Der Tanz fing an mit einer schwingenden Linie farbenfreudig bemalter, aber sonst ungeschmückter Mädchen, die auf der kleinen palmenumsäumten Lichtung langsam vor- und zurückgingen. Die Männer verschränkten die Arme und rückten so unter wildem Geschrei auf die Lichtung vor. Die Paare faßten sich nun bei den Händen und begannen auf ungeschlachte Weise seltsam gleichförmige Körperverdrehungen auszuführen. Jene, die Tanzstöcke hatten, stampften mit den Füßen wie auch mit ihren langen Stangen auf den Boden, und alle sangen und schrien, während die älteren Weiber auf der Erde sitzend eine Art von Tamtam dazu schlugen. Als alles zu Ende war, bewegten sich die Mädchen in ihrem Staat umher ohne die geringste Verlegenheit, aber von irgendwelcher Unschicklichkeit oder Roheit war nicht das mindeste zu bemerken. In letzter Zeit ist dieser Tanz von dem brasilianischen Forscher und Filmoperateur Silverio Santos photographisch aufgenommen worden. Seiner Liebenswürdigkeit verdanke ich die Bilder neben Seite 192/193.

Dieser Ocainatanz machte einen mehr bacchanalischen als barbarischen Eindruck und glich nicht im geringsten den unheimlichen Bräuchen, deren Zeuge ich 1600 Kilometer weiter südlich in den monderhellten Wäldern gewesen war. Der Stamm ist jetzt verhältnismäßig friedlich, wenn auch gänzlich unzivilisiert. Die meisten seiner Angehörigen sind als Kautschuksammler in den wilden Wäldern dieses Riesengebiets angestellt.

Die Ocainas glauben an einen guten Geist „Usinamwe“ und einen bösen Geist „Taipenu“ und verehren außerdem „Itoma“, die Sonne, und „Fuey“, den Mond. Stirbt ein Häuptling, so wird er unter dem Boden seiner Hütte begraben; andere werden mit all ihrer irdischen Habe in einiger Entfernung vom Dorf beigesetzt. Die Macanas oder Holzschwerter, Blasrohre und Tanzstöcke gelten als Symbole der Herrschaft und werden daher nicht mit dem jeweiligen Inhaber begraben, sondern vererben sich von Generation zu Generation. Das Hauptnahrungsmittel ist eine Art Kuchen, der aus der zerstoßenen Wurzel des Kassave bereitet wird. Nachdem das Gift abgeschieden wurde, macht man daraus einen Teig und bäckt ihn auf flachen, irdenen Platten. Der Geschmack ist bitter und teigig.

Vielleicht der interessanteste Brauch bei diesem Stamm besteht darin, die Körper nach reichlichem Schwitzen mit gewissen Blättern abzureiben, um alle Hautunreinigkeiten zu entfernen. Ob darin der Grund für ihre helle Hautfarbe liegt, ist schwer zu sagen. Von allen amazonischen Stämmen, mit denen ich in Berührung kam, haben die Ocainas bei weitem die schönste Gestalt und reinste Haut. Sie badeten täglich im Fluß, und da sie keine alten und gewöhnlich muffigen Kleider tragen, hatten sie nicht den ekelhaften Geruch an sich, der so häufig den halbzivilisierten Indianer kennzeichnet.

Vom Dorf der Ocainas aus begab ich mich nach Norden durch die Wälder und im Kanu auf dem Igara-Paraná jenseits der Stromschnellen in das Gebiet der Nonuyas, eines Zweiges der Andokesindianer. Sie sind Kannibalen und ihre Hütten liegen im Herzen des Dschungels, etwa 50 Kilometer vom Fluß und einem Punkt namens Ultimo Retiro entfernt. Obwohl der Stamm den Weißen nicht mehr offen feindlich entgegentritt, haben sich doch einige kannibalische Gebräuche erhalten. Werden bei den fast beständigen mörderischen Kriegen Gefangene von benachbarten Stämmen eingebracht, so mästet man sie sorgfältig, gibt ihnen Weiber und schlachtet sie dann bei großen Festlichkeiten. Verzehrt werden nur gewisse Körperteile, so das Gehirn, um Weisheit und Schlauheit zu erlangen, das Herz zur Übertragung von Mut und der rechte Arm, um der Stärke teilhaftig zu werden. Derartige Orgien finden nur nachts in den Tiefen der Wälder statt, nachdem das Zeichen zur Versammlung der Stämme durch die „Manguaré“ gegeben wurde.

In ihrer äußern Erscheinung sind die Nonuyas abschreckend häßlich. Ihre Hautfarbe ist ein oft merkwürdig fleckiges und scheckiges Gelbbraun. Die Männer tragen das übliche Lendentuch, aber die Weiber gehen völlig nackt. Als Schmuck tragen sie Halsketten aus Menschenzähnen und Vogelfedern, die sie ins Haar stecken. Ihre Bewaffnung besteht aus einer Art Holzschwertern, Blasrohren und Lanzen. Der Dialekt dieser Stämme scheint allen Anforderungen an eine richtige Sprache zu genügen und klingt keineswegs rauh oder guttural. Sie verehren Sonne und Mond.

Mehrere Stämme dieses Gebiets, einschließlich der Nonuyas, kauen Kokapflanzen und Tabak. Aus den Blättern der Koka gewinnen sie Kokain, das sie befähigt, Ermüdung, Schmerz und Hunger in bemerkenswertem Grad auszuhalten; aber sie altern dabei sehr rasch. Sie ähneln in dieser Hinsicht den Aymara-Indianer der bolivianischen Hochebenen, nur ist die Art und Weise des Kokakauens bei ihnen verschieden. Die Bergstämme kauen das frische Blatt zusammen mit ein wenig gewöhnlichem Kalk oder Pottasche, während die Waldstämme das Blatt der Kokapflanze rösten, es mit Holzasche zusammen zu Pulver reiben und dann erst das Gemisch kauen. Der Speichel löst dann das Kokain. Sowohl die Nonuyas wie andere Stämme am obern Igara-Paraná durchbohren die Nasenscheidewand und setzen ein Stück Rohr ein. Die Weiber entfernen alle überflüssigen Haare vom Körper, aber ihre Glieder sind so mißgestaltet und verkrüppelt, daß ihr Anblick nichts weniger als erfreulich wirkt.

Bei den wenig bekannten Carijonasindianern des Caquetágebiets von Kolumbien, das an das Putumayogebiet angrenzt, wird ein merkwürdiges Getränk aus einer Pflanze namens Yagé bereitet, die wild in großen Massen in den dichten und ungesunden Wäldern vorkommt. Yagépräparate haben sich in Fällen von Beri-Beri als heilkräftig erwiesen, eine Krankheit, die, wie man jetzt weiß, durch einen hohen Grad von Blutarmut verursacht wird. Außerdem aber haben sie auch die seltsame Wirkung auf den Einnehmenden, ihn in einen Zustand zu versetzen, in dem das volle Bewußtsein schwindet und das Unterbewußtsein somit frei wird, telepathische Mitteilungen entgegenzunehmen!

Das mag unglaublich klingen, aber für die Wahrheit liegt beträchtliches Beweismaterial vor. Die erste Entdeckung wurde 1912 durch Dr. R. Z. Bayon gemacht, der in dieses schwierige Gebiet eindrang und tatsächlich die Yagémixtur bereitete, wie sie bei den wilden Carijonasindianern und ihren Medizinmännern in Gebrauch ist. Er machte damit Versuche an sich selbst und an Eingeborenen, die an der Beri-Beri-Krankheit litten und die er alle heilte. Um die telepathischen Wirkungen auszuprobieren, erklärte sich Oberst C. Morales, der Kommandant einer Militärabteilung in der Nähe, zu einem Versuch bereit. Dr. Bayon hat öffentlich berichtet, daß der Patient sofort sich des Todes seines Vaters und der Krankheit seiner Schwester bewußt wurde, die in einem andern Teil Kolumbiens lebten, durch Hunderte von Meilen undurchdringlicher Wälder getrennt. Der Arzt fügt hinzu, daß Oberst Morales damals infolge Mangels an richtiger Nahrung sehr schwach, daß er aber sonst ein nerviger und intelligenter Mann war. Einen Monat später traf ein Kurier in der Außenstation ein, wo der Versuch stattgefunden hatte, mit Briefen, die die Nachricht vom Tod und der Krankheit enthielten, wie sie Oberst Morales gleichzeitig in seinem unterbewußten Zustand geschildert hatte. Dr. Bayon nennt das rohe Präparat, das damals angewandt wurde, „Telepatina“ und empfiehlt die geheimnisvolle Pflanze der Aufmerksamkeit der Forscher und Wissenschaftler in diesem Gebiet.

Einige der Carijonasindianer, deren ungefähre Anzahl auf 50000 angegeben wird, überschreiten den Caquetá zum Trans-Putumayo und geben zu, daß sie eine Art Getränk mit bläulicher Färbung aus einer Kletterpflanze herstellen, die sie als Yagé bezeichnen. Es scheint von ihr vier Arten zu geben, die alle ähnliche Wirkungen haben. Durch Verdunstung gewinnen die Medizinmänner stark konzentrierte Lösungen. Obwohl man diese Indianer mit dem Gattungsnamen „Carijonas“ bezeichnet, gehören sie doch zu vielen verschiedenen Stämmen, die alle eigene Dialekte sprechen. Aber mehrere, die man befragte, stimmten in ihren Aussagen über Gebrauch und mentale Wirkungen des geheimnisvollen Trankes überein.