Meine besondere Sorge war, alles zu vermeiden, was nach Zwang aussah. Denn ich wußte, daß wir im Dickicht der Wälder gänzlich von der Gnade der Wilden abhängig sein würden, die, wie alle Stämme im Amazonengebiet, zweifellos von verräterischem Charakter waren. Uns offen umzubringen mochte bei der Unterlegenheit ihrer Waffen seine Schwierigkeit haben, wenn sie auch für den Dschungelkrieg sehr gut geeignet waren. Aber nichts wäre ihnen leichter gewesen, als uns ins Herz der großen, düstern Wälder und zugleich in einen Hinterhalt zu führen. Die vorherrschenden Angriffsmethoden im Amazonengebiet sind jenen ähnlich, die früher bei den Aschantis und Eingeborenen am Kongo im Schwang waren. Gassen werden durch das Dickicht längs den Flüssen und natürlichen Dschungelpfaden geschlagen, und die vorrückende Expeditionskolonne wird plötzlich so lange mit einem Hagel vergifteter Pfeile überschüttet, bis ein wirksames Gewehrfeuer die Eingeborenen in den Schutz ihrer fast undurchdringlichen Wälder zurückgetrieben hat.

Später hörte ich jedoch, daß eine der Lieblingsmethoden dieses Stammes, sich seiner Feinde zu entledigen, darin besteht, zahllose Palmdornen in starkes Gift zu tauchen und mit den Spitzen nach oben auf den Boden der Dschungelpfade zu streuen, die ihre bloßfüßigen Opfer zu betreten pflegen. Sogar die halbblütigen Kautschuksammler wandern beständig mit nackten Füßen durch die Wälder, da sie sich durch jede Fußbekleidung behindert fühlen. Auch tritt auf Leder über Nacht Schimmelbildung auf, und die Termiten zerstören in wenigen Stunden ein Paar Reitstiefel, wenn Unvorsichtigkeit oder Sorglosigkeit ihnen dazu Gelegenheit gibt.

Schließlich entschied sich die Frage meines Dorfbesuchs nach einer aufregenden halben Stunde. Der Älteste von den drei, der auch der bei weitem am wildesten Aussehende und Häßlichste war, zeigte auf das Kanu und deutete zugleich an, daß sie uns begleiten würden. Wir paddelten den schmalen und von Hindernissen versperrten Fluß fast zwei Stunden lang hinauf, und ich begann mich zu fragen, ob das nicht nur eine List wäre, uns in die Irre zu führen, bis sie Gelegenheit fänden, während der nahenden Nacht zu entkommen. Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang zeigte der ältere Mann, dessen Haar in Fransen auf die Stirn hing, auf das Ufer, und nachdem wir das Kanu durch das scharfblättrige Sumpfgras hindurchgestoßen hatten, landeten wir an einer besonders dunkeln Stelle des Waldes.

Zwei Stunden etwa lagen noch vor uns, ehe die Sonne hinter den endlosen Wäldern untergehen und die kurze tropische Dämmerung völliger Finsternis weichen würde. Unter diesen Umständen hatte ich keine Lust, an diesem Tag noch weiterzumarschieren und versuchte, das zu erklären. Aber die Verständigungsmöglichkeit durch Zeichen und Gebärden ist weit beschränkter, als jemand glauben mag, der noch nie einen ganzen Tag darauf angewiesen war, darin seine Meinungen klarzumachen. Jeder Reisende und Forscher sollte wirklich seiner Lehrzeit einen Kursus in einer Taubstummenschule anfügen, falls er beabsichtigt, abseits gelegene Gebiete aufzusuchen, wo Führer und Wörterbücher mit den „gebräuchlichsten Redensarten“ nicht die leiseste Hilfe bieten.

Wir zogen das Kanu aufs Ufer und bedeckten es mit Zweigen. Dann nahmen wir das Gepäck auf die Schultern, ganz gegen die Wünsche der beiden Boys, und tauchten in das Dunkel des ein wenig unheimlichen Urwalds. Zuerst bemühte ich mich, gewisse auffallende Bäume im Gedächtnis zu behalten, umgefallene und von den Ameisen zerfressene Stämme und Einsenkungen im überwachsenen und unsichtbaren Boden, für den Fall, daß wir genötigt wären, einen eiligen Rückzug zum Fluß anzutreten. Aber bald sah ich die Unmöglichkeit eines solchen Verfahrens ein. Hatte ich meinem Gedächtnis eben eine bestimmte Palme eingeprägt, so zeigte sich sicher im grünen Zwielicht ein paar hundert Meter weiter die gleiche Palme in fast genau derselben Umgebung. Plötzlich erinnerte ich mich an meinen Taschenkompaß, und von da an merkte ich mir jeden Richtungswechsel vom Fluß aus und fühlte mich nun ein wenig unabhängiger von jenem unbekannten X — dem Wohlwollen eines wilden Stammes irgendwo in den Wäldern vor uns.

Als das Dämmerlicht immer mehr abnahm, schloß ich hinter unsern drei Führern auf, teils, um irgendwelche verräterische Handlung verhindern zu können, dann auch, um mich vor schlimmen Fällen über umgefallene Baumstämme zu bewahren und den Ranken der Schlingpflanzen auszuweichen, in denen sich Füße, Kleider und Kopfbedeckung verfingen. Gerade ehe es völlig dunkel und jedes Weiterkommen im Wald unmöglich wurde, gelangten wir auf einen kleinen freien Platz. Hier standen die Bäume weiter auseinander, und das Unterholz wurde lichter. Offenbar bildete der Dschungelpfad, den wir gekommen waren, den gewöhnlichen Weg zwischen dem Fluß und dem Eingeborenendorf. Aber er war so schmal und gewunden, daß nur ein mit allen Geheimnissen des Waldes vertrauter Indianer seinen Anfang am Fluß zu bemerken imstande war oder ihm durch den fast undurchdringlichen Busch auf allen Seiten folgen konnte.

Auf der Lichtung angelangt, fanden wir uns fast augenblicklich inmitten einer Menge dunkler Gestalten. Bei der Finsternis war es unmöglich, Farbe oder Geschlecht zu unterscheiden. Der älteste unserer Führer deutete auf eine niedere Öffnung in einer der bienenkorbähnlichen Palmhütten, deren Umrisse gerade noch sichtbar waren. Da ich kein Mißtrauen zu zeigen wünschte, bückte ich mich und trat ein, nachdem ich noch die Boys beauftragt hatte, das kleine, wasserdichte Zelt aufzuschlagen. Im Innern der Malocca, wie diese Eingeborenenhütten heißen, herrschte kohlenpechrabenschwarze Finsternis, aus der nur die düstere Glut einiger kleinen Feuerstellen in verschiedenen Winkeln hervorleuchtete. Als sich meine Augen allmählich an die rauchige Luft und das flackernde Licht der Holzfeuer gewöhnt hatten, erkannte ich Gruppen umherhuschender Gestalten und vermochte die Größe der Hütte zu schätzen, die etwa 10 Meter lang, 5 Meter breit und 3½ Meter hoch sein mochte. Augenscheinlich lebten mehrere Familien in dieser einen Hütte. Jeder war eine bestimmte Fläche des Lehmbodens und eine eigene Feuerstelle zugewiesen. Trotz der erstickenden Hitze und schlechten Lüftung wird das Feuer beständig in Brand gehalten. Auf der einen Seite erhob sich eine große Plattform aus Zweigen, die mit getrocknetem Gras zusammengebunden waren. Zum Hinaufsteigen diente ein der Länge nach geteilter Palmstamm, in den Löcher eingeschnitten waren. So bildete er eine Art Leiter, deren Gebrauch allerdings nur für nackte Füße berechnet war. Dieser erhöhte Platz war dem Häuptling vorbehalten, der Raum darunter seiner Familie. Noch in wenigstens einer der fünf übrigen Gemeinschaftshütten des Dorfes war eine derartige Plattform vorhanden. Dies schien darauf hinzudeuten, daß in dem Dorf zwei Familien mit je einem Oberhaupt lebten oder daß der Medizinmann dasselbe Vorrecht wie das Familienoberhaupt oder der Häuptling des Stammes genoß, denn bestimmte und homogene Eingeborenenrassen gibt es im Amazonengebiet nicht.

In der Nähe der Plattform fand sich ein „Manguaré“, eine Vorrichtung, die als Telegraph und zugleich als Musikinstrument dient. Sie bestand aus zwei Stücken eines ausgehöhlten Baumstamms, das eine länger als das andere, die verschiedene Töne hervorbringen, wenn darauf geschlagen wird. Dazu bedient man sich einer kurzen Keule, wie beim Gong, deren eines Ende augenscheinlich in den Milchsaft des Kautschukbaumes getaucht und dann mit Palmfasern umwunden wird. Die beiden Teile hingen an Riemen von einem Querbalken herab, der die Hauptstütze des Daches bildete. Auf diesen „Manguarés“ schlägt man den Takt bei den Tänzen. Sie geben einen durchdringenden, sonoren Klang von sich. Ein ähnliches, aber etwas größeres Instrument hing von einem Baum vor der Hütte und diente als Sturmglocke oder Alarmsignal. Man kann damit über eine Waldstrecke von 20 bis 25 Kilometer Signale geben, die allerdings so weit nur in der Stille der Nacht vernehmlich sind. Hört man in der Nähe zu, so bringt jeder Schlag einen eigenen, bestimmten Ton hervor. In der Hütte waren an den Enden der hohlen Röhren Menschenschädel als Verzierungen angebracht, denen man alle Zähne ausgerissen hatte, um sie für Halsketten zu verwenden. Die Schädel stammten von den bei Stammesfehden getöteten Feinden. Solche Kriege zwischen den Stämmen scheinen überall in den entlegenen Wäldern fast ununterbrochen zu herrschen und über Jahrhunderte hinweg fortgeführt zu werden. Wahrscheinlich hing damit auch der Widerwille meiner beiden Boys zusammen, unbekannte Waldgebiete zu erkunden, wo Wilde hausen mochten, die ihrem Stamm feindlich gesinnt waren.

Einige Minuten hielt ich’s in der widerwärtigen Hüttenatmosphäre aus. Der Rauch der Holzfeuer war zum Ersticken. Nachdem ich durch die niedere Öffnung hinausgekrochen war, atmete ich mit Entzücken die feuchte und schwüle Nachtluft des Waldes wieder ein. Vor Jahren hatte mich einmal ein plötzlicher Sturm gezwungen, wie sie auf dem „Dach“ der neuen Welt häufig sind, eine volle Nacht in einer Lehmhütte der Aymara-Indianer des bolivianischen Hochlands zu verbringen. Da ich nicht wußte, ob die Maloccas der Parintintins ebenso ungezieferverseucht sein mochten, hielt ich es für geraten, mein ganzes Unterzeug zu wechseln.

Die Frage, die sich nun erhob, war: Schlafen oder Nichtschlafen. Natürlich wäre es einfach gewesen, die Nachtwache unter uns drei zu teilen, aber schwieriger war es schon, sich einem friedlichen Schlummer hinzugeben und der Wachsamkeit und Ehrlichkeit eines Eingeborenen anzuvertrauen. Waren meine beiden Boys auch halbzivilisiert und von anderm Stamm, so schien es doch ein Wagnis, ihnen den Schutz der zum Leben nötigen Vorräte vor den Räubereien anderer gänzlich unzivilisierter Eingeborenen zu überlassen. Das Ergebnis aller Überlegungen war eine schlaflose Nacht, die durch Moskitoschwärme um nichts erfreulicher gemacht wurde. Auch andere Quälgeister stellten sich ein, die Sandflöhe, die sich unter die Haut eingraben, eine chronische Entzündung hervorrufen und, wenn medizinische Hilfsmittel fehlen, mit einer sterilisierten Nadelspitze entfernt werden müssen.