Während der nächsten acht Tage war von den Indianern nichts zu sehen noch zu hören, und das Warten ging uns gehörig auf die Nerven, da wir nicht wußten, ob sie nicht einen überraschenden Angriff planten. Am Morgen des neunten Tages brachten wiederholte wilde Schreie aus dem halbdunkeln Dickicht das ganze Lager in Bewegung. Wir hielten sie für Freundschaftsrufe und beantworteten sie demgemäß. Denn die meisten amazonischen Indianer pflegen sich nur dem Feind schweigend zu nähern. Aber nichts ereignete sich in der nächsten halben Stunde, obwohl das Geschrei alle paar Minuten von beiden Seiten seinen Fortgang nahm.

Endlich teilten sich die Blätterwände an verschiedenen Stellen zugleich und sechs bronzefarbene Gestalten, mit langen Lanzen bewaffnet, erschienen im Halbkreis auf der winzigen Lichtung. Sofort ward es augenscheinlich, daß sie zu einem neuen Stamm oder einer Unterfamilie gehörten. Keiner der sechs hatte die schiefe Augenstellung oder die mongolischen Gesichtszüge, die sonst bei den amazonischen Wilden auffallen. Ihr Haar war rings um den Kopf in dicke Fransen geschnitten und mit kleinen Rohrsplittern verziert. Um die Lenden, Fuß- und Handgelenke, Arme und Schultern trugen sie Rohr- oder Schilfbänder, von denen am Oberarm Federn wie Epauletten abstanden. Abgesehen von diesem seltsamen Schmuck, Halsketten aus Samenkörnern und einer Unzahl schwarzer, gemalter Ringe um die Beine waren sie völlig nackt.

Der Offizier bedeutete ihnen in der Tupisprache, ihre Lanzen, Bogen und Pfeile abzulegen. Da sie das nicht zu verstehen schienen, legte er ruhig seine Flinte auf den Boden. Nach einigen Minuten des Zauderns folgten sie seinem Beispiel und erhielten darauf zahlreiche Geschenke, die ihre ein wenig grausamen Augen buchstäblich zum Glitzern brachten. Aber Tanzen, Schreien oder andere Freudenbezeigungen unterließen sie, wie ich sie bei den Parintintins beobachtet hatte.

Das Charakteristischste an diesen Indianern waren ihre blutunterlaufenen Augen und durchbohrten Oberlippen, was beides, wie ich später erfuhr, mit kannibalischen Gebräuchen zusammenhängt. Ihre Pfeile waren mit Vogelfedern verziert und hatten breite Holzspitzen, die nicht in Gift getaucht worden waren. Von andern eigenartigen Schmuckgegenständen trugen sie Rohrringe am zweiten Finger und Schlingen aus dünnen Schnüren um Nacken und Lenden, die sich über der Brust kreuzten. Ungleich allen sonstigen Stämmen, die ich bisher gesehen hatte, schlugen sie sich nicht wie Affen auf die Brust, um ihr Vergnügen zum Ausdruck zu bringen, sondern zeigten eine unbefangene und würdige Haltung.

Nach einer langen pantomimisch geführten Unterhaltung, in die wir einige Tupiworte mischten, die sie zu verstehen schienen, zogen sie mit Geschenken beladen wieder ab. Ich dachte bei mir, daß die Hälfte dieser Geschenke für sie völlig nutzlos war, da sie Dinge wie Löffel und Gabeln aus Aluminium doch nicht zu gebrauchen wußten. Wahrscheinlich würden sie mit Steinen zu Speerspitzen verarbeitet werden. Aber schließlich war nun doch ein Anfang gemacht, was keineswegs so einfach ist, als es sich hier gedruckt ausnimmt.

Mehrere Tage verstrichen, ohne daß die Indianer wieder erschienen. Dann drang von neuem Geschrei aus der Tiefe des schweigenden Waldes, aber diesmal in größerer Stärke. Daraus ging hervor, daß freundschaftliche Beziehungen hergestellt und daß weitere Indianer gekommen waren, um Geschenke zu empfangen. Aber auch so mußte sorgsam alles vermieden werden, was sie hätte beleidigen oder erschrecken können. Niemand ist empfindlicher als der Wilde, wenn er zum erstenmal mit Weißen zusammentrifft. Mißtrauen und Argwohn sind in jedem Blick, jeder Gebärde erkennbar. Für den Augenblick mag Staunen oder Furcht an ihre Stelle treten, aber vorherrschend sind jene beiden Gefühle, und was alles an Vorsicht angewendet werden muß, um plötzliche Ausbrüche der Leidenschaft zu verhindern, ist nicht allein drollig, sondern kann nur von einem Psychologen gewürdigt werden.

Kaum waren die Indianer aus dem dunkeln Wald hervorgekommen und fast geheimnisvoll auf der Lichtung erschienen, als auch schon deutlich wurde, daß ihr Besuch diesmal einen feierlicheren Charakter trug. Sie standen in einer Gruppe um drei aus ihrer Mitte, die durch zahlreichere Perlen, Federn und Bänder ausgezeichnet waren. Wie ich später erfuhr, bildeten sie das Häuptlingstriumvirat des Stammes. Neben dem eigentlichen Häuptling scheint ein Medizinmann und ein Jäger im gleichen Rang zu stehen. Sie haben die erste Auswahl unter den Weibern und entscheiden über Krieg und Frieden. Nachdem wir uns durch Zeichen, Zeichnungen auf einem Stück reingefegten harten Erdbodens und einige Tupiworte mühselig genug zu verständigen versucht hatten, stellte sich heraus, daß ihr Stammesname „Itogapuk“ lautete. Damals wußten wir mit diesem Wort durchaus nichts anzufangen, aber später erfuhren wir, daß wir hier einen neuen Stamm oder eine neue Familie der menschlichen Rasse in diesen großen und geheimnisvollen Wäldern entdeckt hatten.

Die Maloccas der Itogapuks befanden sich weniger als eine „Sonne“ weiter flußaufwärts am kleinen, seichten Madeirinha. Roosevelt zufolge wurde er zufällig von einem indianischen Seringuero entdeckt, der im Dienst des Senhor Caripé stand, des Kautschukkönigs am Aripuanan. Der Mann verirrte sich in den Wäldern am Gy-Paraná, und entdeckte den Madeirinha, nachdem er achtundzwanzig Tage im dichten Dschungel umhergeirrt war und von Früchten, Palmschößlingen und Nüssen gelebt hatte.

Als die Unterhaltung unter Aufwand von viel Geduld und Scharfsinn so weit gediehen war, hielten wir es für richtig, Geschenke auszuteilen. Es war bemerkenswert, mit welcher Gier sich sogar die jungen Leute dieses unbekannten Stammes auf die kleinsten Metallgegenstände stürzten. Als Gegengaben erhielten wir bereitwillig von den Indianern Kronen aus Ararafedern, Halsketten aus Samenkörnern und verzierte Jagdspeere.

Während dieser Austausch von Geschenken und Freundschaftsbezeigungen langsam vor sich ging, gelang es mir, von einem jungen Krieger, der nicht älter als 15 Jahre sein konnte, die Einwilligung dazu zu bekommen, seinen Schmuck genau besichtigen zu dürfen. Außer der Oberlippe war seine Nasenscheidewand durchbohrt; durch das Loch hatte er ein kurzes Stück Stroh gesteckt. Der Lendengürtel bestand aus einer Art Baumrinde und verbarg eine dünne Schnur, die zum Schutz eines gewissen Körperteils diente. Die Fußringe aus Bambus klapperten nur beim Tanzen, und dann wurden die Bänder um den Arm herabgeschoben, um zusammen mit den Gelenkbändern ein Geräusch hervorzubringen. Am merkwürdigsten war ein Holzring am Mittelfinger, der offenbar als Amulett gegen böse Einflüsse getragen wird. Später ist mir eingefallen, daß die hölzernen Beinringe auch dazu dienen könnten, die untern Teile der Beine vor den Bissen und Stichen größerer Insekten und Reptilien zu schützen. Denn man darf nicht vergessen, daß der Mangel an Großwild im Vergleich mit Afrika durch die Verschiedenheit und den Blutdurst kleinerer Tiere, Insekten und Reptilien wieder ausgeglichen wird. Es ist für den Weißen gleichwie für den Eingeborenen unmöglich, einige Kilometer in den Wäldern umherzuwandern, ohne an mehreren Stellen zerbissen und zerstochen zu werden von Ameisen, Piums, Sandflöhen, Moskitos, Sandfliegen, Spinnen oder andern Insekten oder Reptilien. Der junge Itogapuk hatte an den Oberschenkeln und am Rücken Geschwüre, verursacht von der widerwärtigen Bernefliege, die ihre Eier in die Stichwunden absetzt.