Zuerst trübt sich das Seh- und Empfindungsvermögen. Darauf scheint Wahnsinn einzutreten, aber ob schon nach der ersten Dosis oder erst nach fortgesetztem Gebrauch, konnte noch nicht festgestellt werden. In diesem Geisteszustand bilden sich die Leute ein, wilde Tiere zu sein, ziehen sich oft tagelang ins dickste Dickicht zurück und zerreißen jeden, der sich ihnen nähert. Solche Wirkungen auf das Gehirn eines Wilden scheinen ganz gut vorstellbar. In späteren Stadien wird der Patient halb kataleptisch, ist aber fähig, Vorgänge zu schildern, von denen er bei vollem Bewußtsein weder etwas gesehen noch gehört haben kann. Europäische Städte, Musik und gleichzeitige Ereignisse sind so in allen Einzelheiten beschrieben worden, für die der spärliche Wortschatz der Eingeborenensprache nicht ausreichte, so daß rohe Zeichnungen als einzig mögliches Verständigungsmittel zu Hilfe genommen werden mußten. Unter den halbblütigen Kautschuksammlern, die in diesen entlegenen Gebieten leben, sind mehrere dem Gebrauch des merkwürdigen Mittels ergeben. Einesteils, weil es ihre Empfindlichkeit gegen Schmerz, Hunger und Ermüdung abstumpft und die Beri-Beri-Krankheit heilt, aber auch wegen seiner seltsamen Wirkungen, die es ihnen nach ihrer Aussage ermöglichen, „weit weg von den düstern und ungesunden Wäldern zu leben“.

In einem kleinen Eingeborenendorf am obern Caquetá führt ein Weißer das Leben eines Wilden. Er ist zum Sklaven dieser geheimnisvollen Eingeborenentränke geworden und jetzt Cacique oder Häuptling einer Unterfamilie der Andokes. In Europa erzogen, kam er vor 25 Jahren in diese Gegend und nimmt heute teil an den schauerlichen Orgien der Wilden. So unglaublich diese Geschichte von dem geheimnisvollen „Yagé“ auch jenen klingen mag, die mit den seltsamen Giften der großen Wälder des Amazonengebiets nicht vertraut sind, sollte man doch nicht vergessen, daß die Kokapflanze, deren Gebrauch bei den Aymara-Indianern seit ungezählten Jahrhunderten bekannt ist, erst jetzt der Wissenschaft und dem zivilisierten Laster den „weißen Schnee“ liefert, und daß die Zauberdoktoren und Cabocloheiler jener Wälder bei zahlreichen gewöhnlichen Leiden mit weit stärkeren Medizinen operieren, als der wissenschaftlichen Welt bekannt sind oder von ihr angewendet werden.

Die Carijonas tragen einen Pflock im Ohrläppchen. Von diesem Gebrauch erhielten sie ihren Namen (Großohren). Sie haben die Farbe heller Bronze, sehr flache Gesichter, zurückgehende Stirnen, dicke Lippen, grobes schwarzes Haar, das über den Rücken herabhängt, und tragen keinerlei Bekleidung. Die jungen Mädchen und Kinder sehen lange nicht so häßlich, ungesund und abschreckend aus wie die Männer und alten Weiber. Wahrscheinlich kommt das von den Wirkungen des beständigen Genusses von Koka, Yagé und Tabaksaft. Für ihre Pfeile gebrauchen sie verschiedene Gifte, hauptsächlich Kurare, außer beim Fischen und der Jagd auf kleine Eidechsen und Frösche, die sie in unglaublichen Mengen verzehren. Ihre Hütten sind die üblichen Gemeinschaftswohnungen aus Chontaholz und Palmstroh, haben aber keine Eingänge. Um hinein- oder herauszukommen, heben sie einen beweglichen Teil des Daches ab. Gelegentlich trifft man einen Carijona, dessen Ohren durch Ringe mit daranhängenden schweren Gewichten fast bis zu den Schultern herabgezerrt werden. So entstellte Leute sind fast immer Stammesunterhäuptlinge oder Zauberdoktoren. Sie verstehen es, prächtige Hängematten aus Fasern und Federn zu verfertigen, die sie entweder durch andere, friedfertigere Indianerstämme gegen Lebensmittel verhandeln lassen oder selbst an wandernde Caboclohändler am Oberlauf des Caquetáflusses verkaufen. Ihre Sprache ist rauh und guttural und scheint sich auf wenige, ähnlich klingende Wörter zu beschränken. Hört man allerdings einen Eingeborenendialekt zum erstenmal, so hat man fast stets diesen Eindruck, so daß wohl erst genauere Untersuchungen zu einem endgültigen Ergebnis führen dürften.

Obwohl es im Caquetá-Putumayo-Napo-Gebiet mehrere Hunderte von kleinen Unterstämmen mit verschiedenen Namen gibt, die aus wenigen Familien bestehen, stammen sie doch alle von sechs großen Stämmen ab. Diese sind: die Uitotos am Igara-Paraná und Putumayo; die Ocainas am Igara-Paraná, die bei weitem intelligentesten unter ihnen; die menschenfressenden Carijonas am Caquetá; die Andokes des obern Igara-Paraná und die Boras am untern Caquetá. 1903 führten die wilden Andokes, von denen die Nonuyas ein Zweig sind, einen derart mörderischen Krieg gegen die wenigen kolumbianischen Kautschuksammler, daß diese sich um Hilfe nach Iquitos wenden mußten.

In diesem Gebiet fand der französische Forscher Emile Robuchon den Tod unter Umständen, die niemals aufgeklärt wurden. Er war von der Regierung beauftragt worden, die allgemeinen Verhältnisse am Putumayo zu untersuchen und hatte sich längere Zeit am Igara-Paraná aufgehalten. Er hatte ein Uitotomädchen geheiratet und schien nach hinterlassenen Photographien mit einer Anzahl von Stämmen auf bestem Fuß zu stehen. Das Buch, an dem er schrieb, wurde nie beendigt und später von einem peruanischen Konsul in Manáos herausgegeben. Er soll von menschenfressenden Indianern ermordet worden sein. Wie dem auch sein mag, jedenfalls erzählt man sich abenteuerliche Geschichten an den Lagerfeuern dieses Grenzgebiets. Alles, was von Robuchon in der Putumayoregion zurückblieb, ist eine Hunderasse, die seiner eigenen treuen dänischen Dogge gleicht.

17. Die Konibosindianer am Ucayali.

Man soll die menschenfressenden Indianer in den Wäldern des obern Amazonenstroms nicht schlechthin als Kannibalen bezeichnen können, da ihre Mahlzeiten von Menschenfleisch dem Wunsch zuzuschreiben sind, der Vorzüge ihrer Opfer teilhaftig zu werden, indem sie sie verzehren, und nicht einer besonderen Vorliebe für diese Art der Nahrung. Die Frage wird aber verwickelt, wenn etwa ein menschenfressender Südseeinsulaner seine Leidenschaft für Menschenfleisch nicht viel anders erklärt als ein Bewohner von Clapham oder Hoboken seine Leidenschaft für Roastbeef, nämlich damit, daß es ihm Kraft verleiht. Und dazu kommt nun noch ein Kaschibo-Indianer mit der Behauptung, wenn er einen Feind verzehre, gehe die Körperkraft des Toten in ihn über.

Ich bin mir wohlbewußt, daß da noch andere Unterschiede vorliegen, aber sie sind so geringfügig, daß man besser daran täte, für alle praktischen Zwecke jeden als Kannibalen zu bezeichnen, der Menschenfleisch ißt, ohne die Beweggründe zu beachten, die ihn leiten. Der Grund einer Verworfenheit und deren Grad sollten für eine allgemeine Klassifikation nicht ausschlaggebend sein, da sonst vieles, was über das Fehlen des Kannibalismus im Amazonengebiet geschrieben wurde, gänzlich irreführend sein würde. Viele Tausende von Geviertmeilen der Wälder sind noch von Indianern bewohnt, die zu diesem Hang neigen, und an erster Stelle unter ihnen stehen die Kaschibos- und Nonuyasstämme.

Nach einem längeren Aufenthalt in Iquitos bot sich endlich eine Gelegenheit, in das Gebiet dieser Wilden vorzudringen, das westlich von den Flußläufen des Ucayali und Pachitea mitten in den Dschungeln liegt. Um diese Flüsse zu erreichen, bedarf es einer Reise von einigen Tagen in der Barkasse von Iquitos aus, da sie die Wasserstraßen zwischen dem Amazonenstrom, den Anden und dem Pazifischen Ozean bilden. Die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen erst bei der Einfahrt in die beiden Flüsse, wo sich die schweigenden, verfilzten Urwälder über Hunderte von Meilen nach jeder Richtung bis zum unerforschten, nebelerfüllten Horizont hin ausbreiten.

So undurchdringlich sind die Wälder, daß ein Vorstoß von beispielsweise 300 Kilometer jede Zeit bis zu einem Jahr beanspruchen mag, wobei eine Anzahl Weghauer und Träger Voraussetzung sind. Der Ruf der Stämme, die diese Gebiete bewohnen, ist so schlimm, daß es schwierig, wo nicht unmöglich wäre, in den halbzivilisierten Indianerniederlassungen längs der Ufer der Hauptflüsse irgendeine Hilfeleistung zu erlangen. Die dichten Urwälder allein zu betreten, würde sichern Tod bedeuten. Ein deutscher Naturforscher, der es versuchte, ist niemals zurückgekehrt. Die Gebeine eines Kautschuksammlers von Mashishea wurden erst kürzlich neben einer Feuerstelle in den Waldebenen von Sacramento gefunden. Mr. Whaley aus San Juan wurde von den Indianern ermordet, weil er trotz wiederholter Warnungen in ihr Gebiet eindrang, und der Deutsche Kroehle, der unter den Kaschibos lebte und sie photographierte, starb schließlich an den Wunden, die er durch ihre Pfeile erhalten hatte. Die Geschichte der Versuche, dieses Gebiet zu erschließen, berichtet noch viele ähnliche Tragödien. Weiter im Süden, wo die Flüsse Perené und Ené sich zum Tambo vereinigen, widersetzen sich die Ungoninos, ein Zweig des großen Kampasvolkes, dem Durchqueren ihres Gebietes durch Weiße. Obwohl sie keine Menschenfresser sind, müssen doch die Maultierzüge und Kanus, die auf dem Weg von den Anden nach Iquitos die Wälder berühren, um ihr Gebiet einen Umweg machen. Jeder Versuch, es zu durchqueren, würde unweigerlich ins Verderben führen. Diese kurzen Angaben mögen die Schwierigkeiten veranschaulichen, einen Weg in die abgelegeneren Wälder abseits von den Hauptflüssen zu finden.