Nun war ich beruhigt, und am Morgen des vierten Tages näherte sich richtig ein Kanu, in dem vier Indianer saßen, die langsam ruderten. Ich rief sie an und bekam eine Antwort. Dann hörten sie auf zu rudern, und das Kanu hielt etwa 180 Meter vom Ufer an. Sich auf diese Entfernung pantomimisch zu verständigen, war unmöglich. Daher winkte ich den Indianern zu, näher zu kommen, legte meine Flinte auf den Boden und ging im seichten Wasser auf sie zu, während ich eine Schnur Perlen ihnen entgegenhielt.
Skizze der Peruanischen Montaña.
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GRÖSSERES BILD
Einige Minuten saßen sie unbeweglich und paddelten dann vorsichtig vorwärts bis auf etwa zehn Meter an die Stelle, wo ich bis zu den Knöcheln im Wasser stand. Ich bedeutete ihnen durch Zeichen, daß ich ein Freund wäre und mit ihnen zu sprechen wünschte. So oft ich vorzugehen versuchte, ruderten sie hastig zurück, und dieses lächerliche Hin und Her ging länger als eine halbe Stunde so fort, bis ich endlich zum Zelt zurückwatete, wo ich mich niedersetzte und wartete.
Allmählich faßten sie Mut, ruderten zuerst das Ufer entlang zum Zelt, stiegen dann ins Wasser und wateten auf mich zu. Ich stand auf und hob die Hände über den Kopf, um zu zeigen, daß ich unbewaffnet wäre. Drei von ihnen ahmten das nach, während sie sehr mißtrauisch den Strand heraufkamen. Langsam ließ ich die ausgestreckten Hände sinken und begann, ihnen durch Zeichen anzudeuten, daß ich Geschenke für sie hätte. Einige Stücke wohlriechender Seife wurden auf den Sand gelegt, nach denen einer der Indianer gierig griff, während die andern meine Bewegungen beobachteten. Daran schloß sich ein lebhaftes Gespräch, das durch Zeichnungen im Sand geführt wurde. Nun kam heraus, daß die Stöcke mit den Querhölzern Hütten bedeuteten und daß der Pfeil nicht nach ihnen hin, sondern von ihnen her wies.
Ihrem Äußern nach waren die Indianer von Mittelgröße und einer sehr blassen Hautfarbe von gelber Bronze. Im Sonnenschein sehen sie wie Chinesen aus. Alle vier waren in lange dunkelbraune Kusmas aus grobem Eingeborenenstoff gekleidet. Ihre Köpfe waren zum Teil geschoren, und um den Hals trugen sie einen merkwürdigen Schmuck aus Flügeldecken von Käfern, der vorn mit dem Kopf einer Fledermaus abschloß. Ihr Haar war kohlschwarz und dicht um den Kopf durch ein Rohrband zusammengehalten, das mit Vogelfedern verziert war. Nur einer hatte einen langen, dünnen Speer aus dem Kanu mitgebracht.
Nach langen Bemühungen, durch Zeichen und ein paar Panaworte, die ich in Sarayacu gelernt hatte, meine Absichten kundzutun, war endlich eine etwas freundschaftlichere Atmosphäre hergestellt. Ich benützte sie um anzudeuten, daß zwar ich meine Waffe abgelegt hätte, einer der Indianer aber noch immer einen Speer trüge. Es bedurfte mehrerer Zeichnungen im Sand, um diesen Umstand klarzumachen, aber sobald ihn die beschränkte Intelligenz der Wilden begriffen hatte, wurde der Speer auf den Boden gelegt. Doch war der Besitzer nicht zu bewegen, sich von der Stelle zu entfernen. Nachdem ich meinen Zweck erreicht hatte, einen Zustand gegenseitigen Vertrauens zu schaffen, hätte es keinen Sinn gehabt, die Sache noch weiterzutreiben. Die nächste Aufgabe war, die kleine Indianerschar, die sich offenbar auf einem Jagd- oder Fischzug befand, dazu zu veranlassen, uns nach ihrem Dorf zu führen und gleichzeitig alles Menschenmögliche zu tun, um unsere eigene Sicherheit zu gewährleisten.
Es ist nicht ratsam, gänzlich wilden Indianern zu viel Geschenke zu geben, ehe man seinen Zweck in ihrer Mitte erreicht hat. Sie gleich am Anfang mit Gaben zu überhäufen, heißt sich später einer gefährlichen Unzufriedenheit aussetzen, wenn die Quelle erst spärlicher zu fließen beginnt, was bald eintritt, falls nicht unbegrenzte Transportmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Die frühe Erforschungsgeschichte unter den Eskimos beweist zur Genüge, daß man nur mit Vorbedacht diese Form der Bestechung anwenden sollte.
Nachdem ich den Indianern meinen Wunsch, ihr Dorf zu besuchen, kundgetan und zugleich meine Bereitwilligkeit ausgedrückt hatte, ihnen für ihre spätere Unterstützung bei der Rückkehr an den Ucayali Geschenke zu machen, drehte ich ihnen absichtlich den Rücken und ging in mein Zelt. Anscheinend, um etwas zu holen, aber in Wirklichkeit, um zu prüfen, wie weit ihre Freundschaft ging, wenn wir uns nicht mehr unmittelbar gegenüberstanden. Nach einigen Minuten kam ich wieder mit ein paar Biskuits, von denen ich eins selbst verzehrte und die andern den Indianern anbot. Da sie augenscheinlich hungrig waren, schlangen sie sie hinab, ohne erst wie üblich nach dem ersten Bissen zu warten, ob sich nicht schlimme Wirkungen einstellten.