⇒
GRÖSSERES BILD
Westlicher Teil der obigen Karte
Östlicher Teil der obigen Karte
Über die mühselige Reise von 360 Kilometer den Aripuanan flußaufwärts werde ich nicht viel berichten. Wer sich für seine niemals auch nur vom leisesten Lüftchen bewegte Wasserfläche interessiert, die ununterbrochenen Ufermauern tropischer Wälder, seine Stromschnellen, die stellenweise Lücken in das Blättermeer reißen, seine beständig in der dampfheißen, stagnierenden Luft umherschwirrenden Moskitos und die beinahe nicht vorhandene Uferbevölkerung, wird glänzende Schilderungen davon an andern Orten finden. Was ich selber hinzufügen könnte, wären nur Beschwerden über persönliches Unbehagen und Erzählungen von schwierigen Überlandumgehungen einiger Stromschnellen und von fast unaufhörlicher Arbeit beim Rudern und Stechen gegen die Strömung. Die Aufgabe des vorliegenden Buches besteht in der Schilderung wilder Indianerstämme im entlegenen Amazonengebiet. Berichte über die Schwierigkeiten des Ortswechsels von einer Zone zur andern mit allem Drum und Dran dürfen den Charakter des Buches nicht in den einer langweiligen und ereignislosen Reisebeschreibung verwandeln. Der Raum gestattet nur kurze Erwähnungen des Kommens und Gehens, gerade so viel als nötig ist, den Zusammenhang der Ereignisse zu wahren.
Am 30. Juli verließen wir die Aripuananinsel auf 5° 22′ südlicher Breite und bewältigten die 360 Kilometer in achtzehn Tagen. Bald nach der Vereinigung mit einem großen Fluß, auf 7° 32′ südlicher Breite, kam eine Reihe gefährlicher Stromschnellen, die öfter als einmal schwere Arbeit bei der Entladung des Kanus erforderten. Wenige Kilometer weiter zeigte sich eine anscheinend verlassene Barraca. Dann folgten noch weitere Stromschnellen, und endlich war die Mündung des kleinen Madeirinha in den Hauptfluß erreicht, auf 8° 17′ südlicher Breite.
Der kleine Fluß hatte eine flaschengrüne Farbe und wand sich durch den dichten, düstern Urwald. Stellenweise hingen die mächtigen Äste wie Schirme über unsern Köpfen, und das Kanu glitt wie auf einem Spiegel im grünlichen Halbdunkel dahin. Stundenlang hielten wir Ausschau nach dem Lager des Offiziers des Indianeramts mit seinen Leuten, und endlich entdeckten wir es auf einer kleinen Lichtung halbverborgen hinter dem Walddickicht. Der unerschrockene Beamte nahm mich liebenswürdig auf und erklärte mir, wie er es machte, um mit den Wilden des Landes in freundschaftliche Berührung zu kommen. Er hatte bereits ihre Kriegspfade einige Kilometer weit in die hier besonders dichten Wälder hinein begangen. Auf einen seiner Cabocloleute war mit Pfeilen geschossen worden, aber bis jetzt hatte man noch keinen Indianer zu Gesicht bekommen.
Wir schlugen neben der kleinen, nur vorläufigen Station unser Lager auf, und zum erstenmal seit der Abfahrt aus Manicoré erfreute ich mich einer wirklichen Nachtruhe, da ich keine Wache zu halten brauchte. Während der nächsten beiden Tage ereignete sich nichts Besonderes, doch stiegen meine Hoffnungen, weil der Offizier die Überzeugung aussprach, daß sich ein gänzlich unbekannter Stamm in den umgebenden Wäldern aufhalte. Dies bewahrheitete sich schneller, als wir erwartet hatten. Am dritten Tag näherten sich zwei Wilde den Geschenken, die verführerisch an den Bäumen hingen. Sie wurden von einem der Leute der Station überrascht, der sich jedoch in Sicherheit zu bringen vermochte. Er kam ins Lager und erzählte von Indianern mit Federkronen auf den Köpfen, riesigen Speeren und aus Holz verfertigten Bändern über beiden Schultern.
Diese Nachricht verursachte ziemliche Aufregung. Denn aus der Beschreibung des Mannes schien mit Sicherheit hervorzugehen, daß wir auf der Schwelle zu einer Entdeckung waren. Diese Art Jagd auf Indianer oder, besser gesagt, Anlockung erfordert nicht nur gute Nerven, sondern auch Geduld. Ein Versuch, gleich auf die erste Begegnung hin die Maloccos der Indianer aufzufinden, hätte den ganzen Erfolg in Frage gestellt und wäre vielleicht für uns alle verhängnisvoll geworden. In den Tiefen der Wälder hätten zwei Weiße mit einigen unzuverlässigen Caboclos gegen einen wilden Indianerstamm nur wenig ausrichten können, der zudem im Dschungelkrieg geschickt und erfahren war.