Etwas später erschien der untersetzte Indianer wieder, nachdem er mehrere Male etwas gerufen hatte, was wie „Aemu“ klang. Als Antwort schrien wir zurück. Er brachte einen toten Spinnenaffen, von dessen Körper jedes Haar abgesengt war. In achtungsvoller Entfernung folgten ihm zwei andere Stammesangehörige. Einer von ihnen war mit einem Blasrohr bewaffnet.
Ich bedeutete ihnen, die Waffen abzulegen, was sie auch, bis auf den Mann mit dem Blasrohr, merkwürdigerweise ohne Zögern taten. Dann erhielten sie weitere Geschenke, die mich der letzten Gabel und des letzten Löffels beraubten. Das Vertrauen nahm allmählich zu, und nach kaum einer halben Stunde waren die drei wild blickenden Gestalten dabei, alles im Lager zu untersuchen.
Aus unserer beschränkten Unterhaltung, die meinerseits nur durch Zeichen geführt werden konnte, wozu „Moskito“ noch einige Worte in Guarani beisteuerte, schien hervorzugehen, daß sie zu einem Stamm namens „Taipehe“ gehörten und von einem „Tapiry“, d. h. einer Jagd- oder Fischerhütte, kamen, die etwas abseits ihres Dorfs lag. Später erfuhr ich, daß „Taipehe“ der einheimische Name der Parintintins ist. Um ihr Vergnügen beim Empfang auch der kleinsten Gabe auszudrücken, schlugen sie sich auf die Brust, stampften mit den Füßen und wiederholten das Wort „Aemu“, das, soweit ich ausmachen konnte, „Kamerad“ bedeutet. Ob sie schon früher Weiße gesehen hatten, schien mir zweifelhaft, jedenfalls noch nie in der Nähe. Am merkwürdigsten berührte mich, daß sie sich beharrlich weigerten, irgend etwas unmittelbar aus meiner Hand anzunehmen und sich beständig drei Meter von mir entfernt hielten.
Mein Wunsch, das Blasrohr zu untersuchen, das ein junger, höchstens 15 Jahre alter Krieger trug, begegnete keinem Widerstand. Es war aus dem Stamm einer Palme verfertigt und etwa drei Meter lang. Das Kernholz war entfernt und das innere Bohrloch gleichmäßig geglättet. Etwaige Krümmungen hatte man durch ein kleines Palmstämmchen im Innern ausgeglichen, das in das größere Rohr eingeschoben war. Die vergifteten Pfeile steckten in einer Art Köcher, der mit Verzierungen versehen war und an einer Schnur am Blasrohr hing.
Da ich gern gesehen hätte, wie weit die Freundschaft der Wilden ging, nahm ich einen der Pfeile heraus, dessen feine, fast nadelscharfe Spitze, wie ich wohl wußte, in Gift getaucht war, und machte, als ob ich seine Schärfe auf meinem Daumen prüfen wollte. Der junge Krieger verzog zunächst keine Miene, aber der alte Mann gestikulierte, worauf der Junge mir durch Zeichen andeutete, das Blasrohr und die Pfeile auf den Boden zu legen, damit er sie aufheben könne. Dies tat ich denn auch, und nach wiederholten „Ye Aemu“-Rufen, die nach meiner Meinung sagen sollten: „Wir sind Kameraden“, verschwanden sie im Wald.
In der Nacht ließen wir das Zelt stehen, legten uns aber zum Schlafen ins Kanu. Ich schlief die ganze Nacht nicht und hielt Wache. Am nächsten Morgen schlummerte ich dann ein paar Stunden und machte meine Eintragungen. Am folgenden Tag erschienen die Indianer wieder und verlangten weitere Geschenke. Da ich den eigens dafür mitgebrachten Vorrat bereits beinahe erschöpft hatte, gab ich jedem ein schmutziges Hemd, worüber sie sich außerordentlich zu freuen schienen, obwohl sie die Hemden nicht anzogen.
Obschon man diese Indianer nicht für Zwerge halten konnte, gehörten sie sicherlich zu einem wenig bekannten Stamm oder Unterstamm von außergewöhnlich kleinem Wuchs. Jeder Versuch, sie zu messen, schlug fehl, aber dem Augenmaß nach betrug ihre Länge 1,35 bis 1,40 Meter. Dabei waren sie außerordentlich stark und hatten ungewöhnlich breite Brustkasten. Die Gesichter hatten keinen platten oder mongolischen Typus, auch war die Augenstellung nicht schief wie bei den Asiaten.
Außer einem Strick um die Lenden und einer zylinderförmigen Röhre aus Palmblättern gingen sie völlig nackt. Nur Arme und Beine waren mit Strohbändern oder „Embira“ umwunden. Die Farbe ihrer Haut war eine matte Bronze, im Ton viel heller als die der Mundurucus am Tapajóz. Wahrscheinlich war die verhältnismäßig hellere Farbe und die Kleinheit des Körperbaus das Ergebnis des Aufenthalts im Düster der Wälder seit ungezählten Jahrhunderten, abgeschlossen vom Licht der Sonne. Nicht nur, daß sie die Augen in schrecklichster Weise verzerrten, so oft sie auf den Glanz des Flusses trafen, sondern sie kehrten den Rücken auch beharrlich den Stellen zu, wo die Sonne durch das Blättergewölbe schien.
Daß sie zu den wilden Parintintins gehörten, unterliegt nicht dem leisesten Zweifel, obwohl diese Indianerstämme nur dem Namen nach bekannt waren, als ich mit ihnen in den Dschungeln am Gy-Paraná zusammentraf, so daß ich keine Möglichkeit hatte, sie endgültig zu identifizieren. Hätte ich damals schon gewußt, was ich erst viel später erfuhr, so wären diese verräterischen und kriegerischen Indianer in ihren entlegenen Wäldern sicher von mir unbehelligt geblieben. Wie es aber nun einmal war, gab ich ihnen in mühseliger Zeichensprache meinen Wunsch zu erkennen, ihr Dorf aufzusuchen.
Auf meinen Vorschlag hin begannen sie lange miteinander zu reden, konnten sich aber offenbar nicht entscheiden. Das Gespräch wurde in merkwürdig hoher Tonlage geführt, aber fast ohne jede Klangfärbung. Ich sah wohl, daß die Unternehmung tatsächlich nicht ohne Gefahr sein würde. Denn in viel weniger entlegenen Waldgebieten waren Caboclos und Sammler von brasilianischen Nüssen häufig von den wilden Stämmen ermordet worden, die in ihren waldverborgenen Schlupfwinkeln hausen und zum Teil noch niemals von weißen Menschen gehört haben. Ein derartiger Fall hatte sich während meines Aufenthalts in Manáos ereignet. Am Ufer des Cauraflusses war von einem Seringuero eine halbverweste Leiche, der der Kopf und das rechte Bein fehlten, aufgefunden worden. Doch muß ich gestehen, daß mir damals die ganze Größe der Gefahr unbekannt war, was allerdings auf meine beiden moskitoähnlichen Boys keineswegs zutraf. Sie brachten die alten Gründe vor, um mich zurückzuhalten: zuerst, daß die Maloccas der Indianer viele „Sonnen“ entfernt wären, und als sie sahen, daß mich das nicht rührte, erklärten sie, wir würden alle aufgefressen werden wegen „der Stärke in uns“. Diese Behauptung suchten sie anschaulich zu machen, indem sie in ihre eigenen Arme hineinbissen.