GRÖSSERES BILD

Im Bericht der Kommission heißt es, daß dieses Gebiet etwa 25000 Geviertkilometer groß ist und sich zwischen dem 72. und 74. Längengrad und dem Äquator und dem 2. südlichen Breitengrad erstreckt. Vor den Greueln wurde die Bevölkerung von den peruanischen Behörden auf 40–50000 Köpfe geschätzt. Die Mehrzahl dieses primitiven Volkes wohnte längs des Igara-Paraná. Der Fluß hat eine Länge von mehr als 600 Kilometer und ist für Fahrzeuge von 100 Tonnen und darüber von seiner Vereinigung mit dem Putumayo bis zur Station La Chorrera schiffbar, etwa 350 Kilometer von der Mündung.

Den Fluß entlang liegen zahlreiche kleine Ansiedlungen und Barracas, die zur Hauptkautschukstation in La Chorrera gehören. Sowohl die wilden als die halbzivilisierten Stämme, die in dieser ausgedehnten Waldenklave wohnen, sind zum größten Teil mit dem Einsammeln des kostbaren Saftes beschäftigt, den sie für Handelswaren an einer oder der andern der vorgeschobenen Niederlassungen verkaufen. Über die furchtbaren Greuel, die vor Jahren von gewissenlosen Halbblutagenten der großen Konzessionen begangen wurden, ist seinerzeit so viel geschrieben worden, daß es unnötig scheint, hier Geschichten zu wiederholen, die der ganzen zivilisierten Welt bekannt sind. Die öffentliche Aufmerksamkeit war für kurze Zeit auf diesen verhältnismäßig kleinen Fleck Erde in den großen Wäldern des Putumayo gerichtet mit dem Ergebnis, daß schnell Abhilfe geschaffen wurde. Für alle, die diese fernen, düstern und geheimnisvollen Gegenden kennen, lag das Erstaunliche der Sache nur darin, daß sich die Aufmerksamkeit lediglich auf dies eine Gebiet erstreckte, da es doch zahllose andere gab, wo die Verhältnisse bekanntlich ebenso schlimm, wenn nicht schlimmer lagen.

Die noch überlebenden wilden Stämme werden jetzt verhältnismäßig gut behandelt, obwohl die Moralverhältnisse hier wie anderswo im Amazonengebiet noch immer sehr viel zu wünschen übriglassen, sollen nicht die Eingeborenen in eine Mischlingsrasse verwandelt werden, die die Laster des niedrigstehenden Weißen und des verderbten Indianers ohne irgendeinen ihrer Vorzüge besitzt. Die Indianer hier haben die schauerliche Vergangenheit weder vergessen noch vergeben und betrachten jeden Weißen als Feind, der zu fürchten ist. Die Furcht allein verhindert an vielen Plätzen ein Blutbad.

La Chorrera ist eine kleine Ansiedlung von Palmholzhäusern und Strohhütten und liegt an einer wunderschönen Bucht des Flusses. In Mitte der Lichtung erheben sich die Verwaltungsgebäude der Kautschukgesellschaft, deren Konzessionen viele Tausende von Geviertmeilen umfassen. Hier hört die eigentliche Schiffahrt mit Barkassen auf; jenseits folgen die Stromschnellen von Chorrera. Von der kleinen Handelsniederlassung aus führen durch den Wald geschlagene Pfade zu Außenstationen, und noch weiter in den Wäldern zurück liegen die Dörfer des Uitotovolkes. Das Wort Uitoto bedeutet in der Eingeborenensprache Moskito. Man nennt diesen großen Indianerstamm so der dünnen, mißgebildeten Glieder und seltsam fetten Leiber seiner Angehörigen wegen. Doch ist diese Regel nicht ohne Ausnahmen. Die Ocainasindianer, die die Wälder längs des Igara-Paraná, etwa 80 Kilometer unterhalb La Chorrera, bewohnen, gehören zu den wohlgebildetsten und hellfarbigsten Rassen des Amazonengebiets. Allerdings ist es höchst zweifelhaft, ob dieser Stamm zu der Uitoto-Gruppe zu rechnen ist. Die Indianerrassen sind so vermischt, daß es unmöglich sein dürfte, in diesem und vielen ähnlichen Fällen zu einer sicheren Entscheidung zu kommen.

Bald nach meiner Ankunft in La Chorrera erfuhr ich, daß in einem der Ocainas-Walddörfer eine große Stammes-Tanzfestlichkeit stattfinden sollte. Eine Barkasse brachte mich flußabwärts zu der kleinen, gegen Angriffe wohlgeschützten Handelsfaktorei und dann eine kurze Wanderung durch den Wald zu den riesigen Strohhütten des merkwürdigen Stammes.

Die Vorbereitungen zu dem großen Tanz, der am nächsten Tag abgehalten werden sollte, waren schon in vollem Gang. Völlig nackte Mädchen und Kinder wurden eben mit aus Pflanzen gewonnenen, lebhaften Farben sorgfältig bemalt, und einige schienen über das vorzeitige Erscheinen eines Weißen nichts weniger als entzückt. So wandte ich denn meine Aufmerksamkeit den riesigen, glänzend ausgeführten Hütten dieses Stammes zu. Doch konnte ich nicht umhin, mich von der schönen Körperbildung der Ocainas im Vergleich mit der anderer Stämme des Waldes zu überzeugen.

Die Gemeinschaftshäuser der Ocainas sind sehr große, mit Palmstroh gedeckte, zeltförmige Hütten, deren Bau außerordentliche Mühe gemacht haben muß. Ihre Höhe beträgt wenigstens 7½ Meter, bei 10 Meter Breite und über 30 Meter Länge; der Eingang ist fast 2 Meter hoch und anderthalb Meter breit. Die Dachsparren dieser Familienwohnstätten reichen bis auf den Boden. Im Innern herrscht überall Halbdunkel, nur erhellt von der düstern Glut schwelender Feuerstellen; und bis sich die Augen daran gewöhnt haben, setzt es einige Beulen und Stürze ab. Nackte Gestalten huschen gleichgültig vorüber. Auf dem harten Lehmboden stehen irdene Töpfe und Tiegel umher, die, wie ich bemerkte, mit Henkeln versehen und mit eigenartigen Zeichnungen geschmückt sind. Außerdem sieht man Weidenkörbe voll von Früchten, Mörser, um Farinha zu zerstoßen, und kleine Fächer aus Palmblättern. Von Betten aber war außer einigen Haufen trockener Blätter, auf denen Kinder schliefen, nichts zu merken.

Am folgenden Morgen verließ ich schon früh das Lager und begab mich auf den kleinen Platz vor den Hütten, um die letzten Vorbereitungen nicht zu versäumen. Einige Männer trugen Jacken und Hosen, andere schienen eine kleine Schürze in jeder Hinsicht für ausreichend zu halten. Die älteren Weiber waren in ein loses, weißes Gewand gekleidet, aber die jüngeren Mädchen erschienen vollständig nackt, während die Alten noch die letzte Hand an ihre kunstvollen Körperbemalungen legten. Die meisten waren verhältnismäßig wohlgebildet und hatten jedes überflüssige Haar von ihrem Körper entfernt. In der Hautfarbe waren alle Töne von dunkler Bronze zu fast reinem Weiß zu finden. Ein Kind, das als einzige Bekleidung eine merkwürdige Halskette aus weißen Steinscheiben trug, war heller als alle Indianer, die ich auf meinen bisherigen Reisen im Amazonengebiet angetroffen hatte. Die Ocainasweiber tragen das Haar entweder kurz geschnitten oder lang über die Schultern herabhängend. Bei allen Männern und Kindern ist es kurz geschnitten.

Die phantastischen Bemalungen, hauptsächlich auf Leib und Beinen, müssen stundenlange Arbeit erfordert haben und ließen sich wohl nicht so leicht wieder entfernen. Mehrere ältere Mädchen trugen merkwürdige Beinbekleidungen mit Quasten, andere wieder Fußringe und einige wenige breite Gürtel aus gefärbtem Stroh in der Art von losen Miedern. Augenscheinlich waren die Beine einiger Mädchen mit dem klebrigen Saft des Kautschukbaumes bestrichen und dann in den Blütenstaub einer Palme getaucht worden. Die Männer hielten in jeder Hand einen Tanzstock. Das ganze Schauspiel machte den Eindruck eines Bacchanals.