Landungsstelle am oberen Madeira.
Die Ballen sind Rohgummi.
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GRÖSSERES BILD
16. Unheimliche Bräuche im Land der Uitotosindianer.
Man stelle sich einen Fluß vor, dessen Wasser wie flüssiges Erz aussehen, mit glatter, öliger Oberfläche, der schweigend und erbarmungslos zwischen den beiden Wänden eines üppigen, faulenden Waldes dahingleitet in der schläfrigen Dampfatmosphäre des tropischen Tags, und man hat den Beginn meiner sechsten langen amazonischen Reise von Iquitos flußaufwärts gegen den Oberlauf des Putumayo.
Solange jede Palmstrohhütte, jedes sonnenflimmernde Herumplätschern eines spielenden Delphins, jede schnatternde Affenkolonie, jeder baumstammähnliche Alligator, das wachsende Dröhnen der Regengüsse, das Rollen des Donners und Zucken der Blitze am dunkelvioletten Himmel noch etwas Neues, Seltsames und Aufregendes bedeuten und die Eintönigkeit der Landschaft sich noch nicht unauslöschlich dem Gedächtnis eingeprägt hat, mag die Schweißschicht, in die man Tag und Nacht gebadet ist, zeitweise vergessen werden. Bald aber beginnen die Hitze und Stille des Mittags auf die ermüdeten Sinne zu drücken. Das blendende Sonnenlicht legt sich schmerzend auf Augen und Gehirn. Dann kommt die Zeit, da die Seele des Reisenden erschlafft und da er sich nach der belebenden Luft der offenen Flächen sehnt.
In solch einem unerfreulichen Zustand befand ich mich, nachdem ich mich 48 Stunden lang mit Wolken von Stechmücken auf dem Unterlauf des Putumayo herumgeschlagen hatte. So schrecklich ist diese geflügelte Seuche, daß die kleinen Grenzgarnisonen in Tarapaca, Tacna und Cotuhé fast beständig mit Kopfnetzen und Stulphandschuhen zu leben genötigt sind. Das Wasser dieses schönen Flusses ist klar und weiß, die Strömung beträgt fünf Kilometer, und die Schiffahrt findet verhältnismäßig wenig Schwierigkeiten. Der Putumayo hat eine Länge von etwa 1600 Kilometer, aber sein Oberlauf ist von einigen Wasserfällen und Stromschnellen gesperrt. Durch den Rio Yaguas gelangt man nach der kleinen Niederlassung von Pebas am Amazonenstrom. Jenseits der Mündung des Yaguas wird die Fahrt auf dem Putumayo durch viele kleine Inseln erschwert, und dann kommt die Mündung des wenig bekannten Pupuna, eines kohlschwarzen Flusses, der zwischen Mauern dunkler, abschreckender Wälder dahinströmt.
Der Putumayo vereinigt sich etwa 650 Kilometer oberhalb seiner Mündung in den Amazonenstrom, auf 1° 4′ südlicher Breite und 71° 53′ westlicher Länge, mit einem Nebenfluß namens Igara-Paraná. Er spielt in den Berichten der Kommission eine große Rolle, die die in der Kautschukregion begangenen Greueltaten zu untersuchen hatte. Diesem weltentlegenen Fluß in den Tiefen der Urwälder Guayanas steuerte ich langsam und mühselig entgegen mit der Absicht, etwas von den Uitotos- und Ocainasindianern zu sehen, die dieses Gebiet bewohnen.
An der Mündung der beiden Flüsse vertauschte ich das Iquitos-Putumayo-Boot mit einer Privatbarkasse, die zu den Gummipflanzungen weiter flußaufwärts gehörte. Man steigt bei der kleinen Niederlassung Retiro um, wo der Fluß eine breite Fläche bildet. Einige Kilometer weiter, hinter der kleinen Station Arica, wird der Hauptfluß verlassen, und die Barkasse nimmt nun ernstlich die Fahrt den von dunkeln Wäldern umsäumten Igara-Paraná, 350 Kilometer hinauf, in Angriff.
Skizze des Gebiets des Igara Paraná.