Zwei Tage mußte ich in dem Moskitonest Humaitá aushalten und mich mit gerissenen Mischlingen herumschlagen, um verschiedene Vorräte recht zweifelhafter Güte einzuhandeln. Dann endlich schafften meine beiden Indianer das Gepäck das steile Ufer hinab ins Kanu, und fort ging es auf dem dunkeln, schnell dahinströmenden Flusse. Es war ein kochend heißer Tag, und die Oberfläche des Wassers strahlte wie geschmolzenes Gold. Auf meinem kleinen Taschenthermometer las ich 37° Celsius im Schatten ab. Ehe die Nacht einbrach, hatten wir das Häuflein Palmhütten von Boa Esperança passiert und die schwierige Durchfahrt zwischen den „Pedras das Gaivotas“ (Möwenfelsen) hinter uns. Dann aber waren wir am Ende unserer Kräfte und schlugen das Lager auf einer kleinen Graslichtung in der Nähe der Mirary-Faktorei auf. Es war eine wundervolle tropische Nacht. Auf dem Fluß lag der Silberglanz des Mondes, von dem sich die schwarzen Umrisse der hochgewachsenen, schirmartigen Bäume des großen Urwalds abhoben.

Während ich auf der schmalen Lichtung auf und ab ging, um die Glieder nach dem stundenlangen Im-Kanu-Sitzen wieder geschmeidig zu machen, fühlte ich feine Spinnenfäden sich um mein Gesicht und meine Hände schlingen. Auf verhältnismäßig trockenen Plätzen im Dickicht kommt das durchaus nicht selten vor, und ich würde es wohl kaum bemerkt haben. Aber in meinem Zelt brannte die Lampe, die ich zum Lesen und Schreiben immer mit mir führe, und auf der erleuchteten Zeltwand erschien ein dunkler Fleck, der meinen Blick auf sich zog. Bei genauerem Zusehen erkannte ich eine mächtige, haarige Spinne, anscheinend von der Vogelspinnenart, und mit Hilfe meiner elektrischen Taschenlampe verfolgte ich das Netz, das sich im Dreieck zwischen zwei etwa sieben Meter voneinander entfernten Bäumen und dem Zelt ausspannte!

Wenn etwas mir einen Schauder einjagt, so sind es Spinnen. Der Anblick dieses Untiers, dessen Scheußlichkeiten auf dem Seidenzeug des Zelts durch das Licht der Lampe in jeder widerlichen Einzelheit sichtbar wurden, jagte mir trotz der erstickenden Schwüle der tropischen Nacht ein Frösteln über den Rücken. Wie sollte ich den Eindringling wieder loswerden? Schlug ich nach der Spinne mit dem Flintenkolben, so gab’s ein Loch oder das Zelt wurde überhaupt niedergerissen und meine unersetzliche Lampe ging in Trümmer. Ein Schuß wäre ebenso unheilvoll gewesen, aber trotzdem konnte ich mich nicht überwinden, im Zelt zu schlafen, solange das Untier sich nur einen oder zwei Fuß von meinem Gesicht befand — wenn auch an der Außenseite des Zeltes.

Zehn Minuten später hatte sich noch nichts an dieser Lage geändert. Hätte ich einen Eimer voll Wasser über die Bestie geschüttet, so wäre sie freilich fortgekrochen, aber vielleicht in das Zelt hinein! Schließlich weckte ich in meiner Verzweiflung einen der im Kanu schlafenden Indianer. Die Spinne wurde in einem Reserve-Moskitonetz gefangen und wanderte in meine Sammlung. Dann endlich konnte ich mich zurückziehen mit einem Gefühl der Erlösung, aber auch der äußersten Unzufriedenheit mit mir selber. Während der folgenden schlaflosen Nacht hatte ich dann genug Zeit, über die Albernheit von „Idiosynkrasien“ im Licht der modernen Psychologie nachzudenken.

Es ist wirklich unnötig, bei einer Schilderung der Schönheit des nächsten Morgens zu verweilen. Denn auf diesen ungesunden tropischen Flüssen des entlegenen Amazonengebiets sind die Morgen beständig frisch, klar und sonnig, außer vielleicht während der dicksten Regenzeit. Kaum hatten wir begonnen, flußaufwärts zu rudern, als auf dem Ostufer sehr hohe, rote Klippen erschienen, die die Eintönigkeit des Waldes unterbrachen. Hinter der grünen Palmeninsel von Pasto Grande wurde das Kanu plötzlich in einen Strudel gezogen, der sich um einen sehr gefährlichen Felsen unter Wasser gebildet hatte. Es drehte sich um sich selbst, und wir mußten all unsere Ruderkünste anwenden, um nicht zu kentern, bis wir wieder in ruhiges Wasser gelangten.

Bald nach Mittag trafen wir auf die Mündung des unerforschten Maicyflusses, der sich später als der beste Weg ins Herz des Landes der Parintintins erwies. In der Nähe der Mündung standen einige ziegelbedeckte Häuser, eine Barraca und eine Windmühle. Sie bildeten, wie ich leider erst später erfuhr, eine Station des Indianeramts. Hätte ich hier angehalten, statt den Gy-Paraná hinaufzufahren, würde ich mir viel Zeit, Mühe und auch manche Gefahr erspart haben. Für den Reisenden liegt die größte Schwierigkeit im Amazonengebiet in seiner Unkenntnis dessen, was schon vorher von andern geleistet worden ist, in dem Fehlen zuverlässiger Karten und einer Stelle, die wirklich Auskünfte zu geben in der Lage ist. Andererseits wären mehrere damals unbekannte Indianerstämme unentdeckt geblieben, wenn wir uns nicht den ungesunden Gy-Paraná hinaufgearbeitet hätten.

Bald hinter der Calamarinsel und den vier Häusern, die den stolzen Namen „Calamar“ tragen, fuhren wir in die von Inseln versperrte Mündung des Gy-Paraná ein. Künftigen Reisenden diene zur Auskunft, daß sich die Einfahrt auf der linken Seite befindet; rechts gelangt man in einen kleinen Fluß, der die Lokalbezeichnung Rio Preto führt. Hat man einmal den breiten Madeira hinter sich gelassen, so scheint der letzte Zusammenhang mit der Zivilisation plötzlich abzureißen. Was auf der weiten Wasserfläche für Gesicht und Gehör unbemerkt blieb, drängt sich nun der Aufmerksamkeit auf, besonders während der eigentümlichen Stille der äquatorialen Abenddämmerung. Fast sofort schlossen sich die Mauern der dunklen Bäume um den still strömenden Fluß zusammen, und die Luft wurde schwer vom schwülen Geruch des tropischen Waldes. Unter einer riesigen Induba schlugen wir unser Lager auf, gerade als das letzte Gold des Himmels die lichteren, aber schweigenden Hallen der unerforschten Wälder um uns durchzitterte.

8. Ins Herz des tropischen Urwalds.

Als wir früh am folgenden Morgen dicht am Ufer dahinfuhren, kam aus dem Gebüsch ein knurrender Laut und man hörte Zweige brechen. Im nächsten Augenblick bekam ich zum erstenmal den amazonischen Tiger, den Jaguar, zu Gesicht. Das Gebüsch und das hohe Schilfgras teilten sich gegenüber dem Kanu, und der König des südamerikanischen Großwilds erschien für einige Sekunden, offenbar geblendet vom Licht. Keine 10 Meter von uns entfernt stand er da. Vom Hellgelb des Fells hoben sich die pechschwarzen Streifen und Flecken prächtig ab. Es war unmöglich, die volle Größe des Tieres zu schätzen, da nur Kopf, Brust und Vorderpranken in dem hohen Gras und verfilzten Ufergebüsch sichtbar wurden. Der Jaguar knurrte und verschwand sofort wieder, als er uns mit erhobenem Kopf gewittert hatte. Meine beiden Indianer hätten ihn gern verfolgt, aber die begrenzte Zeit und unsere beschränkten Vorräte verboten es. Auf späteren Reisen jedoch glückte es mir, eine solche Jagd mitzumachen. Die Turasindianer fangen den Jaguar in einer aus Gras geflochtenen Schlinge, die auf dem Wechsel verborgen wird, den die Tiere betreten, wenn sie, meist bei Sonnenuntergang, sich an den Fluß oder ein Wasserloch zur Tränke begeben. Das Ende des Grasseils, das in die Schlinge ausläuft, ist so an einem heruntergezogenen Ast befestigt, daß das gefangene Tier buchstäblich gehängt wird. Das Fell wird nicht zu Kleidern verwendet, sondern dient als Decke in den Hütten oder als Schutz gegen die tropischen Regengüsse. Gegen Speere auf der Jagd sind die Indianer eingenommen, weil durch die zahlreichen Stiche das Fell beschädigt wird.

Es gibt wohl kaum einen schöneren Anblick als den des amazonischen Waldes aus der Nähe besehen. Von den breiten Flüssen aus, dem Amazonenstrom selbst, dem Tapajóz, Madeira oder Ucayali macht er den Eindruck einer fast ungebrochenen und sehr eintönigen Mauer aus verschwommenem Grün — eines Vegetationschaos. Bei näherer Bekanntschaft jedoch entfaltet er den ganzen Zauber seiner Schönheit. Über den Fluß breiten sich in tausendfältigem Widerspiel der Wasserfläche zahllose Palmenarten: die bis zu 15 Meter hohe Miritypalme mit ihren großen fächerähnlichen Wedeln und rotleuchtenden Fruchtbüscheln; die graziöse Caranápalme mit ihren Dornen am Stamm und an den Blättern; die Jupatipalme mit ihren federartigen Blütenmassen, die über die lichtern Stellen des Flusses ihre Schatten werfen; die Bandpalme Jacitará (Desmoncus), die flechtenartig an den Stamm fast jedes der Baumriesen sich anklammert. Mächtige, silberweiße Stämme heben sich von der dunkeln Blätterwand ab und breiten, wie riesenhafte grüne und rote Schirme, ihre Kronen hoch über das unendliche grüne Meer. Neben der Assaipalme, die wie ein Rohr vom leisesten Luftzug bewegt wird, erhebt sich stark und bejahrt die Tucumápalme. Grüngefaserte Seile hängen in Schlingen von den höchsten Ästen, und Orchideen, Cattleyen und andere Arten heben ihre Blüten aus feuchten und üppigen Höhlungen. Sinkt dann die Sonne im Westen, so wandelt sich das Grün der Wälder in Gold, Rot, Dunkelbraun und Violett, bis es endlich in geisterhafter Schwärze erstirbt.