Einmal erschienen sie in Begleitung ihrer Weiber und führten ihre Stammestänze vor. Sie begannen paarweise, tanzten vor und zurück und stampften mit den Füßen zur Musik von Bambusflöten. Dann wurden die Musikinstrumente beiseitegelegt, und aus dem Tanz entwickelte sich eine Darstellung des Kampfes. Jede Partei ging in einer Linie vor, dann knieten sie sich plötzlich nieder oder warfen sich der Länge nach auf den Boden und vollführten die Bewegungen des Bogen- oder Blasrohrschießens.
Kamen sie zur Station, so war es üblich, die Waffen am Flußufer abzulegen und sich mit hoch über dem Kopf erhobenen Händen zu nähern, ehe ihnen das Tor der Einfriedigung geöffnet wurde. Häufig geschah es jedoch, daß sich unter den Besuchern ein oder zwei wildere Gesellen befanden, die oft Leute der Besatzung bedrohten. Aber diese verstand es vorzüglich, die Gefahr abzuwenden und die schlimmsten Instinkte der Wilden zu besänftigen. Unter den bisherigen Besuchern befindet sich auch ein Junge von etwa 15 oder 16 Jahren, dessen Hautfarbe viel heller ist als die der übrigen und der auch gänzlich andere Gesichtszüge hat.“
Der vorstehende Bericht über die Leistungen des Indianeramts in diesen entlegenen Wäldern enthält alles Wesentliche, was mir der genannte Beamte am Rio Negro im Dezember 1922 erzählte. Man darf nicht vergessen, daß alle die Vorbereitungen und daran sich anschließenden gefahrvollen Unternehmungen lediglich dazu dienten, mit einem einzigen Stamm der Wilden am Maicy-Mirimé in Berührung zu kommen, einem Fluß, der auf keiner gewöhnlichen Landkarte zu finden ist. Wenn man bedenkt, daß es noch heute ein unbekanntes Gebiet von fast zweieinhalb Millionen Geviertkilometer im Amazonenbecken gibt, so wird man die oft wiederholte Behauptung, es wäre auf der Welt nichts mehr zu erforschen, mit einigen Fragezeichen versehen.
Jener fast weiße Parintintinjunge entspricht mehreren gleichartigen Fällen bei verschiedenen Stämmen, die ich selber auf meinen monatelangen Wanderungen durch die amazonischen Wälder gesehen habe. Ob solche merkwürdige Farbe- und Rasseeigentümlichkeiten tatsächlich mit Raub und Gewalttat an den weißen Frauen irgendeiner entlegenen Ansiedlung zusammenhängen, ist unmöglich zu sagen. Bekannt ist jedoch, daß vor mehreren Jahrhunderten ein paar Tausend Spanierinnen von den Huambisa-Indianern des nordöstlichen Peru geraubt wurden. Allerdings würde die seit damals verflossene Zeit den Einfluß des weißen Blutes wieder aufgehoben haben, und auch spätere Räubereien hätten wohl nur eine Caboclomischung im rein indianischen Blut hervorgebracht.
So auffallend ist der Anblick einer fast weißen Haut unter einer Schar nackter Bronzegestalten, daß von einer, etwa nur ein wenig helleren Färbung nicht die Rede sein kann. Auch die Gesichtszüge scheinen Abweichungen aufzuweisen, und zwar nicht nur nach meiner eigenen Beobachtung, sondern auch der anderer. Noch komplizierter wird die Sache dadurch, daß solche weiße Indianer auch nicht die leiseste Erinnerung an stammesfremde Verwandte haben. Befragt man sie selbst, so räumen sie wohl ein, daß sie hellfarbiger sind, ohne daß sie aber imstande wären, einen Grund dafür anzugeben. Die Theorie, daß der Genuß von Salz bei Europäern eine hellere Haut- und Haarfarbe hervorbringt, kann unmöglich auf diese Einzelindividuen unter den bronzefarbenen Stämmen des Amazonengebiets angewendet werden.
Ein Itogapukmädchen, zum Tanz geschmückt.
Die durchbohrte Oberlippe und die merkwürdigen Rohrbänder sind deutlich zu sehen.
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GRÖSSERES BILD
Itogapukindianer vor ihrem Gemeinschaftshaus.