Träge flossen die Tage in dem leichten Rindenkanu unter dem Palmstrohschutzdach dahin, denn es war die Zeit des Hochwassers und gab keine Strömung. Der mächtige Amazonenstrom, dessen Gewässer selbst den Atlantischen Ozean über 300 Kilometer weit von seiner Mündung färben, zwingt allen Nebenflüssen seinen Willen auf, sogar solchen wie dem Gy-Paraná, der fast 1600 Kilometer vom Hauptstrom abliegt und fast 3000 Kilometer vom Gestade des Meeres! Er zwingt sie, ihre Gewässer zurückzuhalten, bis er selber weit genug gefallen ist, um sie aufnehmen zu können. Dadurch werden unermeßliche Flächen überflutet. Fast zwei Tage lang fuhren wir über ruhige Seen und durch überschwemmte Urwälder. Die eigenartige Stille dieses weiten überschwemmten Dschungelgebiets ist höchst eindrucksvoll. Jedes Anzeichen von Leben scheint sich aus Land und Bäumen zurückgezogen zu haben. Die schnatternden Affen, die lärmenden Papageien und Araras, die Spieß- und Pampashirsche, die sonst durch das brechende Unterholz streifen, der sein Weibchen lockende Tapir, das im Schmutz wühlende Wildschwein, der herumscharrende Ameisenfresser, die in Höhlen wohnenden Gürteltiere — sie alle flüchten vor den steigenden Fluten, und selbst die Vögel streifen über das dunkelgrüne Blätterdach ohne Schrei und Gesang. Nur die sumpfliebenden Schlangen, die Fischottern und Alligatoren, die gefürchteten elektrischen Aale und die Wolken von Insekten scheinen sich im Dunst der Gewässer und des Moders wohlzufühlen.
So schlich Stunde um Stunde dahin in Sonnenhitze und Schweigen. Überall um uns der Wald, aus der Grenzenlosigkeit des stagnierenden Wassers emporsteigend. Dann wieder lange Nächte im Kanu in verkrampfter Haltung, während der gelbe tropische Mond hinter den hohen Bäumen stand und sonderbare Schatten auf das Brackwasser warf. So niedergedrückt fühlte ich mich, daß ich mehr als einmal, in Augenblicken der Schwäche, laut redete, um den Eindruck der schauerlichen Verlassenheit zu vertreiben. Diese überschwemmten Flächen, die zuweilen 50 bis zu 250 Geviertkilometer bedecken, sind so häufig in den niedern Flußtälern, daß die beiden Turas, schweigend und unbewegt wie nordamerikanische Indianer, weiterpaddelten, ihre kärgliche Nahrung zu sich nahmen, schliefen, und gleichmütig nach dem tiefen Wasser Ausschau hielten, das das Bett des Flusses anzeigt.
Gegen Mittag des zweiten Tages in diesem Riesensumpf ereignete sich ein Zwischenfall, der unsere kleine Expedition beinahe zum Scheitern gebracht hätte. Von einem überhängenden Ast fiel eine Schlange ins Boot, während die Ruderer in der Mittagshitze ausruhten. Tod durch Schlangenbiß ist so häufig unter den nackten und daher ungeschützten Eingeborenen, daß meine beiden Indianer in ihrer Hast, von dem sich krampfhaft ringelnden grünen Ding wegzukommen, beinahe das Kanu zum Kentern brachten. Sie zogen die Gefahren vor, die unsichtbar unter dem brüheartigen Wasser lauerten und sprangen über Bord.
So einfach war es nicht, den gefährlichen Eindringling unschädlich zu machen. Es war eine Louro Machaco oder Papageienschlange, so genannt wegen ihrer wunderschönen grünen Farbe. Ich quetschte sie mit einer schweren Kiste gegen die Bordwand und beförderte sie dann durch einige Schläge mit dem Paddel ins Jenseits. Die Haut wurde ihr als Siegestrophäe abgezogen.
Nach einer solchen Aufregung wird die erschlaffende Hitze des amazonischen Waldes erst recht fühlbar. Meine dünne Kleidung war vom Schweiß buchstäblich wie aus dem Wasser gezogen. Zu der körperlichen Unbehaglichkeit kam noch der seelische Schock bei dem Gedanken, wie nahe wir daran gewesen waren, durch das Kentern des Kanus Ausrüstung und Vorräte einzubüßen. Die verhältnismäßig unbedeutende Anstrengung rief eine krankhafte Abgespanntheit hervor, die einige Stunden anhielt und mich zur Einnahme einer Extradosis Chinin veranlaßte, was zuzeiten im entlegenen Amazonengebiet für Leben und Tod entscheidend ist. Wir befanden uns nun mitten im Sumpf- und Flußgebiet des oberen Madeiratals, dem Lieblingsaufenthalt des Alligators und der Anakonda. Exemplare dieser Riesenschlange von zwölf Meter Länge waren in den dem Madeira benachbarten Seen und Sümpfen oberhalb Porto Velho gefangen worden. Die Eingeborenen behaupten, daß einige dieser überfluteten Dschungelstrecken im Kanu nur unter Todesgefahr zu befahren sind, die von diesen riesigen Reptilien droht. Die Haut der Anakonda ist gewöhnlich bräunlich oder schwarz und gelb gestreift. Sie erdrückt ihre Beute, indem sie sie in ihren Umschlingungen zusammenpreßt, bis die Knochen gebrochen sind. Dann soll sie Affen, Jaguare, Tapire und Ameisenfresser fast im ganzen verschlingen können. Ein Mensch, den sie einmal in solcher Umschlingung gefangen hat, hat kaum noch eine Hoffnung auf Rettung.
Der Vorfall mit der Schlange ist an sich durchaus nichts Ungewöhnliches auf Reisen im Amazonengebiet. Aber den beiden Turas brachte er die Eingeborenensagen von der „Mae de Agua“, der „Mutter des Wassers“, wieder in Erinnerung, die sich zweifellos auf Anakondas oder ähnliche Ungeheuer beziehen. Eine Zeitlang ängstigten sie sich vor allem, was nur einigermaßen diesem Schrecken der Sümpfe glich, ob das Licht des Tages, Dämmerung oder Mondschein herrschte. Was mich selber betrifft, so war ich zu sehr damit beschäftigt, mich gegen die Insektenpest zu verteidigen, als daß ich mich ähnlichen Gedanken hätte hingeben können. Sie machte jede Stunde des Tags und der Nacht zu einer endlosen Qual, aber wenigstens wurde ich dadurch davon abgehalten, an weit größere jedoch weniger unangenehme Bestien zu denken.
Am vierten Tag erschienen höhergelegene Stellen, und wir landeten, um dort ein Lager an einer Stelle aufzuschlagen, die eine riesige Insel zu sein schien. Um mich von der langen Kanufahrt ein wenig zu erholen, machte ich mich auf die Beine, nahm die Winchesterbüchse aus ihrem behelfsmäßigen, wasserdichten Gehäuse und wanderte gegen die lichteren Stellen des Waldes zu, wobei ich nicht verfehlte, etwa alle hundert Meter ein Stück Rinde als Merkzeichen von den Bäumen abzuhauen. Es ist merkwürdig, wie leicht man sich im tropischen Dschungel verirrt. Noch kürzlich verlor eine Gesellschaft englischer Reisenden den bekannten Dschungelpfad zu den Tarumáfällen am Rio Negro, obwohl sie von Caboclo-Führern begleitet war. Sie feuerten Flintenschüsse ab, um mit einer vorangegangenen Gesellschaft in Verbindung zu kommen, aber trotzdem glückte es nicht, den Weg wieder aufzufinden, und die ganze Gesellschaft mußte nach zweistündigem vergeblichen Umhersuchen zu ihren Barkassen zurückkehren, ohne die Fälle erreicht zu haben.
Ich sah nichts, was wert gewesen wäre, eine wertvolle Patrone zu verschwenden. Munition ist selbst in den Niederlassungen äußerst schwer zu beschaffen, und es ist fast unmöglich, eine ausreichende Menge mitzuführen, da es so schwer ist, Kanuleute und Träger zu mieten. So kehrte ich wieder zum Lager zurück, gerade als die letzten blutroten Strahlen der Sonne hinter den überschwemmten Wäldern erloschen, durch die wir gekommen waren. Die unbeschreibliche Stille, die der kurzen Dämmerung voraufgeht und allen Reisenden in tropischen Wäldern bekannt ist, breitete sich über die Erde. In diese Lautlosigkeit hinein klang das gewisse Geräusch, das entsteht, wenn eine Bogensehne zurückschnellt. Darauf folgte ein seltsam erstickter Schrei und plötzlich schnatterten ganze Kolonien von Affen, die bisher geschlafen hatten.