty, zu einem Manne wie Toffel, sechs Fuß sechs Zoll hoch, mit dreihundert Ackern und zwei vollen blaugewirkten Strümpfen! Gerade als ob du irgend ein Dandy[21] von Broadway, oder ein Paddy[22] gewesen wärest, herübertransportirt in der Steerage[23] in diese unsere Vereinten Staaten, zum Leidwesen unserer tausend und einen Temperanz-Gesellschaft. Ehekandidaten sammt und sonders! Gedenkt dieser Worte, und sollte euch je bei einem ähnlichen Vorfalle eine gleiche oder ähnliche Antwort zu Theil werden, dann pausirt; pausirt aber nicht vor dem Küchenfeuer, sondern in euerm Ansinnen, und reitet des Weges, den ihr gekommen seid.
[19]: Ob sie ihn nicht zum Ehemann haben wollte.