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GRÖSSERES BILD
In diesem Zusammenhang mag es von Interesse sein, wenn ich mit einigem Vorbehalt den Bericht Sir Clements Markhams über einen im nordöstlichen Peru vermuteten weißen Indianerstamm anführe. Der Verfasser bringt ihn in seinem Werk „List of Tribes of the Amazon Valley“, das aus vielen Quellen schöpft und 1910 vom „Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland“ herausgegeben wurde.
Dort heißt es, daß die Mayorunasstämme des Ucayali-Yavari-Gebiets „eine weiße Hautfarbe haben und mehr Engländern als selbst Spaniern gleichen. Sie ziehen jagend durch die Wälder und halten sich nicht viel an die Flüsse. Es wird angenommen, daß sie von spanischen Soldaten der Ursula-Expedition abstammen, doch ist dies unwahrscheinlich. Als der Inka Pachacuti die Chancas unterwarf, floh ein Teil dieses Volkes nach Muyumbamba, und dessen Einwohner flohen vor den Eindringlingen und ließen sich am Ucayali und Yavari nieder. Wahrscheinlich ist dies der Ursprung der Mayorunas oder Mururunas (= Männer von Muya). Sie haben eine seltsame und schmerzhafte Art, die Barthaare zu beseitigen. Sie nehmen zwei Muscheln, die als Haarzängchen dienen, und reißen ein Haar nach dem andern aus, wobei sie solche Gesichter schneiden, daß man beim Zusehen lachen und gleichzeitig Mitleid mit ihnen haben muß. Zuweilen werden sie Barbudos genannt. Sie sind sehr zahlreich, von höherm Wuchs als die meisten andern Stämme und gehen beständig nackt. Sie sind kriegerischen Charakters und stehen mit keinem andern Stamm in einem Freundschaftsverhältnis. Pfeile und Bogen sind bei ihnen nicht in Gebrauch, sondern nur Speere, Lanzen, Keulen und Cerbatanas oder Blasrohre, und das Gift, das sie zubereiten, gilt als das allerwirksamste. Sie sind wohlgebildet, besonders was die Hände und Füße der Weiber betrifft, haben gerade Nasen und kleine Lippen. Das Haar schneiden sie quer über die Stirne ab und lassen es über den Rücken herabhängen. Bemerkenswert ist ihre Reinlichkeit. Tatsächlich ist sehr wenig über sie bekannt. Sie greifen jeden an, der in ihr Gebiet eindringt, und die Bootführer nehmen sich in acht, auf ihrem Ufer des Ucayali zu landen. Castelnau führt zwölf Mayorunawörter an und Bates gibt die interessante Schilderung eines Mayorunamädchens, das am Yavari gefangen wurde.“
Seit Jahrhunderten laufen solche Geschichten von weißen Indianern um unter Forschern und Reisenden vieler Nationalitäten. Nun sind sie von Offizieren des Indianeramts bestätigt worden, die ihr Leben in den düstern Wäldern verbringen. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen den sich bekämpfenden Theorien. Jene Indianer sind nicht rein weiß, sondern haben nur eine sehr helle Hautfarbe, die im schärfsten Gegensatz zu ihrer Umwelt steht und daher stärker zur Geltung kommt. Ein einziger weißer Stamm, der sich irgendwo im „großen Unbekannten“ verbirgt, würde die vielen Einzelfälle nicht erklären, die von mehreren, Tausende von Meilen von einander entfernten Stämmen berichtet werden. Die wahrscheinlichste Erklärung liegt in weißen Ahnen, mögen sie nun Gefangene oder Überläufer gewesen sein, und in einem plötzlichen Rückschlag nach vielleicht zwei oder mehr Generationen.
11. Die Entdeckung eines unbekannten Indianerstammes.
Wen sein Beruf in die dämmerigen Wälder führt, zu den verseuchten Sümpfen oder an die entlegenen kochheißen Flüsse dieses geheimnisvollen Landes der Einsamkeit und unvorstellbaren Ausdehnung, der betrachtet den großen Amazonenstrom selbst etwa geradeso, wie die Neuyorker oder Londoner während einer Hitzwelle den Hudson oder die Themse ansehen. Es gibt dort, sowohl in Pará als in Manáos, winzige Strandplätze mit Badegelegenheiten, Landhäusern und Dampferausflügen. Zuweilen kann es geschehen, daß ein Jaguar das Picknick stört, ein Alligator neben der Barkasse auftaucht oder ein elektrischer Aal das Bad unterbricht. Aber die Kühle des großen Stromes und ein frisches Lüftchen machen sich überall geltend, und außerdem gibt es Eisgetränke, richtige Speisen, ein Dach, ein Bett und menschliche Gesellschaft.
In solcher Weise stand Manáos einladend vor meinem Geist, die kleine Dschungelstadt am äußersten Rand der Zivilisation, als ich aus den Gebieten der Flüsse Mutum und Gy-Paraná zurückkehrte. Irgendwie sehnte ich mich nach einer guten Mahlzeit, einem Bad und der Möglichkeit, ein wenig zu plaudern. Schon die Vorstellung eines geeisten Getränks machte mich schwindlig, und so hielt ich mich nur so lange in Humaitá auf, um es gründlich satt zu bekommen, weil erst nach viereinhalb Tagen der nächste Dampfer flußabwärts abfahren sollte. Als ich endlich das weißgetünchte Zimmer mit seinen Ameisen und Spinnen verließ und an Bord ging, faulenzte ich, las, badete, aß und nahm alle die Eisgetränke zu mir, nach denen ich mich so sehr gesehnt hatte. Mein Wunsch, mich in Manáos auszuruhen, verblaßte schnell, und als ich in Manicoré erfuhr, daß ein höchst angesehener Amazonese eine Expedition den Aripuananfluß hinaufschickte, verschwand er ebenso eilig aus meiner Seele wie mein kaum noch respektables Gepäck vom Dampfboot. Zwei Tage später saß ich mit drei Begleitern in einem großen Batalõe und fuhr um die Aripuananinsel herum in die verborgene Mündung dieses wundervollen Flusses gleichen Namens ein. Die Roosevelt-Rondon-Expedition hatte ihn 1913 in seiner ganzen Länge befahren, unser Ziel aber waren die noch immer unerforschten Urwälder seitlich des Hauptflusses unter 8° 17′ südlicher Breite. Beamte des Indianeramts befanden sich damals auf der Suche nach wilden Stämmen, die an den Ufern eines kleinen Flusses, namens Madeirinha, wohnen sollten, und das Batalõe mit seiner Caboclo-Bemannung brachte ihnen und einer abgelegenen Pflanzung die notwendigen Vorräte.
Unwiderstehlich zog es mich dahin, weil ich auf all meinen Karten und unter meinen Notizen nichts über diesen Fluß finden konnte, noch irgendeine Andeutung, daß schon europäische Reisende jene „leere“ Gegend erforscht hätten. Theodore Roosevelt und General Rondon vom brasilianischen Überland-Telegraphen-Dienst, die beiden prächtigen Pioniere der Wildnis, deren Leistungen viel zu wenig bekannt sind, waren 1913 den Fluß hinaufgefahren und offenbar auch an der Mündung des Madeirinha vorübergekommen, aber genauere Nachforschungen schienen sie in diesem Gebiet nicht gemacht zu haben. Also bot sich jetzt eine Gelegenheit, die ohne lebenslängliche Reue nicht vernachlässigt werden durfte.
Skizze des Gebiets des Tapajóz und des Madeira.