Es würde wohl sehr schwierig gewesen sein, die Lage der Hütten der weiter flußaufwärts wohnenden Konibos zu bestimmen und hinzukommen, wäre es mir nicht gelungen, einen Führer des gleichen Stammes, der in dem halbzivilisierten Dorf am Ucayali lebte, zu überreden, mit uns zu kommen. Den „zahmen“ Indianer dazuzubringen, einen Weißen zu seinen wilden Stammesbrüdern zu geleiten, ist außerordentlich schwierig und hat nur Erfolg, wenn man sich an einen Vermittler wendet, der das Vertrauen beider besitzt. In meinem Fall war das der alte Pater in Sarayacu, der sich der Leiber der wilden und der Seelen der halbzivilisierten Indianer annimmt.

Nach zwei Tagen auf diesem verseuchten kleinen Fluß, dessen dichtbewaldete Ufer dem Sonnenlicht kaum Zutritt gewährten, schlugen wir am frühen Nachmittag schon das Lager auf und ließen den Führer mit dem Kanu vorausfahren, um den Indianern unsere Ankunft anzuzeigen und ihnen zu erklären, daß wir Freunde wären und Geschenke mitbrächten. Diese Nacht wurde eine der schlimmsten, die ich je im Amazonengebiet zugebracht hatte. Zu den Moskitos gesellte sich die Qual von Hitzbläschen auf dem ganzen Körper, so daß ich keine fünf Minuten stillzuliegen vermochte. Aber glücklicherweise sind in diesem Sonnenland die Stunden der Finsternis nur kurz. Nach dem Frühstück kehrte der Führer zurück und eröffnete uns, daß wir zu dem Dorf fahren dürften, das nur etwa 3 Kilometer weiter den seichten Fluß hinauf zu liegen schien.

Das Dorf der Konibos bestand aus vier Rohrhütten ohne Seitenwände, die auf rohen Plattformen erbaut waren. Jede Hütte gab ungefähr 15 Leuten Obdach. Ungleich andern Wilden an den entlegenen Flüssen dieses Riesengebiets drängten sich die Konibos nicht zusammen, als wir landeten, sondern standen unbeholfen umher und betrachteten uns mit unverhülltem Mißtrauen. Doch tauten sie ein wenig auf, als ich eine Handvoll Taschenmesser aus meinem Rucksack hervorholte, und damit hatte ich Gelegenheit, sie mir etwas genauer anzusehen.

Die zahllosen Kinder waren gänzlich unbekleidet, Männer und Weiber aber trugen ein grobes, braunes „Kusma“, d. h. ein aus einem Stück bestehendes Gewand mit einem Loch für Kopf und Hals. Sie hatten die Farbe dunkler Bronze und ihre Gesichter waren mit roten und schwarzen Streifen bemalt, was einen höchst abscheulichen Anblick bot. Die jüngern Kinder aber, die nicht auf solche Weise bemalt waren, sahen ganz anständig aus. Das Haar der Männer und Weiber war lang und wurde durch ein Rohrband um den Kopf festgehalten. Einer der Männer, anscheinend ein Häuptling, trug einen Metallring durch die Nase und eine Vogelfeder im Haar.

In auffallendem Gegensatz zu der glatten Haut der Ocainas war die dieses Stammes mit Pickeln, Bläschen und Geschwüren wie übersät. Ob das von den Stichen der Moskitos und „Piums“ herrührte, kann ich nicht sagen. Auch die Körper der Kinder waren in diesem Zustand und wie mit einer trockenen Flechte bedeckt. Außer dem Einsammeln von Sarsaparille, das in den umliegenden Wäldern wild wächst, scheinen sie mit Arbeit sich nicht viel abzugeben. Die kleinen Pflanzungen dicht beim Dorf waren in trauriger Verfassung und ließen sich vom Busch zuerst kaum unterscheiden.

Die Konibos sprechen die „Pana“sprache fast aller Stämme der peruanischen Montaña. Der Ruf ihres verräterischen und blutdürstigen Charakters geht auf das Jahr 1695 zurück, als sie einen Franziskanermissionar, namens Rieter, ermordeten. Seitdem wurden immer wieder von Zeit zu Zeit Versuche gemacht, sie zu zivilisieren, aber fast in jedem Fall endigten sie mit Mord. Die am Ucayali Wohnenden nennen sich Christen, doch deckt nur ein dünner Firnis die Instinkte des Wilden.

Bei diesem Stamm ist es Sitte, die Alten und Schwachen umzubringen. Den Sohn dünkt es eine Wohltat, seinen Vater oder seine Mutter zu ertränken, zu erwürgen oder zu vergiften, wenn sie nicht mehr imstande sind zu fischen, zu jagen oder die Nahrung zu bereiten. Ein altes Weib fiel mir auf, das darauf bedacht schien, besondere Geschäftigkeit an den Tag zu legen, so daß ich mich des Lachens nicht hätte enthalten können, wäre sie nicht mit solchem Ernst bei der Sache gewesen. Als ich mit dem Pater in Sarayacu darüber sprach, erzählte er mir von dem grausamen Brauch, und nun wurde mir der Grund der komischen Geschäftigkeit klar. Kinder mit einem Abszeß am Fuß wurden in den Fluß geworfen, weil sie für den Augenblick nicht gehen konnten. Als wir das Dorf der Konibos verließen, versteifte sich das alte, ausgedörrte, nur aus Haut und Knochen bestehende Weib darauf, fast bis zum Bauch ins Wasser zu waten, um unserm Kanu einen letzten Stoß zu versetzen. Ich freute mich, als ich später von dem schrecklichen Brauch hörte, daß sie die meistbegehrte Gabe erhalten hatte: eine Schachtel mit Steck- und Nähnadeln, Nägeln und Angelhaken. Vielleicht wird sie sich damit noch die paar Jahre ihres Daseins erkaufen können, an dem sie so sehr zu hängen schien.

Nach der Rückkehr nach Sarayacu kaufte ich das Kanu und erreichte bei dem Mestizen-Kapitän der Barkasse, die am folgenden Tag den Ucayali hinauffuhr, daß er mich ins Schlepptau zu nehmen versprach. Meine Absicht war, das Dampfboot vor Bocca Pachitea, einige Meilen oberhalb der kleinen Niederlassung von Mashishea, zu verlassen. Es sollte flußaufwärts fahren, solange die Tiefe des Wassers es erlaubte, um vier weitere in allen Farbennuancen spielende Passagiere am nächsten Punkt zu dem Andenübergang nach dem Pazifischen Ozean abzusetzen. Am Westufer des Ucayali zieht sich eine besonders wilde Gürtelzone entlang, die von den Kaschibos oder Vampirindianern bewohnt wird. Um in dieses Gebiet einzudringen, bedurfte ich eines Kanus, und da es nicht viele Niederlassungen am Ucayali gibt, mußte ich eins mitnehmen.

Nur wenig Bemerkenswertes ereignete sich während der Reise den Ucayali hinauf, der die gewöhnliche Route zwischen dem Amazonenstrom und dem Pazifischen Ozean bildet. Die einzigen Ansiedlungen längs dieses 800 Kilometer langen Flusses und seines halb erforschten Gebiets sind: Contamana, ein hübscher, kleiner Ort am Ufer, und Mashishea, wo sich eine drahtlose Station befindet. Einige Meilen unterhalb mündet der Rio Aquaitia in den Ucayali. Von hier aus sind sowohl nach Westen wie nach Osten die Wälder völlig unerforscht, wo mehrere wilde Stämme, darunter die menschenfressenden Kaschibos, ihre Wohnsitze haben. Das Wort „Kaschibo“ bedeutet in der Panasprache „Vampir“, und die Indianer verdanken diesen Namen ihren blutdürstigen Neigungen.

An einem Punkt auf dem Westufer, auf 8° südlicher Breite, vertauschte ich die Barkasse mit dem Kanu, das bis dahin recht bequem im Schlepptau mitgeführt worden war. Nachdem ich aber die Vorräte und meine beiden Cocamaboys hinübergebracht hatte, ging es leider so tief, daß ich zu meinem Bedauern gezwungen war, dem Mestizen-Kapitän eine beträchtliche Menge jener „Extras“ anzuvertrauen, die abseits der Zivilisation soviel bedeuten. Aber es ging nun einmal nicht anders, und so winkten wir dem kleinen Dampfer ein Lebewohl zu und paddelten einer Öffnung im niedern Dschungel der übelberüchtigten Pampas Sacramento entgegen, wo der kleine Aquaitiafluß in den Ucayali mündet.