Gegen Sonnenuntergang zogen die Indianer wieder ab, ohne die genaue Lage ihres Dorfes anzugeben. Das bedeutete für mich eine große Enttäuschung, da ich dadurch vor der Entscheidung stand, entweder nach sechs Tagen mit dem Batalõe den Aripuanan hinab zurückzufahren oder in dieser abgelegenen Gegend für unbestimmte Zeit zu bleiben, bis ein neues Vorratsboot die 360 Kilometer des gefährlichen Flusses heraufkommen würde. Das konnte Monate dauern, und die Umstände erlaubten mir keine so lange Abwesenheit, wenn ich noch weitere Reisen in diesem wunderreichen, aber ungeheuer ausgedehnten Gebieten vor der Rückkehr nach Europa unternehmen wollte.
Ich sollte jedoch nicht lange enttäuscht bleiben, denn zwei Tage darauf erschienen sechs Indianer und zwei kleine Jungen im Lager, nachdem sie sich mit den üblichen Rufen angekündigt und ihre Waffen am Rand der Lichtung niedergelegt hatten. Bisher hatten sie ihre Weiber im Hintergrund gehalten, aber jetzt merkten wir bald, daß irgendwo im Wald ganz in der Nähe die Weiber auf ein Zeichen ihrer Herrn warteten, ob sie ohne Gefahr ins Lager der Weißen kommen könnten. Augenscheinlich konnten die Itogapuks ebensowenig wie die Parintintins verstehen, warum wir unsere Weiber und Töchter nicht in den Wald mitgenommen hatten. Nach einer befriedigenden Erklärung unsererseits verschwanden die Wilden für eine halbe Stunde. Dann wiederholte sich der Austausch von Ankündigungs- und Willkommrufen, und etwa ein Dutzend Gestalten zog auf die Lichtung. Endlich hatten sie ihr Weibervolk mitgebracht, womit sie anzeigten, daß nun ein Zustand des Vertrauens herrschte, und daß wir bald die Maloccas dieses bisher gänzlich unbekannten Stammes zu Gesicht bekommen sollten.
Die Itogapukmädchen sehen entschieden besser aus als die Männer. Mehrere hatten eine ein wenig hellere Hautfarbe. Sie waren völlig nackt bis auf einen Rindengürtel und ähnliche Verzierungen, wie sie die Männer trugen. Wie es scheint, wird bei den Weibern dieses Stammes nur die Oberlippe durchbohrt, aber nicht die Nasenscheidewand. Sie entfernen, ungleich den Männern, alle Haare vom ganzen Körper, was bei den Weibern aller amazonischen Stämme allgemein üblich zu sein scheint. Zuerst hielten sie sich hinter ihren Männern und Vätern und zeigten sich sehr scheu. Aber Geschenke nahmen sie bereitwillig aus den Händen der Weißen entgegen, was die Parintintins nie getan hatten.
Nachdem sie uns eine Zeitlang neugierig beschaut und untereinander Meinungen ausgetauscht hatten, fragten sie, warum unsere Haut weiß wäre und ob wir Kleider trügen, weil es in unserer Heimat heißer sei als in „Emelene“? Wir vermuteten, daß dies die Eingeborenenbezeichnung für den Madeirinha oder kleinen Madeira sei, aber was der Name bedeutete, konnten wir nicht herausbringen. Etwa eine halbe Stunde hielten sie sich im Lager auf und waren schon im Begriff, mit ihren Geschenken wieder abzuziehen, als wir ihnen begreiflich machten, daß wir nun auch ihre Maloccas sehen wollten, nachdem sie unsere besucht hatten. Ihnen diesen Wunsch auseinanderzusetzen, bedurfte trotz seiner Einfachheit geraumer Zeit und verursachte viel Hin- und Herreden unter ihnen, als sie ihn endlich verstanden hatten. Doch schließlich willigten sie ein, am nächsten Tag zurückzukehren und uns zu ihren Maloccas zu führen.
Nachdem wir nun den Stammesnamen der Wilden kannten, saßen wir noch lange in der Nacht um das Lagerfeuer, das zur Beleuchtung und zum Kochen diente, und besprachen, ob die Itogapuks ein eigenes Volk bildeten oder eine Unterfamilie einer der großen ursprünglichen Gruppen wären. Obwohl eine Entscheidung bei dem Fehlen endgültiger Beweismittel nicht getroffen werden konnte, schien doch die Wahrscheinlichkeit dafür zu sprechen, daß dieser merkwürdige Stamm in Wirklichkeit die Unterabteilung einer oder der andern der beiden großen amazonischen Rassen bildet: der kriegerischen Parintintins und der ebenso wilden Nambiquaras, zwischen deren Wohngebieten die Itogapuks in düstern Urwäldern hausen. Ihre Sprache war uns damals noch fremd, obwohl gewisse Worte in Tupi, das dem Guarani ähnlich ist, verstanden worden zu sein schienen. Nach Gestalt, Farbe und Haar ähnelten die Itogapuks den Parintintins, aber ihr Körperschmuck glich weit mehr dem der Nambiquaras. Spätere Untersuchungen verstärkten die Annahme zugunsten der Nambiquaras, aber nebenher gibt es auch schwerwiegende Gründe für die Annahme, daß sie einen Zweig des wilden Nomadenstammes der Arara bilden. Das Indianeramt in Manáos führt sie gleichwohl amtlich als besonderen Stamm unter dem Namen der Itogapuks.
12. Der Fluß der Itogapukindianer.
Spät am Nachmittag des folgenden Tags erschienen die Indianer wieder auf der Lichtung. Der Stationskommandant, der den verräterischen Charakter aller Wilden kannte, hielt es für unklug, noch am gleichen Tag nach den Maloccas aufzubrechen. Den drei Führern wurde Unterkunft im Lager angeboten, aber schließlich machten sie ein Feuer auf der Lichtung und legten sich auf den Boden, mit den Füßen gegen die Glut. Am nächsten Morgen zogen wir los, noch ehe der dichte Wald von den Fiebernebeln frei war, so daß mich nur eine starke Dosis Chinin vor einem Anfall der Malaria rettete, die im Juni und Juli in diesen Waldgebieten besonders heftig auftritt.
Ich möchte hier erwähnen, daß alte Reisende im Amazonengebiet nicht für den fortgesetzten Gebrauch von Chinin sind. Nach ihrer Behauptung begünstigt es eine Erkrankung am gefürchteten Schwarzwasserfieber. Ich selbst habe Wochen auf dem Amazonenstrom und seinen Nebenflüssen zugebracht, ohne eine einzige Dosis zu nehmen, obwohl ich im Fall starker Erschöpfung oder Durchnässung bei Regenwetter unweigerlich Chinin in genügender Menge schlucke, um die Folgen solch gefährlicher Zustände abzuwehren. Augenscheinlich ist es kein Vorbeugungsmittel gegen Malaria, aber das bequemste und wirksamste Mittel, die Symptome zu unterdrücken.
Wir paddelten etwa zwei Stunden im Batalõe flußaufwärts. Auf dem Igarapé, in den wir dann einbogen, sah ich ganze Felder der riesigen, unter dem Namen Victoria regia bekannten Wasserrosen. Ihre schalenförmigen, weißlich grünen Blätter auf dem schwarzen Wasser boten einen wundervollen Anblick gegen den Hintergrund der Assaipalmen und des dicht verwachsenen Waldes. Bei der Weiterfahrt trafen wir auf zahlreiche Alligatoren, die geschäftig ihrer Frühstücksjagd nachgingen. Es war kaum acht Uhr und die Sonne hatte noch nicht genügend Kraft gewonnen, um das Leben in den Wäldern auszulöschen. Alles war feucht und von einem frischen, üppigen Grün. Das von den Alligatoren aufgewühlte Wasser glänzte wie Gold, wenn sie mit schwerfälligen Bewegungen dem Batalõe auswichen. In den Bäumen schnatterten Araras und Affen.
Trotz dieser Morgenfrische hatte man das Gefühl des Ungesunden. Ob es an dem faden Geruch der faulenden Vegetation lag, an dem Düster des Blättergewölbes, dem Fehlen auch des leisesten Lüftchens oder daran, daß man die Einsamkeit, die Ferne und eine Unermeßlichkeit, in der der Mensch für nichts zählt, empfand, kann ich nicht sagen. Dieser Igarapé der Itogapuks machte jedenfalls auf mich den Eindruck eines tropischen Paradieses mit der Atmosphäre eines Grabes.