Wie dem nun auch sein mag, ich selbst jedenfalls beanspruche keine ausschließlichen Kenntnisse, weil keiner der Stämme, mit denen ich in Berührung kam, dazu bewogen werden konnte, das Verfahren zu verraten.

Die Indianer, die wissen, daß die Behörden Perus an jedem, der im Besitz eines „gedörrten“ Kopfes getroffen wird, die Todesstrafe vollziehen, scheuen sich natürlich, irgend etwas zuzugeben, und die richtigen Wilden, die in keiner Beziehung zu den Regierungsbeamten und Händlern stehen, betrachten diese schauerlichen Trophäen als ihr wertvollstes Eigentum. Doch erfuhr ich immerhin von diesem Stamm, welche Gefühle den Besitzer eines eingeschrumpften Kopfes beseelen. Es scheint, daß derartige Trophäen entweder an der Hüfte oder rückwärts am Nacken hängend getragen werden, wenn der Krieger in den Kampf zieht, als Warnung des Gegners vor gleichem Schicksal. Im Frieden aber quillt aus dem Bewußtsein, das Haupt des Überwundenen an den Lippen am Gürtel oder Halsband aufgehängt zu haben, ein beständiges Gefühl der Genugtuung, wie nur unbeherrschte Wildheit und der rücksichtsloseste Haß es zu empfinden fähig sind. Man muß dabei bedenken, daß Blutrachen die Hauptursachen der unaufhörlichen Kriege zwischen fast allen wilden Stämmen des entlegenen Innern bilden.

Unter andern grausamen Gebräuchen pflegt dieser Stamm seine Knaben zu peitschen lediglich, um ihre Fähigkeiten in Ausdauer zu prüfen und zu verstärken. Aus demselben Grund werden auch junge Mädchen über einem qualmenden Feuer in einer Hängematte aufgehängt, um die bösen Geister aus ihnen auszutreiben und ihre Kraft beim Aushalten von Qualen zu steigern, ehe sie im Haushalt des Gatten ihren Platz einnehmen. Vor jedem Festmahl nehmen alle Stammesmitglieder starke Brechmittel zu sich, damit sie sich der bevorstehenden Orgie mit größerer Ungebundenheit hingeben können. Die Weiber entfernen alle überflüssigen Haare, indem sie sie um einen kleinen Rohrsplitter winden. Die Geburt machen sie durch schon den Kindern auferlegte Übungen schmerz- und gefahrlos. Sehr dünnes und zerbrechliches Töpferzeug wird von den Weibern in großer Zahl verfertigt ohne andere Hilfsmittel als ein wie eine Mörserkeule geformtes Stück Holz.

Nachdem ich einige Zeit bei den Huambisa zugebracht hatte, hielt ich es für ratsam, wieder nach Iquitos zurückzukehren. Ein Weißer wird mit verhältnismäßiger Sicherheit in freundschaftliche Berührung mit fast jedem wilden Indianerstamm kommen und sich einige Tage bei ihm aufhalten können, vorausgesetzt, daß er über Takt und Unerschrockenheit verfügt. Aber traut er der gastfreundlichen Stimmung und dem Eindruck des Neuen, den sein Erscheinen mit sich gebracht hat, zu lange, so bedeutet das beinahe sicher seinen Tod durch Pfeil, Speer oder Gift. Während der ersten paar Tage bei einem wirklich wilden Stamm bieten die natürliche Neugierde des amazonischen Indianers und sein Argwohn vor jedem menschlichen Wesen einen ziemlich sichern Schutz. Indem er aus seinem eigenen beschränkten Dasein gewissermaßen Schlüsse zieht, äußert er vor allem den Wunsch nach Geschenken und Kenntnissen, die ihm Macht über den eigenen Stamm oder seine Feinde verschaffen. Dann schließt er weiter, daß kein Mensch, der nicht seiner körperlichen Überlegenheit oder magischer Kräfte sicher wäre, sich allein unter einen unbekannten Stamm wagen würde. So ermöglichen diese beiden Hauptcharaktereigenschaften des wirklichen Wilden dem Forscher und Wissenschaftler Untersuchungen anzustellen, die sonst undurchführbar sein würden. Das ist die wahre psychologische Erklärung mancher berühmten von weißen Reisenden vollführten Heldentaten unter den wilden Rassen der Menschheit.

Über die Rückreise nach Iquitos brauche ich nur zu sagen, daß ich sehr früh, noch vor Tag, vom Huambisadorf abfuhr und genug Geschenke zurückließ, um einen verräterischen Versuch zu verhindern, meiner kleinen Expedition flußabwärts zu folgen.

Carijonasindianer mit schweren Ohrpflöckchen.

Konibosindianer im Kusma.