Die verlassenen Konquistadoren schlugen sich unter Pizarros Führung nach Nordosten durch, gelangten auf dem Cassiquare in den Orinoko und kehrten schließlich von der Küste Venezuelas nach Spanien zurück. War es auch diesem Teil der Expedition nicht gelungen, den Amazonenstrom zu entdecken, so hatte er doch, wie ein Blick auf die Karte zeigt, eine der wundervollsten Taten in der Forschungsgeschichte vollbracht.
Über dem Oberlauf des Amazonenstroms lichtete sich nun das Dunkel. Orellana gelang die fast unglaubliche, aber geschichtlich bezeugte Fahrt den 2000 Kilometer langen Napo hinab und 3500 Kilometer auf dem Amazonenstrom bis ins offene Meer! Er brachte den ihm von Pizarro anvertrauten Schatz nach Spanien und berichtete über seine Abenteuer auf der berühmten Reise: während der ganzen Fahrt napoabwärts sei er ständig von kriegerischen Weibern angegriffen worden, sie hätten eine mattbronzene Hautfarbe, lange blonde Haare und seien mit Pfeilen, Schilden und Speeren bewaffnet. Ob er die Yáhua-Indianer des Napogebiets mit ihrem langen Haar und ihren Schulterumhängen und kurzen Röckchen aus Gras wirklich für ein Volk streitbarer Weiber hielt, die die Männerherrschaft abgeschüttelt hatten, muß dahingestellt bleiben. Sicher jedenfalls ist, daß solche und ähnliche Geschichten diesem riesigen Strom und dem noch heute großenteils unbekannten angrenzenden Gebiet den Namen „Amazonas“ verschafft haben. Einer dieser Berichte betrifft einen Indianerstamm, der jetzt die Serra de Parentins, an der Grenze der brasilianischen Staaten Pará und Amazonas, bewohnt, bei dem früher die Weiber mit den Männern in den Kampf zogen, um verschossene Pfeile und Speere zu sammeln.
Von Englands Küsten sind im goldenen Zeitalter der Abenteurerfahrten — unter der Regierung der Königin Elisabeth — zum erstenmal Schiffe nach Westindien abgesegelt. Auf der Suche nach dem geheimnisvollen Dorado, dessen Schätze den abenteuerlustigen Kaufleuten Spaniens zuflossen, fuhren einige in die Mündung des Amazonenstroms ein. Der bedeutendste unter den Anführern jener Tage war Sir Walter Raleigh, der Günstling der Königin. Am 5. Februar 1595 trat er die Fahrt nach der Insel Trinidad an, und es gelang ihm, sie den Spaniern zu entreißen. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem Festland zu, querte den schmalen Arm des Karibischen Meers und fuhr den Orinoko hinauf. Ehe ihn Krankheiten und Todesfälle unter der Mannschaft zum Rückzug zwangen, glückte es ihm, in freundschaftliche Beziehungen mit einigen der wilden Volksstämme zu treten, die das Waldgebiet des Orinoko und des Amazonenstroms bewohnen. Von ihnen wollte er von einer goldenen Stadt weit im Innern gehört haben. In Raleighs Reiseberichten war Phantasie und Wirklichkeit so verwoben, daß sich nur wenig oder nichts mit ihnen anfangen ließ. Aber sie reizten doch die Begierde der Abenteurer, über das spanische Gebiet hinaus in jenes Dorado einzudringen, das von kriegerischen Weibern verteidigt wurde.
Alle die schwächlichen Versuche anzuführen, die gemacht wurden, um den Schleier des Geheimnisses über der verwirrend ungeheuern Weite des unbekannten Amazonengebiets etwas mehr zu lüften, wäre ein ermüdendes, ja fast aussichtsloses Unternehmen. Nur einige Namen berühmter Erforscher mögen genannt werden, die das ihrige beigetragen haben zu unserer auch heute noch dürftigen Kenntnis von jenen düsteren Dschungeln, ausgebreiteten Graswüsten, Bergketten, verschlungenen tropischen Flüssen, von Reptilien wimmelnden Sümpfen, sonderbaren Menschenrassen und wilden Tieren. Viele, deren Namen und Taten völlig verschollen sind, haben zwischen den schweigenden Mauern jener Millionen von Meilen bedeckenden Urwälder so außerordentliche Taten von Forscherkühnheit, Ausdauer und Opfermut geleistet, daß ihre Berichte — lägen sie der zivilisierten Welt im Druck vor — als Heldengedichte des Abenteuers auch noch in einer abgestumpften und ausschließlich dem Wirtschaftlichen zugewandten Zeit wie der unsern gefeiert würden, die jedes Interesse am Heroismus des Forschens so gut wie verloren hat.
Von den bekannteren Erforschern jenes wilden Gebiets seien angeführt: Orellana, der Entdecker des Oberlaufs des Amazonenstroms; der Jesuitenmissionar Acunas, der die Niederlassungen der Eingeborenen längs dem Hauptstrom 1698 besuchte; Fritz 1717; Bourdonnais 1733 und der große Reisende des 18. Jahrhunderts, Humboldt, 1799. Dann Alamada 1787; Montravel 1843; Selfridge 1882; Rodrigues 1875; Shaw 1883 und Caudeau 1892. Ferner die Vertreter bedeutender gelehrter Gesellschaften wie Martius und von Spix 1819; der Naturforscher Wallace 1848; der Entomologe Bates 1849; der Botaniker Spruce 1860; Agassiz, der sein Augenmerk hauptsächlich auf die Fische richtete, 1866; Chandleß 1880 und Stradelli 1889.
Andere wurden ein Opfer des Fiebers, des Giftes, der verheerenden Beri-Beri-Krankheit, der Malaria, des Bisses giftiger Schlangen oder der Grausamkeit menschenfressender Stämme; so Emile Robuchon, von dem niemals eine Spur gefunden wurde, wenn auch allgemein angenommen wird, daß er von den Carijonas-Indianern umgebracht und aufgefressen wurde; du Murez, der an einer durch einen vergifteten Pfeil verursachten Wunde im Urwald des obern Madeiragebiets starb; Pinzon und Cabral, die am Fieber zugrunde gingen; die Teilnehmer der ersten unglücklichen amerikanischen Madeira-Mamoré-Expedition, die unter dem gemeinsamen Ansturm des Hungers, mordlustiger Indianer und des gelben Fiebers im Zwielicht der Urwälder ein tragisches Ende fanden; die Prospektoren von Iquitos, die von den Huambisastämmen am Santiagofluß getötet wurden, und Kroehle, der an den Wunden starb, die Kaschibosindianer der Pampas Sacramento ihm geschlagen hatten.
Dann sind jene zu nennen, die den ungeheuern Wäldern lebend entrannen, und durch die die Welt all das erfuhr, was sie jetzt über jene geheimnisvollen Gebiete weiß: an erster Stelle Baron Sant’ Anna Nery, der berühmte brasilianische Schriftsteller, der einen großen Teil seines Lebens im unbekannten Amazonengebiet zubrachte; dann Henry Savage-Landor, der 1911 mit Unterstützung der brasilianischen Regierung eine große Strecke des 11. Breitengrades zwischen den Flüssen Araguay und Mamoré durchquerte; J. F. Woodroffe, der zwischen 1905 und 1913, fast acht Jahre lang, die Flüsse des Amazonenstrombeckens durchforschte; Theodore Roosevelt wegen seiner Reise zum Aripuanan und dem „River of Doubt“; Oberst Fawcett, dessen Werk über die Grenze rühmlich bekannt ist; der verstorbene Oberst Saurez, für den die Gebiete von Beni und Acre in Bolivia und Brasilien ein offenes Buch waren; Wickham, der das Tapajóz-Madeira-Plateau durchforschte und Samen des Kautschukbaums mitbrachte, aus denen später die Gummipflanzungen in Asien entstanden; Earle Church, der amerikanische Ingenieur und Erbauer der Mamoré-Eisenbahn; dann für Forschungen im Gebiet des Beni und des Madre de Dios Leutnant Maury und M. d’Orbigney, in Guyana Sir Everard im Thurn, auf dem untern und dem obern Amazonenstrom Algot Lange, im nordöstlichen Peru G. M. Dyott und in jüngster Zeit viele andere, von denen der Verfasser innerhalb und außerhalb der Grenzen der Zivilisation manche traf und deren Namen auf den folgenden Blättern noch erscheinen werden.
Keinesfalls unerwähnt dürfen die tapferen Offiziere und Beamten des brasilianischen Indianeramtes und des Überland-Telegraphendienstes bleiben, wie General Rondon, Bento Lemos und andere, deren Leistungen unter den wilden Indianerstämmen außerhalb Südamerikas viel zu wenig bekannt sind.
Alle, die in den großen tropischen Urwäldern gelebt oder sie durchzogen haben, dürften darin übereinstimmen, daß eine Armee von Forschungsreisenden, zehnmal so groß als die Zahl der Männer, die bisher das Amazonengebiet durchwandert haben, nicht ausgereicht hätte, um alle Geheimnisse dieser düstern, barbarischen, undurchdringlichen und unvorstellbar ausgedehnten äquatorialen Wald-, Fluß- und Sumpfwildnis aufzuhellen. Sobald man die Wasserwege verläßt und in den Dschungel eintritt, ganz gleich unter welchem Breiten- und Längengrad, steht man auf der Schwelle zum Unbekannten, vor dem Fragezeichen des „und weiter?“. Und nach monatelangem Wandern und Sichdurchhacken durch ein jungfräuliches Pflanzengewirr, das den Gesichtskreis auf Mauern und Decke aus Grün einschränkt, dasselbe Bild: immer liegt darüber hinaus das Unbekannte und Unerreichbare.
Dies Wenige aus der Erforschungsgeschichte des Amazonengebiets möge genügen, um darzutun, daß viel seltener und weniger systematisch Anstrengungen gemacht wurden, diese ungeheure Wildnis tropischen Urwalds zu erobern, als etwa in Ost-, West- oder Innerafrika. Auf der Karte Asiens finden sich manche weiße Stellen, aber sie sind verhältnismäßig nicht umfangreich. Die Pole sind erreicht, man hat fast alle Meere aufgenommen und vermessen. Afrika ist nicht länger mehr der dunkle Erdteil; von Kapstadt bis Kairo und vom Kap Guardafui zum Kap Verde ist es durchforscht und unterworfen. Trotzdem ist die oft wiederholte Behauptung, daß es nichts mehr zu erforschen gebe, gänzlich unwahr. Im Herzen Südamerikas, vom 5. Breitengrad nördlich bis zum 25. Breitengrad südlich vom Äquator, erstreckt sich ein unbekanntes oder wenig bekanntes Gebiet von über fünf Millionen Geviertkilometer mit Hunderten von unentdeckten Volksstämmen.