Dieser Fluß hat weiter keine Bedeutung. Er ist der letzte kleine westliche Nebenfluß, ehe die Bocca Pachitea erreicht wird, und liegt nach Angabe der ausgezeichneten Karten des peruanischen Innenministeriums auf 8° südlicher Breite. Etwa 30 Kilometer lang windet sich der Aquaitia gegen Südsüdwesten durch eine sehr flache, tiefliegende, mit Palmdschungeln bedeckte Gegend. Während des ersten Tags und der folgenden Nacht waren die Moskitos so blutdürstig, daß selbst die Kleider keinen Schutz vor ihnen gewährten. Hätte ich nicht ein Kopfnetz und Stulphandschuhe bei mir gehabt, so wäre ich schimpflich wieder nach dem offenen Ucayali umgekehrt. Auf keiner meiner Reisen in verschiedenen Weltteilen hatte ich solche Qualen zu überstehen wie diesmal durch diese kleinen, teuflischen Geschöpfe. Hand- und Fußgelenke, Arme, Hals und Gesicht waren so zerstochen und verschwollen, daß ich kaum die Kleider anzubehalten vermochte und Schwierigkeiten hatte, nicht durch beständiges Kratzen mich der Gefahr einer Blutvergiftung auszusetzen. Während dieser fürchterlichen 24 Stunden schliefen wir im Kanu, über dessen ganzen Innenraum wir das Moskitonetz gezogen hatten. Auch meine beiden Cocamas litten unter der Moskitoseuche, wenn auch weit weniger als ich selbst. Jedenfalls schienen sie froh, bei Anbruch der Nacht unter das schmutzige, weiße Netz kriechen zu dürfen.
Das Schlafen mit Moskitonetz und Stulphandschuhen machte die Hitze noch unerträglicher. Gegen den Abend des zweiten Tags wurde die Luft aber etwas freier, und das wahnsinnig machende Gesumme ließ beträchtlich nach. Der seichte Fluß wurde nun noch seichter und verbreiterte sich zu einem Miniatursee, der nicht ohne Schwierigkeit zu befahren war. In dieser Nacht schlugen wir das Lager auf, aber ein richtiges Ausruhen war ausgeschlossen wegen der Gefahren, die von den wilden Stämmen drohten, deren Gebiet wir jetzt betreten hatten.
18. Unter den Vampirindianern der Pampas Sacramento.
Als wir am nächsten Morgen am Ufer des seichten Sees entlang fuhren, erhielten wir die erste Andeutung, daß es hier Indianer gab. Ein Pfeil zischte in einiger Entfernung vor dem Kanu ins Wasser. Es war ein bedenklicher Augenblick, und selbst in den Augen meiner beiden Boys zeigte sich die Nervenanspannung. Ob es sich um eine Warnung handelte oder um einen Pfeil, der auf der Fischjagd abgeschossen worden war und die Anwesenheit von Indianern verriet, spielte dabei keine Rolle. Ehe eine Art Freundschaft hergestellt oder wenigstens eine Form passiver Duldung von den Indianern erreicht war, die sich offenbar in den umliegenden Wäldern befanden, schien ein Vormarsch ebenso unmöglich als der Rückzug. Ähnliches hatte ich schon oft erlebt, aber bei dieser Gelegenheit fühlte ich mich zum erstenmal wirklich ungemütlich. Der Hauptfaktor der Sicherheit, eine gute Rückzugslinie, fehlte, und alles hing nun vom guten Willen eines unbekannten Stammes in einer übelberüchtigten Gegend ab.
Irgend etwas mußte geschehen, aber was sollte ich tun? Auf den niedern dschungelbedeckten Ufern war kein Zeichen zu erblicken weder von den Indianern noch ihren Behausungen. Wir ruderten auf eine sandige Landzunge zu, die in den seichten See vorsprang. Das Kanu saß bald fest, und so wateten wir, bis zu den Knöcheln im Wasser, auf die Sandbank. Nachdem wir uns versichert hatten, daß sie bei dem natürlichen Steigen des Flusses während der Nacht nicht überschwemmt würde, beschloß ich, hier das Lager aufzuschlagen, weil niemand weder vom See noch vom Ufer her sich nähern konnte, ohne das Stück offenen Strandes zu überschreiten.
Die Nacht über wachte ich, bis mich die Dämmerung erlöste und ich mich für eine oder zwei Stunden niederlegen wollte. Ich war jedoch kaum eingeschlafen, als schon einer der Boys ins Zelt trat und mir durch Zeichen bedeutete, ihm zu folgen. Weniger als 50 Meter vom Lager entfernt steckten vier Stöcke mit vier kürzeren Stöcken quer darüber gebunden im Boden, und daneben lag ein Pfeil auf der Erde, der nach der Richtung wies, von wo wir gekommen waren. Der Cocama schüttelte den Kopf und murmelte etwas.
Da ich von ähnlichen Zeichen bei den Nambiquaras des Matto Grosso gehört hatte, zermarterte ich mein Gehirn nach einer Erklärung. Wahrscheinlich bedeuteten die vier langen Stöcke ebenso viele Indianer, und der Pfeil, der flußabwärts wies, gab eine Richtung an. Sollte er eine Warnung sein, daß wir dahin zurückzukehren hatten, von wo wir gekommen waren? Wenn so, was sollten dann die vier Querstöcke ausdrücken? Keine Erklärung, außer einem unheilverkündenden Kopfschütteln, kam vom Cocama. Anderseits mochten die Stöcke anzeigen, daß die gleiche Anzahl von Indianern in der Richtung des Pfeiles lagerte.
Nachdem ich mir einige Zeit fruchtlos den Kopf zerbrochen hatte, entschloß ich mich, Geschenke bei den Stöcken niederzulegen, alles wieder ins Kanu zurückzuschaffen, das Zelt aber stehenzulassen und den Saum des Dschungels dort zu untersuchen, wohin der Pfeil deutete. Während der drückenden Hitze des ganzen tropischen Tages ruderten und suchten wir ohne Ergebnis umher, aber bei der Rückkehr zu der Sandbank am Abend sahen wir, daß die Geschenke verschwunden waren. Das Zelt und die geheimnisvollen Stöcke waren jedoch nicht berührt worden. Ehe die Nacht anbrach, legte ich meinen Rasierspiegel als weitere Gabe hin und band eine rohe Skizze daran, die einen Indianer und einen Weißen darstellte, die sich gegenüberstanden, die Waffen auf den Boden gelegt hatten und die Arme über die Köpfe hielten.
Wieder saß ich die ganze Nacht neben dem Kanu, da ich zur Wachsamkeit der beiden Cocamas kein Zutrauen hatte. Als das Licht des kommenden Tags endlich ausreichte, die Umgebung zu unterscheiden, ging ich zu den Stöcken. Der Rasierspiegel und die Zeichnung waren fort, und auf dem Sande zeigten sich die Spuren mehrerer nackter Füße. Sie kamen vom seichten Wasser des Sees und führten wieder zurück, ein Beweis, daß die Indianer ein Kanu benutzt hatten.
Diesmal erneuerte ich die Geschenke nicht, sondern ließ nur eine neue Zeichnung zurück, auf der ein Weißer abgebildet war, der einem neben dem Zelt stehenden Indianer eine Schnur Perlen überreicht. In der folgenden Nacht verschwand auch dieses Blatt, und ich hörte, wie das Kanu der Indianer von der Sandbank abgestoßen wurde, indem ich das Ohr dicht an die Oberfläche des stillen Seespiegels hielt.