Der erste Posten des Indianeramts in diesem Gebiet wurde am 24. März 1921 in der Schleife einer großen Flußkrümmung am mittleren Maicy, einem Nebenfluß des Madeira, errichtet. In den umliegenden Wäldern hauste ein starker Stamm von Pirahanindianern (Turas), die seit Jahrhunderten in beständigen Fehden mit ihren nomadischen Nachbarn, den Parintintins, leben. Die Kämpfe zwischen diesen beiden Stämmen finden oft auf dem offenen Fluß statt, wo sie in ihren rohen Kanus aus ausgehöhlten Baumstämmen heftige Angriffe aufeinander machen und sich aus nächster Nähe mit vergifteten Pfeilen überschütten. Jeder Kriegszug von der einen Seite hat einen Rachezug von der andern zur Folge, und so geht der Krieg ewig weiter.
Mit der Gründung der Station am mittleren Maicy schränkten die Pirahans ihre blutigen Kriegszüge gegen die benachbarten Stämme allmählich ein und betreiben nun Jagd und Feldbau mit den Geräten und Werkzeugen, die ihnen von der Station geliefert wurden. Nachdem diese Vorbereitungsarbeit vollführt war, wurde ein neuer Hilfsposten an einem Nebenfluß des Maicy errichtet, dem Maicy-Mirimé. Das kleine Fort mit seiner Palisadenumwallung steht auf einer hohen Uferbank an der Vereinigung des Flusses mit einem Igarapé, namens Novo de Janeiro, etwa neun Tagereisen von der Station am mittleren Maicy. Nach Ankunft der kleinen Garnison richtete der Kommandant sogenannte „Anlockungsposten“ an den Ufern der Igarapés Macacos (Affen) und Traheras und auch längs der Kriegspfade ein, die von den Indianern in der Nachbarschaft begangen zu werden pflegten.
Solche „Anlockungsposten“ bestehen lediglich aus kleinen mit Zinkblech gedeckten Lehmhütten, in die hinein geflochtene Graskörbe, farbenprächtige Kleider, Kessel, Teller, Löffel und andere nützliche Gegenstände gelegt werden. Außerhalb der Hütten befinden sich Wegzeichen, um den Pfad anzuzeigen, der zur Station führt. Auf solche Weise werden die Wilden durch die Geschenke angelockt und allmählich dahin gebracht, sich vor den Palisaden zu Unterhandlungen einzufinden.
Einige Tage nach der Einrichtung dieser „Anlockungsposten“ in den Wäldern fand sich, daß alle dort niedergelegten Geschenke fortgenommen worden waren. Als Gegengeschenke steckten verzierte Pfeile im Boden. Doch hatten die Indianer sich große Mühe gegeben, alle Spuren der Wege zu verwischen, auf denen sie gekommen waren, um zu verhindern, daß man ihnen zu ihren Maloccas folge.
Als wieder neue Geschenke in die Hütten gelegt wurden, ohne daß man den Versuch machte, die Indianer in ihren Dörfern aufzuspüren, faßten die Parintintins allmählich Zutrauen zu der freundschaftlichen Gesinnung der Garnison. Nach wenigen Wochen versuchten sie nicht mehr, die Pfade zu verbergen, auf denen sie kamen und gingen. Als Zeichen der Freundschaft ließen sie in den Lehmhütten Pfeile zurück, geschmückt mit den prächtigen Federn des Schapú (Cassicus cristatus), Arara und Mutum, oder auch verschiedene kleine Gegenstände, die sie aus den Zähnen des Waschbären und Jaguars verfertigt hatten.
Die erste wirkliche Begegnung zwischen der Garnison der Station und den Parintintins fand am 24. März 1922 statt. Ein Assistent, Raymundo Baptista, ging in den Wald, um einen der kleinen „Anlockungsposten“ nachzusehen und traf überraschend auf eine Gruppe Indianer, die sich gerade dort befanden. Da er die Unmöglichkeit erkannte, sich im Fall eines Angriffs zu verteidigen, begann er in der Richtung der Station davonzulaufen. Er mußte fast durch den Trupp der Indianer hindurch, die zuerst auch von der Überraschung gelähmt schienen. Aber dies ging schnell vorüber. Sie griffen nach ihren Bogen und sandten mehrere Pfeile dem Flüchtling nach, der jedoch unverletzt die Palisaden erreichte.
Nach diesem Zwischenfall verschwanden die Indianer vollständig für mehrere Wochen. Sie verbargen sich in den fast undurchdringlichen Wäldern, die auf Hunderte von Kilometer die Station umgeben. Zuweilen ließen sich die Töne einer heiligen Bambusflöte hören, auf der sie Vogelrufe nachahmen. Dann erschienen sie plötzlich auf dem andern Ufer des Igarapé, schrien „Pum! Pum! Pum!“ und schossen ganze Schauer von vergifteten Pfeilen auf die Palisaden. Darauf verschwanden sie von neuem für einige Zeit und machten dann einen entschlossenen Angriff auf die Station von einem kleinen Stück Land aus, das weniger als 70 Meter von dem Stacheldrahtverhau der Palisaden entfernt war. Ganze Pfeilsalven flogen herüber, und so oft sich einer von der Garnison sehen ließ, brachen die Indianer in ihr übliches Schlachtgeschrei aus. Einige sprangen ins Wasser des Igarapés mit der offenbaren Absicht, zur Station herüberzuschwimmen, andere verbargen sich zwischen den Zweigen eines großen Baumes, von wo sie das Fort neugierig beobachteten.
Das ging so beinahe ununterbrochen weiter bis zum 8. Mai. Am Morgen dieses Tages hörte Señhor Curt, der Kommandant des Forts, zu seiner Überraschung ein wirres Geschrei von dem Igarapé her. Die Parintintins rückten zum erstenmal gegen die Palisaden vor. Von den starken Holzwänden des Forts geschützt, sah die Besatzung, wie die Wilden den Eingang der Palisadenumwallung erzwangen und vorsichtig mit schußbereitem Bogen in den Hof eindrangen.
Es war ein bedenklicher Augenblick. Auf die Indianer zu schießen, hätte ein Zunichtemachen alles dessen bedeutet, was in den letzten Wochen erreicht worden war. So begnügte sich die Besatzung damit, die Flinten zu zeigen, worauf sich die Indianer wieder aus der Einfriedigung zurückzogen, aber in der Nähe stehenblieben. Der Kommandant trat nun in den Hof hinaus mit mehreren Geschenken in der Hand und rief die Wilden freundlich an. Als er keine Antwort erhielt, ging er ans offene Tor und stellte einen Korb mit Messern, Beilen und einem Bund dicker Schnüre hin, worauf er sich sofort wieder in das Fort zurückbegab.
Die Indianer näherten sich nun dem Tor und setzten sich in Besitz des Korbes samt Inhalt. Sie schleppten ihn an den Igarapé, wo sie sich ihrer Gewohnheit nach in dem üblichen Kriegsgeschrei Luft machten. Dann kletterten sie in die Bäume hinauf und schossen Pfeile ab, die aber vor dem Fort niederfielen. Nach mehreren Minuten ängstlicher Erwartung kehrten drei der Parintintins zurück, hielten sich aber in einer gewissen Entfernung. Sie riefen die Besatzung an und gaben durch Zeichen zu erkennen, daß sie weitere Geschenke wollten, wobei sie das Wort „Akanitara“ (Kopfschmuck) wiederholten.