Die Caripunas sind recht geschickte Fischer. Die Jagd auf Großwild, wie Jaguare, Tapire oder Hirsche ist ihnen zu anstrengend, und sie ziehen vor, Affen zu erlegen und zu verspeisen. Viele der Eingeborenen fallen alljährlich den Bissen der zahlreichen Giftschlangen in den Wäldern des obern Madeira zum Opfer oder lassen in den erdrückenden Umschlingungen der Riesenschlangen ihr Leben. Die Kinder sehen für Indianer manchmal ganz gut aus, altern aber sehr schnell. Das übliche Heiratsalter ist zwölf oder dreizehn Jahre.
Tatauieren oder Bemalen des Körpers ist bei den Caripunas nicht gebräuchlich. Dagegen umwinden sie Waden- und Armmuskeln mit schmalen Faserriemen. Ob sie das in dem Glauben tun, dadurch ihre Kraft zu erhöhen, weiß man nicht genau. Doch scheint es unwahrscheinlich, weil der Brauch unter Männern durchaus nicht allgemein ist und auch bei Weibern und jungen Mädchen auftritt. Die Kanus der Caripunas sind ganz roh. Ein Baumstamm wird ausgehöhlt und zusammengebogen, so daß die offenen Enden weit über dem Wasser liegen. Es muß nicht wenig gefährlich sein, in diesen unhandlichen Booten die seichten, von Alligatoren wimmelnden Flüsse und Igarapés zu befahren. Die Bewaffnung der Männer besteht aus vergifteten Speeren und Pfeilen. Die Kriegsbogen sind weit über zwei Meter lang, und auf nahe Entfernung treffen sie damit recht sicher. Blasrohre, Keulen, Tanzstöcke, Macanas (eine Art Holzschwerter) und andere Waffen oder Zeremonialgerätschaften bekam ich bei den Caripunas nicht zu Gesicht, wie ich sie später bei wilden Stämmen fand, die mit den Weißen noch nicht in Berührung gekommen waren. Einer der Indianer war im Candelaria-Krankenhaus bei Porto Velho operiert worden. Er humpelte auf einem Bein umher, ist aber seitdem gestorben. Die Tuberkulose ist von den Weißen eingeschleppt worden, und fast der ganze Stamm hat darunter zu leiden.
Eine der Dorfmerkwürdigkeiten war ein gefleckter Indianer von einem Stamm, der sich in den Wäldern zwischen dem Westufer des Madeira und dem Purúsflusse aufzuhalten pflegt. Sein ganzer Körper war mit weißen und braunen Flecken bedeckt. Sie sind die Folgen einer seltsamen Krankheit, die früher am Rio dos Purús, dem „Flusse der Gefleckten“, weitverbreitet war. Man behauptet, daß diese geheimnisvolle, aber nicht tödliche Krankheit entsteht, wenn man ohne Kleidung auf den Uferbänken schläft. Der einzig bekannte Stamm, der jetzt noch an ihr leidet, ist der der Pammarys oder Purús. Ein Sachverständiger in Porto Velho meinte, daß sie vom Trinken eines Safts gewisser giftiger Kräuter käme.
Zwei Nächte lagerte ich am Ufer in der Nähe des Caripunas-Dorfes. In der letzten brach einer jener heftigen Gewitterstürme aus, wie sie im Amazonengebiet häufig sind. Bald nach Sonnenuntergang setzte er mit Regenschauern und fast unaufhörlichen Blitzen ein, deren Licht die dunkelsten Winkel des Urwalds erhellte. Das Segeltuch meines kleinen Zeltes beulte sich nach innen unter der tropischen Sintflut. Kaum hatte sich der Sturm erhoben, als die Klappe des Zelts zurückgeschlagen wurde und ein kleines menschliches Wesen ohne weitere Förmlichkeiten hereinkam. Ich wollte gerade die Lampe anzünden, aber der Luftzug von der Zeltöffnung löschte das Streichholz aus. Einen Augenblick wußte ich nicht, ob ich ein neues anzünden und mich dadurch einem etwa beabsichtigten Angriff gegenüber hilflos machen sollte, oder ob es geratener wäre, vorsichtig nach der Flinte zu greifen, die irgendwo unter den bei Beginn des Gewitters hastig geborgenen Sachen lag. Dann fiel mir ein, daß der Eindringling wahrscheinlich einer meiner eigenen Boys wäre. Ich suchte einigermaßen Deckung, indem ich mich hinter den Gepäckhaufen kniete, strich ein Zündholz an — und brach in ein lautes Gelächter aus!
Der Eindringling entpuppte sich als ein kleines, etwa elfjähriges Mädchen, dessen Haare und Körper von Wasser trieften. Sie sah furchtbar erschrocken aus, entweder durch die Blitze oder weil sie sich in einer Falle fand, da die Zeltklappe hinter ihr wieder zugefallen war. So beeilte ich mich, die kleine Sturmlampe anzuzünden. Gelähmt vor Furcht, war das Kind außerstande zu sprechen oder sich zu bewegen und zuckte zurück, als ich es zu beruhigen versuchte. Die Lage war nicht gerade gemütlich. Die Kleine konnte jeden Augenblick ihre Sprache wiederfinden, und ihr Geschrei mochte ernste Folgen nach sich ziehen. Denn galten auch die Caripunas für umgänglich, so waren sie doch Wilde und daher dem Impuls des Augenblicks ohne Überlegung hingegeben. Dazu kam noch, daß sie von gewissenlosen Caboclos manche Unbill erlitten hatten.
Trotzdem es gewiß kein Vergnügen war, schlüpfte ich also aus dem Zelt in die Sintflut hinaus, um sofort der Länge nach in den Schmutz über einige Kisten zu fallen, die in der Eile draußen vergessen worden waren. Das Leuchten der Blitze zeigte mir den Weg zu der unbenutzten Malocca, die man meinen beiden Caripunasboys angewiesen hatte. Zufällig waren sie aus einem andern Dorf und nicht wenig erschrocken, als ich plötzlich im Düster des Innern neben ihrer Feuerstelle auftauchte. Ich packte Washington am Arm und zog ihn in den Sturm hinaus und ins Zelt zurück. Man kann sich meine Überraschung vorstellen, als ich das Kind, die Ursache alles Schreckens, auf meinem Bett sitzend entdeckte, wie es in aller Ruhe Biskuits aus einer Blechdose knapperte!
Ich gab Washington die nötigen Erklärungen, der grinste und mit der Kleinen redete. Wie es schien, war sie von der Neugier verführt worden, durch einen Schlitz in der Klappe hereinzugucken, als der Sturm sie packte. Nicht mein unerwarteter Anblick war es gewesen, der sie erschreckt hatte, sondern das brennende Zündholz, das ich in der Hand hielt! Unnötig zu sagen, daß die keineswegs scheue junge Dame ohne weiteres durch Washington an den Busen ihrer Familie zurückbefördert wurde, nachdem ich ihr Mund und Hände noch mit Keks vollgestopft hatte. Dieser Vorfall bewies mir, daß die Caripunas ihre Kinder im allgemeinen gut behandeln, sonst würde die Kleine Zeichen von Furcht verraten haben, als ich sie beim Verzehren meiner Biskuits überraschte. Am nächsten Morgen erfuhr ich auf meine Fragen, daß das Mädchen „Teite“ hieß, konnte aber nicht herausbekommen, was der Name bedeutete. Das brennende Streichholz hatte sie von meiner Fähigkeit überzeugt, Licht von den Blitzen mit der Hand einzufangen!
Da es unmöglich war, sich nach Nordosten durch die Wälder durchzuschlagen ohne die Begleitung zahlreicher mit Buschmessern versehener Leute und ohne Vorräte für einige Monate, entschied ich mich dafür, sofort nach Porto Velho zurückzukehren und von dort verschiedene Flüsse zu untersuchen, die der Madeira unterhalb seiner neunzehn Katarakte nach Nordosten entsendet. Die Oberläufe mehrerer dieser Flüsse waren noch unerforscht, und ich beschloß einen Vorstoß in die Wälder des Quellgebiets des Gy-Paraná zu versuchen. In Porto Velho hielt man das für äußerst gefährlich, da die Indianerstämme in jener Gegend feindlich gesinnt sein sollten. Aber in den großen tropischen Wäldern des Amazonengebiets ist nur für den Forscher ein Erfolg zu holen, der frisch und unbedenklich dem Unbekannten gegenübertritt. Einer Gefahr allerdings beabsichtigte ich mich nicht auszusetzen, der des langsamen Verhungerns in den düstern Wäldern, ein Schicksal, das dem unerfahrenen Reisenden im Amazonengebiet nur zu leicht beschieden sein mag.
Als meine Absichten und Ziele in Porto Velho bekannt wurden, bekam ich keine Kanuleute, da zwei Deutsche vor wenigen Monaten im Gebiet des Gy-Paraná von unbekannten Indianern ermordet worden waren. Einige Caboclos hatten nur ihre Gebeine aufgefunden. Dadurch aber wollte ich mir meine Pläne nicht vereiteln lassen. Ich bestieg den „Francisco Salles“, der den Madeira hinabfuhr, und verließ ihn wieder bei der kleinen Ansiedlung von Humaitá, wo es mir bald gelang, zwei halbzivilisierte Torasindianer von dem Faktoreibesitzer zu bekommen. Ich „kaufte“ sie mit der Vereinbarung, daß sie auf meinen Wunsch hin als Kundschafter in den Wäldern am Gy-Paraná Dienste leisten sollten.
In den Gebieten, wo Kautschuk- oder Nußbaumwälder vorhanden sind, wird sich der Reisende an den Endpunkten des Dampferverkehrs ohne besondere Empfehlungen der Schwierigkeit gegenübersehen, eingeborene Kanuleute und vor allem Träger zu bekommen. Der Grund liegt darin, daß fast alle halbzivilisierten Indianer ihren Herren, den Seringals oder Faktoreibesitzern, verschuldet sind. Sie dürfen nur dann einen andern Dienst annehmen, wenn der neue Herr ihre Schulden bezahlt. Verläßt ein verschuldeter Indianer seinen Dienst, so wird er zwangsweise zurückgeschafft, und wird er losgekauft, so steht er für die betreffende Summe in der Schuld seines neuen Herrn. In Brasilien wird diese Einrichtung viel gerechter gehandhabt als in Peru, weil sich die Tätigkeit der Beamten des Indianeramtes auch auf die Waldgebiete erstreckt. Aber der europäische Reisende wird über die Höhe jener „Schulden“ doch recht erstaunt sein, wenn er sie nicht wieder auf einen Nachfolger abwälzen kann, den ihm Freunde oder Beamte des Indianeramtes verschaffen.