Eine ähnliche Entdeckung wurde erst kürzlich von einem Beamten des Indianeramts, namens Curt gemacht, der gegenwärtig mit dem Versuch betraut ist, diesen wilden Stamm der Zivilisation näherzubringen.

Da ich einen allzu großen Beitrag zum Festmahl der letzten Nacht gestiftet hatte, erhob sich von neuem die Frage der Ernährung, die an Wichtigkeit nur von der eines sichern Rückzugs aus dem Dorf der Parintintins übertroffen wurde. Ich erkannte ganz klar, daß unser Leben von der täglichen Verteilung von Geschenken abhing. Viele von ihnen wären ja für die Indianer ganz nutzlos gewesen ohne die Anwesenheit jemands, der ihnen den Gebrauch erklärte. Eines Tages weigerte ich mich, weitere Geschenke zu machen, hauptsächlich deshalb, weil wir selber nur noch wenig hatten, selbst von den ursprünglichen Vorräten an Lebensmitteln und Kleidern. Von diesem Augenblick an schlug die Stimmung um, und in ehrlicher Bestürzung gelobte ich eine große Verteilung, falls sie das Zelt und das schwere Gepäck zum Kanu zurückschaffen würden. Vorerst waren sie damit nicht einverstanden. Sie sagten, ich solle bei ihnen bleiben und ihnen im Kampf mit meiner Flinte beistehen.

Das gab eine erwünschte Gelegenheit. In einer Reisetasche war noch eine 5,6 Millimeter kalibrige Sportflinte mit abnehmbarem Kolben verpackt. Als ich ihnen sagte, daß ich ihnen für die Rückbeförderung zum Kanu einen „sprechenden Stock“ geben würde, wurde die Begierde des Häuptlings schließlich so heftig, daß sie einwilligten. Ich fühlte mich nun wesentlich erleichtert. In der Nacht noch suchte ich das wenige Wichtige unter meinen Sachen heraus und packte es zusammen mit einigen Lebensmitteln und Arzneien in meinen Rucksack.

Die Parintintins hielten Wort. Am folgenden Morgen begleitete uns fast der halbe Stamm auf dem Rückweg zum Fluß. Ich bemerkte aber, daß meine beiden Kanuboys außer einem kleinen Pack Lebensmittel nichts trugen. Von diesem Augenblick an wußte ich, daß nur eine Politik der starken Hand uns lebend bis zum Fluß brächte. Der Häuptling, ein verrunzelter alter Krieger mit den dünnen, knochigen Beinen des Beri-Beri-Kranken, verlangte ungefähr halbwegs, ich solle ihm den „sprechenden Stock“ zeigen. Das schlug ich glatt ab und antwortete, daß in meiner Hand alle Stöcke sprächen. Höhnisch nahm er einen dürren Ast auf und überreichte ihn mir. Ich fühlte nach meinem Revolver und feuerte durch meine Rocktasche, während ich den Ast in der andern Hand hielt. Diese einfache List machte Eindruck auf die Parintintins. Und obwohl noch einige saure Gesichter machten und mit ihren Bogen klapperten, geschah nichts weiter, bis wir den Fluß und das Kanu erreichten.

Nachdem wir die Zweige, mit denen das Kanu bedeckt war, entfernt hatten und alles zur Abfahrt fertig war, nahm ich die Vogelflinte aus der Reisetasche und händigte sie dem Häuptling ein. Sogar jetzt, nachdem wir sechs Tage zusammengewesen waren, wollte der mißtrauische alte Indianer sie nicht aus meiner Hand nehmen, sondern bedeutete mir, ihm den Gebrauch zu zeigen. Das tat ich denn auch vor all diesen halbdrohenden Wilden, aber ich trug Sorge, nur Platzpatronen dazulassen, aus denen ich während der letzten Nacht Kugeln und Pulver entfernt hatte. Ins Kanu springend machte ich den Revolver schußbereit. Und es war gut, daß ich das tat, denn kaum tauchten die Ruder in den Fluß, als ein Schauer vergifteter Pfeile überall um uns das Wasser traf. Einer blieb zitternd im Holz des Kanus stecken.

Es war ein kitzliger Augenblick. Moskito verlor den Kopf und paddelte aus aller Kraft, während der andere Boy vor Furcht wie gelähmt schien. Dadurch fuhr das Kanu schief in den Fluß hinaus, statt sich von den Indianern zu entfernen, die längs dem verwachsenen Ufer nicht folgen konnten. Ich feuerte drei Schüsse gegen das Dickicht ab, hinter dem die verräterischen Indianer Deckung gesucht hatten. Ob es nun der Knall war, der den Zauber brach oder ein wohlgezielter Fußtritt — jedenfalls glitt das Kanu im nächsten Augenblick den Fluß hinab, getrieben von zwei gänzlich verängstigten Boys. Fast zwei Stunden lang paddelten sie so stark sie nur konnten, daß das kleine Fahrzeug über die dunkle, ruhige Wasserfläche hinschoß, in der sich millionenfach die Blätter des Urwalds spiegelten.

Von den ermüdenden Tagen der Rückfahrt in der Dampfbadatmosphäre dieser zentralen Waldregion brauche ich nichts zu erzählen, außer daß wir weder einen Indianer noch eine Malocca zu Gesicht bekamen. Die Parintintins, die das ganze Gebiet zwischen den Flüssen Marmellos und Gy-Paraná bewohnen, ziehen die entlegenen Wälder, Seen und Igarapés vor. Auch heute sind sie zum größten Teile noch nicht unterworfen, wie aus dem folgenden lebensvollen Bericht hervorgeht, den ich der persönlichen Güte des Señhor J. Gondim vom Indianeramt verdanke. Ich machte seine Bekanntschaft auf späteren Reisen im Amazonengebiet. In diesem Bericht schildert er in allen Einzelheiten die letzten Unternehmungen, die gemacht wurden, mit diesem wilden Stamm der großen Wälder in freundschaftliche Beziehungen zu kommen.

10. Das erste Zusammentreffen zwischen Weißen und Wilden.

„Die Parintintins, die die entlegeneren Wälder des Madeiratals bewohnen, zwischen den Flüssen Marmellos, Maicy und Gy-Paraná, sind erst in allerletzter Zeit in Berührung mit der Zivilisation gekommen. Wie man jetzt weiß, verlegen diese schlauen und äußerst wilden Stämme ihre Maloccas häufig in dem unermeßlichen Gebiet von unbekannten Wäldern, Flüssen und Sümpfen dieses großen Binnenlandes des ewigen Dämmerlichts. Ein- oder zweimal waren zufällig vereinzelte Forscher oder Kautschuksammler auf sie gestoßen, von denen manche angegriffen und ermordet worden waren. Selbst die genaue Lage der Wohnsitze dieser Wilden war ein Geheimnis, und die Grenzen der Zivilisation hatte nur spärliche Kunde von den wenigen Weißen erreicht, die in diese entfernten Gebiete eingedrungen und lebend wieder herausgelangt waren.

Daher mußten erst vorbereitende Forschungen von den Offizieren des Indianeramts ausgeführt werden über weite Gebiete hin, um Beweise für das Dasein der Parintintins in der Form von Kriegspfaden, verlassenen Maloccas und frischen Lagerplätzen zu entdecken, ehe die schwierige und gefährliche Arbeit wirklich in Angriff genommen werden konnte, mit diesen Stämmen in unmittelbare Berührung zu treten.