Unter solchen Verhältnissen schien es unangebracht, noch weiter flußaufwärts zu fahren. Das Lager zu verlassen und mich selbst in dem umliegenden Wald auf die Suche zu machen, hätte bedeutet, das Unheil geradezu herauszufordern. Ließ ich die beiden Indianer allein, so mochten sie Verrat planen oder sich, was weit wahrscheinlicher war, in ihrer Furcht flußabwärts davonmachen. Dann hätte ich mich allein, vielleicht ohne Lebensmittel, einer Reise von 250 Kilometer einen schwierig zu befahrenden Fluß hinab gegenübergesehen, mit weit überschwemmten Flächen oder Seen und feindlichen Indianern in den Wäldern auf der ganzen Rückzugslinie. Später stellte sich heraus, daß meine Boys alte Kriegspfade anderer Stämme wiedererkannt hatten.

Es liegt viel Wahrheit in dem Spruch, daß Notwendigkeit die Mutter der Erfindung ist. Während ich auf dem Rand des Kanus saß, um mich zu einem würdelosen Rückzug zu entschließen, kam mir ein Einfall, der das Problem schließlich löste. Ich bewaffnete mich mit der Flinte und der elektrischen Taschenlampe, legte einige Kleinigkeiten, darunter mein letztes Taschenmesser, in das Kanu und wartete die Nacht hindurch auf die Rückkehr der Indianerdiebe. Mehrere Male kamen Geräusche aus dem dichten Busch, der das Lager umgab, und die Versuchung war groß, die Taschenlampe anzuknipsen. Wer einmal eine Nacht unter ähnlichen Umständen durchwacht hat, weiß, wie lang die Stunden scheinen und wie unerträglich die Spannung allmählich wird.

Als der Mond aufstieg und sein Licht über die Landschaft warf, schien die Gelegenheit vorüber, aber ich setzte doch die Wache fort, wenn ich auch Augen und Gehör nicht mehr so anzustrengen brauchte. Stunde um Stunde verrann langsam, und im feuchten Dunst überfiel mich ein unangenehmes und Unheil kündendes Frösteln. Dann zeigten sich die ersten helleren Streifen der Dämmerung; der ungesunde Nebel verschwand von den Uferbänken, hielt sich aber noch in den üppigen Buschdickichten. Der Wald erwachte zum Leben. Durch und durch entmutigt und erschöpft kroch ich auf die wasserdichte Decke und vergaß bald die Suche nach neuen Menschenrassen.

9. Unter den Parintintinsindianern am Gy-Paraná.

Etwa zwei Stunden später erwachte ich durch ein Zerren an der Decke zu vollem Bewußtsein. Der Indianer, der seiner dünnen Glieder wegen „Moskito“ hieß, plapperte und deutete aufgeregt nach der Zeltöffnung. Ich sprang schnell auf die Füße und schüttelte ein Gefühl ab, das dem glich, wenn man es verschlafen hat. Groß war meine Überraschung, als ich den andern Boy „Unani Assu“ (großer Mann) sich hinter einem Baumstumpf verbergen sah. Meine Augen suchten die Ursache und entdeckten sie in weniger als 25 Meter Entfernung. Auf der gegenüberliegenden Uferbank stand ein kleiner, untersetzter, bronzefarbiger und gänzlich nackter Wilder, den Bogen in der Hand. Ich ergriff meinen Rasierspiegel als Friedensgabe, verließ das Zelt, rief laut und hielt die Hände hoch als Zeichen, daß ich unbewaffnet war.

Fast im gleichen Augenblick zischte ein Pfeil von irgendwoher aus dem Dickicht des Ufers gegenüber, war jedoch zu kurz gezielt und fiel vor dem Lager in den Fluß. Da ich die Gefahr unserer Lage erkannte, falls ein Angriff von mehreren Seiten aus erfolgte, beschloß ich, alle Feindseligkeiten zu vermeiden. Ich ging vielmehr ins Zelt zurück, raffte hastig zusammen, was den Indianern begehrenswert erscheinen mochte, und hielt es in die Höhe, damit sie es sehen konnten. Diesmal antwortete kein Pfeil. So legte ich die Sachen an den Rand des Ufers und zog mich auf das höher gelegene Lager zurück.

Lange Zeit machten die Indianer keinen Versuch, sich in den Besitz der Geschenke zu setzen. Ich benützte die Zwischenzeit, um Flinte und Revolver zu laden und das Gepäck am Ufer des kleinen Igarapés aufzustapeln. Dann erschien plötzlich der gleiche Wilde, den ich auf dem Ufer gegenüber gesehen hatte, auf der Lagerlichtung. Es war ein spannender Augenblick. Irgendwie war ich mir bewußt, daß aus dem dunkeln Dickicht des Waldes unsichtbare Augen jede meiner Bewegungen überwachten. Wieder winkte ich mit erhobener Hand und deutete auf die Geschenke am Uferrand, etwa 12 Meter entfernt.

Offenbar hatte der Indianer den Fluß durchschwommen oder durchwatet, denn sein Haar war naß. Meine beiden Boys hatten sich in ihrem Entsetzen versteckt, und ich selbst sprach unglücklicherweise kein Wort Guarani, das von den Stämmen in diesen Wäldern gewöhnlich verstanden wird. Der Indianer näherte sich vorsichtig den Geschenken, riß sie, in Reichweite angekommen, an sich und zog sich wieder an den Saum des Dschungels zurück. Inzwischen hatte ich „Moskito“ hinter einem Baum in der Nähe entdeckt und zog ihn auf die Lichtung heraus. Ich setzte ihm auseinander, daß wir alle zweifellos umgebracht würden, wenn er nicht versuchte, sich mit dem Indianer freundschaftlich zu stellen, und befahl ihm, auf Guarani zu rufen, daß wir Freunde seien und Lebensmittel brauchten.

Der Indianer hielt plötzlich im Schatten der Bäume still, und mein Herz begann unruhig zu schlagen. Dann versuchte ich, durch Zeichen eine Unterhaltung anzubahnen und brachte den Wilden allmählich näher, indem ich ihm ein Stück wohlriechender Seife anbot. Offenbar plagte ihn die Neugierde mächtig, aber die Vorsicht verbot ihm, die Seife aus meiner Hand zu nehmen, und ich mußte sie erst auf den Boden legen. Nachdem so eine Art Freundschaft hergestellt war, bedurfte es nur kurzer Zeit, um ihn aufzuklären, daß er uns mit Lebensmitteln versorgen solle, was am leichtesten auszudrücken und zu verstehen war. Der Indianer schien einzuwilligen und verschwand wieder im Dickicht.

Einige Sekunden darauf trafen drei Pfeile mit bemerkenswerter Genauigkeit den Boden ein wenig links vom Zelt. Sie waren augenscheinlich in hohem Bogen abgeschossen worden, entweder wegen der Entfernung oder damit sie senkrecht in der Erde steckenblieben. Später brachte ich diese Trophäen in Sicherheit; sie waren schön geschnitzt und mit Federn verziert. Was zuerst wie Feindseligkeit, niedrige Undankbarkeit und Verräterei ausgesehen hatte, gewann plötzlich eine andere Bedeutung. Die Pfeile waren nacheinander abgeschossen worden, und jeder steckte links vom Zelt ein Meter vom nächsten im Boden. Hätten die Indianer mörderische Absichten gehabt, so würden sie entweder auf mich selbst gezielt oder ihre Geschosse über das ganze kleine Lager verteilt haben. Offenbar waren die Pfeile als Gegengeschenke gedacht, und ich fühlte mich nun wesentlich behaglicher als während der letzten halben Stunde.