Señor Ramon besaß eine Alligatorfarm am Unterlauf des Chimbiri-Yacu, die vollständig von einem Mischling und einigen halbzivilisierten Cocamas betrieben wurde. Bei Hochwasser während der Regenzeit pflegen die riesigen Reptilien flußaufwärts zu ziehen. Kommen sie dann wieder herab, wenn die Gewässer sich von neuem gegen den breiten Marañon zu verlaufen, so werden sie gefangen. Man kann sich kaum vorstellen, wie aufregend der Fang wilder Alligatoren ist. Viele Monate lang braucht man gar nichts zu tun. Wenn dann die Gewässer zu fallen beginnen, werden aus gigantischen Baumstämmen mit Seilen und Flaschenzügen riesige Fallen quer über den Fluß errichtet.

Die Tiere müssen sich daher in einem kleinen, am Ufer ausgehobenen Teich sammeln. Sind sie einmal darin, so gibt’s kein Entkommen mehr. Die ausgewachsenen, vielleicht ein bis zwei Jahrhunderte alten Saurier werden ihrer Häute wegen getötet. Da man sie nicht recht zu gerben versteht, bleiben sie etwas steif und vermögen mit den Häuten der Alligatorfarmen an den Küsten des Karibischen Meeres nicht in Wettbewerb zu treten. Señor Ramon erklärte sich bereit, mir jährlich 5000 Häute zu 25 Schilling das Stück zu verkaufen. Würde man sie durch besseres Gerben weich und geschmeidig machen, so wäre eine Alligatorfarm am entlegenen Amazonenstrom eine äußerst gewinnbringende Unternehmung, solange die Mode für Damenschuhe, Handtaschen und andere Gegenstände aus Krokodilleder Bedarf hat.

Nach dem Abschied von Señor Ramon und der Alligatorfarm überstürzten sich die Schwierigkeiten geradezu. Der Chimbiri-Yacu sieht freundlich und ungefährlich aus, hat aber eine starke Strömung und ist sehr seicht und voll Hindernissen, so daß die Arbeit, sich flußaufwärts zu staken, nicht nur äußerst anstrengend, sondern auch von so geringen Fortschritten begleitet war, daß wir in drei Tagen nur 35 Kilometer von dem Punkt aus zurücklegten, wo wir die Barkasse verlassen hatten. Der Wald war sehr dicht; rechts von uns erschienen verschwommene blaue Hügel.

Am Abend entdeckten wir, daß wir nahe der Mündung eines kleinen Flusses einen falschen Weg eingeschlagen hatten, der auf der Karte Perus den Namen „Urama“ trägt. Es war der letzte Fluß oder Ort mit einem Namen; jenseits liegt Terra incognita. Zuerst bemerkte ich diesen wichtigen Umstand am Nachlassen der Hauptströmung. Dadurch wurde es klar, daß wir nicht nur unsern Fluß verlassen hatten, sondern überhaupt jeden Fluß, der aus höher gelegenem Gelände herkam.

Mit einem Male verbreiterte sich der Fluß und wir sahen, daß wir in einen großen, aber sehr seichten See eingefahren waren. Da wir ihn auf keiner vorhandenen Karte finden konnten, benannte ich diese weite Wasserfläche, die wenigstens 24 Kilometer lang und 8 Kilometer breit war, auf der beigegebenen Karte „See der Seekühe“. Hier erblickte ich zum erstenmal diese unter dem Namen „Manati“ oder Seekuh bekannten seltsamen Süßwasser-Säuger. Sie kommen in vielen amazonischen Stauwasserbecken vor, werden aber von Reisenden, die ihre Lieblingsschlupfwinkel nicht kennen, nur selten gesehen. Die Brasilianer nennen die Seekuh auf portugiesisch „Peixe boi“, die Peruaner auf spanisch „Vaca Marina“. Fast jeder Indianerstamm hat einen eigenen Namen für diesen nützlichen Fisch, der sie mit Öl versorgt.

Der bläulichgraue, glatte Rücken der Seekuh ist oft äußerst schwer von stagnierendem Wasser oder einem schwimmenden Baumstamm zu unterscheiden. Kommt aber der Bauch nach oben, so entdeckt man das Tier leicht an rosa Zeichnungen, die ihm das Aussehen eines Gummiballs verleihen. Die gewöhnliche Länge eines ausgewachsenen Tieres beträgt etwa zwei Meter; sein Maul, von dem es seinen „Familiennamen“ hat, gleicht dem einer Kuh.

Sein Gesichts-, Geruchs- und Gehörsinn ist so fein entwickelt, daß die Eingeborenen behaupten, zur Jagd keines Tieres bedürfe man größerer Geschicklichkeit. Man fängt die Seekuh entweder mit der Harpune oder in starken Netzen, die vor dem Eingang zu ihren Futterplätzen aufgespannt werden. Das Fleisch gilt für recht gut und soll ähnlich wie Schweinefleisch schmecken. Mir selbst jedoch war der Geschmack zuwider. Das merkwürdige Tier hat Flossen, unter der Haut eine dicke Speckschicht und liefert mehrere Gallonen (zu 4½ Liter) Öl, das die Indianer zum Massieren bei verschiedenen krankhaften Schwächezuständen mit anscheinend wunderbarem Erfolg verwenden.

Nachdem wir für die Untersuchung dieses großen Waldsees einen Tag und eine Nacht geopfert hatten, suchten wir wieder den Hauptarm des Chimbiri-Yacu auf und arbeiteten uns zwei Tage gegen die Strömung flußaufwärts. Außer einer verlassenen Strohhütte bekamen wir nur den Dschungel und in weiter Entfernung einige Hügel zu Gesicht. Da wir die Unmöglichkeit einsahen, bei unserm langsamen Vorwärtskommen das Quellgebiet des immer seichter werdenden Flusses in einer vernünftigen Zeit zu erreichen, entschloß ich mich, in einen nicht so schnell dahinströmenden Fluß einzufahren, der auf 4° 10′ südlicher Breite vom Chimbiri-Yacu westlich abzweigt, denn wir waren von den zehntägigen Anstrengungen in der Dampfbadatmosphäre und dem häufigen Eingeweichtwerden von tropischen Regengüssen völlig erschöpft. Dieser Nebenfluß war so seicht, daß das leichte Kanu öfter festsaß als auf dem Wasser schwamm.

Am Morgen des zweiten Tages auf diesem namenlosen Fluß, den ich zu Orientierungszwecken „Indianerflüßchen“ getauft habe, trafen wir auf drei große Gemeinschaftshütten. Sie waren aus Chontapalmholz gebaut und standen am Rande einer Lichtung in geringer Entfernung vom Ufer. Auf dem Fluß lagen zwei Flöße oder Balsas, auf denen sechs Eingeborene mit furchterweckend aussehenden Bogen und Pfeilen standen.

Nachdem wir unsere freundschaftliche Gesinnung durch Zeichen kundgetan hatten, landeten wir bei der kleinen Lichtung. Sofort umgaben uns zwanzig oder dreißig Wilde, die das Eindringen eines Weißen nicht übel aufzunehmen schienen. Mehrere Freunde in Iquitos hatten mich aber vor dem verräterischen Charakter der Indianer dieser Gegend gewarnt und erzählt, wie einsame Prospektoren auf der Suche nach den sagenhaften Schätzen des Amazonenlandes von ihnen behandelt worden waren. Daher beschloß ich vorsichtig zu sein und das Lager unmittelbar am Ufer aufzuschlagen statt in der Nähe der Hütten auf der Lichtung.