Itogapukmädchen.
Man beachte die merkwürdigen Bänder um Leib und Arme, die ins Fleisch einschneiden.
Wie sehr dies der Fall ist, ist oberhalb des Handgelenks auf dem linken Bild deutlich sichtbar.
Die drei Unterhäuptlinge der Itogapuks.
Im Hintergrund eine der merkwürdigen Gemeinschaftsmaloccas dieses neuentdeckten Stammes.
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GRÖSSERES BILD
Als ich das Lager erreichte, das nur wenig Schritte entfernt war, deutete einer der Boys auf eine Stelle unter einem Baum, und im Zwielicht konnte ich gerade noch den zusammengezogenen, vom Pfeil durchbohrten Körper eines haarigen Guaribas oder Brüllaffen (Simia mycetes) erkennen. Sie heißen so, weil sie mit ihrem zu einer knöchernen Schallblase erweiterten Zungenbeinkörper ein unheimlich durchdringendes Geschrei auszustoßen vermögen. Er war reichlich ein halbes Meter lang, hatte einen großen Kopf, fünf Finger an jeder Hand und einen buschigen Greifschwanz. Die Farbe des Fells war rötlichbraun. Ich ärgerte mich über die unnütze Grausamkeit, bedachte dann aber wieder, daß unsere jagdlichen Gesichtspunkte doch wohl verschieden waren. Währenddem erzählte der Schütze stolz und eifrig, wie schwierig diese Affen ihrer Schlauheit wegen mit Pfeil und Bogen zu erlegen wären und daß sie geröstet oder als Ragout bei seinem Stamm als Leckerbissen betrachtet würden.
Nun wurde ein großes Feuer angezündet und einer der Kochtöpfe herangeschafft. In dieser Nacht kostete ich zum ersten- und letztenmal Affenfleisch. Sein Geschmack ist keineswegs unangenehm, aber irgendwie widerstand mir die Mahlzeit, und dann war ich im tiefsten froh darüber, als einer der Indianer die Hand des Affen aus dem Kochtopf fischte. Sie sah nun nicht mehr braun aus, sondern blaßrosa und glich der Hand eines Kindes. Dieser Anblick und die Gier, mit der der Indianer sich ans Verzehren machte, verursachte mir ein solches Gefühl von Übelkeit, daß ich ein großes Glas Whisky aus der kostbaren Flasche zu mir nehmen mußte. Hätte ich damals geahnt, was mich bei andern Stämmen noch erwartete, wäre es klüger gewesen, mich gleich gegen den würgenden Ekel zu stählen, den ich schon beim Zusehen einer Affenmahlzeit empfand, wie sie bei allen Eingeborenen des Amazonengebiets häufig genug ist. Der Festschmaus zog sich durch die ganze Nacht hin, so daß schlafen unmöglich war. Ich war daher froh, als wir endlich im hellen Sonnenschein des tropischen Morgens das Lager abbrachen.
Um Mittag kamen wir an einem schmalen Fluß vorüber, der von Südwesten her in den Gy-Paraná mündet. Da ich bis heute auf keiner Karte seinen Namen finden konnte, habe ich ihn auf der Kartenskizze (S. 149) als „Monkey River“ (Affenfluß) eingetragen, weil ein ganzer Trupp Spinnenaffen auf den niedern Ästen der nächsten Bäume umherturnte. Einige Kilometer weiter flußaufwärts wurde das Wasser so seicht, daß die beiden Indianer über Bord springen mußten, um das Batalõe über eine Reihe neugebildeter Schlammbänke zu ziehen. Ermüdet von dieser Arbeit schlugen wir das Lager schon vor Sonnenuntergang auf. Meine Absicht war, am nächsten Tag die Umgebung des Flußufers nach Indianerpfaden oder irgendwelchen Spuren abzusuchen, die etwa das Vorhandensein von Stämmen in der Nähe verraten könnten. Trotzdem ich selbst und einer der Boys abwechselnd aufmerksam Wache hielten, wurden uns während der Nacht aus dem Kanu einige Lebensmittel und ein Jagdmesser gestohlen. Dies, obwohl bisher irgendeine Spur freundlich oder feindlich gesinnter Indianer nicht zu entdecken gewesen war.
Dieses Lager gelangte zu ungewöhnlicher Wichtigkeit und verdient deshalb eine genauere Beschreibung. Während der letzten Kilometer hatten die Baumkronen das schmale Bett des Flusses beinahe überwölbt, auf der von uns gewählten Lagerstelle aber wich das hohe Schilfgras und das Buschdickicht ein wenig zurück und ließ einen rotbraunen Platz frei, den der anscheinend undurchdringliche dunkel drohende Dschungel umstand. Hier konnte das Licht der Sonne eindringen, ungehemmt vom üppigen Vegetationswachstum, und kaum hatte ich einen Blick darauf geworfen, war ich entschlossen, nicht daran vorüberzufahren.
Bald war das kleine wasserdichte Zelt aufgeschlagen, ein Feuer von den trockenen Kernspänen umgefallener Bäume angezündet und das schwelgerische Mahl bereitet, bestehend aus gesalzenem Konservenfleisch, Früchten, Biskuits und schwarzem Kaffee. Nachdem ich ihm alle Ehre angetan hatte, legte ich mich auf die wasserdichte Decke, um zu rauchen, auszuruhen und nachzudenken, ehe ich die üblichen Eintragungen über das am letzten Tag Geleistete in mein Notizbuch machte. Die Sonne strahlte in tiefem Rot und Gelb und verlieh der Landschaft etwas vom Geist des tropischen Waldes. Als ich noch ein Knabe war, hatte ich einmal in einem Wanderpanorama ein treues Bild vom ersten Lager Sir H. M. Stanleys am Ufer der innerafrikanischen Seen (mit allerlei Gepäck) gesehen, und das stieg nun ungerufen aus den Tiefen des aufgespeicherten Unterbewußten vor meinem Geist empor. Sah man vom See ab, so fand sich hier in der amazonischen Wildnis eine merkwürdige Ähnlichkeit mit den Vorstellungen des Künstlers von Innerafrika.
In diesem Lager war es, wo meine Pläne einen völligen Schiffbruch erlitten. Als ich die Schulden der beiden Turas zahlte und sie damit in meinen Dienst nahm, hatten sie sich bereit erklärt, in den Wäldern umherzukundschaften, um mit den in der Umgebung lebenden oder jagenden Wilden in Verbindung zu kommen. Nun weigerten sie sich glatt, diesen Teil des Programms auszuführen, indem sie erklärten, sie würden dabei umgebracht und aufgefressen, da die betreffenden Stämme ihrem eigenen Stamm ebenso wie allen Weißen feindlich gesinnt wären. Dies zusammen mit dem Verlust von Lebensmitteln schien die Expedition zu einem plötzlichen und unheilvollen Abschluß zu bringen. Die beiden durch Drohungen oder mit Gewalt in die Wälder zu treiben, wäre natürlich schlimmer als nutzlos gewesen, und das Versprechen einer Belohnung hatte nur Mißtrauen und Widerspenstigkeit zur Folge.