Die Parintintins verbringen oft Tage fern von ihren Maloccas auf dem Kriegspfad und auf Jagd- und Fischzügen. Zum Fischen bauen sie sogenannte Tapirys an den Ufern der Seen und Igarapés. Sie bestehen aus einer Plattform, die auf Pfählen über dem Wasser errichtet und vor den tropischen Regengüssen durch ein Palmstrohdach geschützt wird. Rund um die Maloccas finden sich an den Bäumen merkwürdige eingeschnitzte Darstellungen von Menschen und Tieren. Sie dienen nicht nur zur Belustigung der zahllosen nackten kleinen Kinder, sondern werden auch als Zielscheiben benützt beim Unterricht im Schießen mit Bogen und Blasrohr, wobei die Krümmung der Bäume das Treffen nicht unerheblich erschwert.
Seltsam und auffallend ist das völlige Fehlen von Bärten und Schnurrbärten bei den alten Männern. Offenbar werden alle Haare gleich entfernt, wenn sie sich auf den Gesichtern der Männer oder dem Körper der Weiber zu zeigen beginnen. Die Sprache der Parintintins scheint zur Sprache des „Tupi“ zu gehören. Sie ist gänzlich verschieden von der Lingoa Geral der alten halbzivilisierten Anwohner am Madeira, ein weiterer Beweis, daß sie weder mit den Weißen noch der Halbzivilisation längs der Hauptflüsse in nähere Berührung gekommen sind. Mit der Guaranisprache hat das Tupi viel Gemeinsames.
Die Pfeilspitzen bestehen aus gehärtetem Holz, das in Gift getaucht wird, oder aus den scharfen Zähnen des Waschbären. Frauen und Kinder tragen Halsketten aus den Zähnen dieses Tiers, des Jaguars und Alligators oder aus Menschenzähnen, die aus den Schädeln im Kampf getöteter Feinde herausgerissen wurden.
Die Parintintins sind sehr abergläubisch wie auch andere amazonische Stämme, sie glauben an gute und böse Licht- und Nachtgeister und können als Mondanbeter bezeichnet werden. Nachts legen sie Früchte und Fleisch auf die Bäume zur Speise für die bösen Geister, damit sie nicht in die Maloccas kommen. Kein Mann darf sich ein Weib nehmen, ehe er nicht ein wildes Tier erlegt hat, dessen Namen er nun sein Leben lang trägt. In der dritten Nacht meines Aufenthalts unter den Parintintins war ich so glücklich, einer ihrer schauerlichen Festlichkeiten beiwohnen zu dürfen, die anscheinend mit ihrer Mondverehrung zusammenhing.
Sie begann mit dem wiederholten Kriegsgeschrei „Ya Taipehe!“, was, wie ich später erfuhr, bedeutet: „Wir sind die Parintintins!“ Auf das unheimliche Geschrei in der Stille der Wälder folgte ein nachahmendes Wehklagen von seiten der Weiber im Schatten der Bäume. Dann begannen die mit Federn prachtvoll geschmückten Tänzer mit ihren langen, mit Büscheln versehenen Speeren in grotesker Weise in die schwarzen Schattenflecke der Bäume oder vor dem Mond vorbeiziehenden Wolken hineinzustechen. Plötzlich aber steckten sie die Speere mit der Spitze nach oben in den Boden der Lichtung, und die ganze wirre Masse der nackten Wilden formierte sich zu einer Linie von Bogenschützen, die nun vorging, zurückwich, einen Kreis bildete und sich in Paare auflöste, während sie unaufhörlich die Gebärden des Schießens machten, schrien und mit den Füßen stampften.
Es war ein barbarisches Schauspiel, das sich auf der kleinen Lichtung vor dem schwarzen Hintergrund des Waldes abspielte. Ebenso plötzlich ging das kriegerische Bild in eins des Friedens über. Gegen das Mondlicht zu stand nicht mehr eine Linie dunkler Gestalten mit Speeren oder Bogen, sondern eine Reihe von Paaren, die auf Bambusflöten eine seltsame Musik hervorbrachten und den Takt dazu mit den Füßen stampften.
Dann folgte ein Mahl von Affenfleisch, Eidechsen, Farinha und einem seltsam bittern und höchst berauschenden Getränk, das „Embo“ genannt wird. Aus dem denkwürdigen Tanz entwickelte sich eine ebenso unvergeßliche Orgie, an der die Männer, Weiber und selbst die Kinder teilnahmen. Was danach kam, entzieht sich der Beschreibung. Glücklicherweise stand der Mond niedrig über dem Wald, und die Lichtung lag im Schatten. Streit erhob sich, und das Gesicht des einen Beteiligten wurde durch den Schlag eines Steinbeils fast entzweigerissen.
Da ich sah, daß die Sache jeden Augenblick eine schlimme Wendung nehmen konnte, machte ich mir den Schatten der Bäume zunutze, rief meine beiden Boys zu mir und zog mich mit ihnen in eine Bananenpflanzung zurück, von wo wir das Zelt zu übersehen vermochten. Mitternacht war schon vorüber, aber ich wagte weder einzuschlafen, wo ich lag, noch nach dem erleuchteten Zelt zurückzukehren. Vier Stunden lang ging das Schreien, Brüllen und Singen so weiter. Als aber die ersten gelben Streifen am blaßgrünen Himmel erschienen, verstummte jeder Laut, und vom Fieber geschüttelt, begab ich mich ins Zelt und zu meinem Chininvorrat zurück.
Am nächsten Tag war der ganze Stamm mürrisch, verdrießlich und schlechter Laune. Einer oder der andere der jungen Krieger erschien im Zelt und verlangte Geschenke. Dann ließen sie ihre Bogen schwirren und taten so, als zielten sie auf unser Lager. Meine beiden Kanuboys fürchteten sich so, daß sie nicht dazu zu bringen waren, die Nähe des Zelts zu verlassen. An diesem Tag war ich Zeuge einer Begräbniszeremonie. Ob das Opfer bei einem Streit in der verflossenen Nacht getötet worden war, kann ich nicht sagen. Die Leiche wurde aus der Malocca herausgetragen und der Kopf vom Rumpf getrennt. Den Kopf brachte man in die Hütte zurück, der Rumpf aber wurde in den Wald geworfen, um dort von den wilden Tieren oder den geierartigen Urubú abgenagt zu werden.
Früh am Nachmittag des fünften Tages gab es eine Überraschung. Ein Indianermädchen trat aus einer der Hütten und ging über die Lichtung in die Baumwollpflanzung auf der gegenüberliegenden Seite. Im Licht der Sonne erschien ihre Hautfarbe fast weiß. Bei näherer Untersuchung erwies sie sich jedoch als ein stumpfes Gelb, viel heller als die Farbe aller andern Stammesmitglieder, soweit wir sie bisher zu Gesicht bekommen hatten. Auch sie trug kein anderes Kleidungsstück als die kleine Tanga. Aus einer Reihe von Fragen ging hervor, daß die Parintintins sich Sklaven und Frauen auf ihren Raubzügen verschaffen und daß das Mädchen zu einem andern Stamm gehörte, der weit im Süden seinen Wohnsitz hat. Genauere Auskünfte, als daß sie aus dem Süden stamme, konnte ich nicht erlangen.