Es gab noch ein langes Gespräch zwischen ihnen, aber schließlich deuteten sie mir an, unser Kanu zu besteigen. Das Abbrechen des Lagers dauerte eine halbe Stunde, während der ich mich mit sehr wenig Erfolg bemühte, unsere freundschaftlichen Beziehungen noch zu vertiefen. Gerade vor dem Aufbruch zog ich meinen Tabaksbeutel aus der Tasche, und als ich ihre gierigen Blicke bemerkte, verteilte ich genug von dem wertvollen Kraut, um mehrere Pfeifen zu stopfen, was größeren Eindruck zu machen schien als alle vorhergehenden Annäherungsversuche.

Wir paddelten über den seichten See und wandten uns dann nördlich gegen einige niedere, bewaldete Hügel. Schon erschienen die Hütten auf einem offenen Fleck von grauem, aschenartigem Sand zwischen dem niedern Dschungel. Sofort nach der Landung kam mir die Gefahr der Lage zum Bewußtsein. Die vier Jäger, die zu uns ins Lager gekommen waren, trugen Kleider und hatten offenbar schon früher mit der Zivilisation in Berührung gestanden; die Dorfinsassen aber waren völlig nackt und nahmen eine beinahe feindliche Haltung ein. Als wir landeten, war keiner der Indianer bewaffnet, aber schon nach einer Viertelstunde starrte alles von Speeren, Bogen und mörderisch aussehenden Kriegskeulen.

Die Geschichte der Kaschibos erzählt von beständigen, erbarmungslosen Kämpfen gegen den Weißen und die benachbarten Stämme der Schipibosindianer. Von 1651 bis 1714 sollen nicht weniger als siebenundzwanzig Priester von ihnen ermordet und aufgefressen worden sein, die von den Spaniern geschickt wurden, um sie zum Christentum zu bekehren. Etwa 40 Jahre später überfielen sie die Missionsstationen von Cerro de la Sal und zerstörten sie alle. Bis in neuere Zeit waren sie sehr selten von Forschern aufgesucht worden, und Leutnant Smyth, R. N. (1832), Leutnant Herndon (1852), Gabriel Sala (1899) und Juan Sotomayor (1900) sind die einzigen, soweit es zur allgemeinen Kenntnis gelangte, denen wir Berichte über diesen wilden Stamm verdanken.

Diese Geschichten fielen mir ein, während ich mich entschloß, sofort zu handeln. Ich wandte mich zu den Führern, verlangte vor den Huary, den Häuptling, gebracht zu werden und wurde nach einer der großen, aber kläglich gebauten Palmstrohhütten gewiesen, die als Gemeinschaftshäuser dienen und hier „Tambos“ heißen. Ein alter Kaschibo mit Bart, Kusma und geschorenem Kopf war gerade damit beschäftigt, ein offenes Geschwür an seinem Vorderarm sorgfältig auszusaugen. Als ich eintrat, hörte er mit dieser Arbeit auf, die ihn ganz in Anspruch zu nehmen schien, erhob sich und stolperte auf die Stelle zu, wo ich ihn erwartete.

Nachdem ich die üblichen Geschenke überreicht hatte, erklärte ich kurz den Zweck meines Besuchs, zu dem er anscheinend seinen Segen erteilte. Wenigstens erhielt ich ein seltsames Rohramulett mit merkwürdigen eingeritzten Zeichnungen. Offenbar war ich nun frei, zu lagern und das Dorf in Augenschein zu nehmen, aber die Speere und Keulen verschwanden nicht aus den gelben Händen ihrer Besitzer.

Die Weiber scheinen, bis sie heiraten oder alt werden, ganz nackt zu gehen, die Männer aber tragen ein einfaches Lendentuch oder ein langes, braunes, ärmelloses Gewand. Als Beförderungsmittel ziehen die Kaschibos augenscheinlich das Floß dem Kanu vor, denn obwohl mehrere Fahrzeuge sich am Ufer, nahe dem Dorf, befanden, schien die Anzahl der Flöße der der Bewohner zu entsprechen.

So häßlich und schmutzig wie die Männer sind die Weiber und Kinder nicht. Ob das an dem Fehlen des ungewaschenen und stets übelriechenden Kusma liegt, ist schwer zu sagen. Aber ich hatte den Eindruck, daß einige dieser blaßfarbigen Weiber und Mädchen zu einem andern Stamm gehörten, der viel kleiner von Statur war als die Kaschibos. Wie dem auch sein mag, jedenfalls waren sie viel mitteilsamer und freundlicher als die Männer, eine Haltung, die ich aus naheliegenden Gründen nicht ermutigen durfte.

Am zweiten Tage unseres Aufenthalts fragte ich einen unsrer Führer, wohin er nach seinem Tod zu kommen erwartete. Die Antwort brachte mich ein wenig außer Fassung. Er deutete auf einen Vogel, der eben die Überreste meiner Mahlzeit aufpickte. Jeder Versuch, weitere Aufklärung zu erhalten, schien nutzlos, bis ich auf den Gedanken kam nachzuforschen, ob sie einen allgemeinen Begräbnisplatz hätten. Nachdem ich stundenlang erst einen, dann einen zweiten Indianer ausgefragt hatte, erfuhr ich, daß die toten Kaschibos nicht beerdigt würden. Die Alten bringt man um oder ißt sie auf, da es für besser gehalten wird, von einem Freund als von wilden Tieren oder Raubvögeln verzehrt zu werden. Ich ließ aber nicht locker und versuchte, zwischen der Seele und dem Körper einen Unterschied zu machen, wobei freilich nichts Endgültiges herauskam. Doch scheinen diese Eingeborenen zu glauben, daß sie durch den Genuß des Herzens, des Gehirns, der Augen, Ohren und Hände die Vorzüge, Kenntnisse und den Geist des Toten in sich aufnehmen. Soweit ich das herausbringen konnte, werden Gefangene von andern Stämmen nicht getötet, da sie ihre Nachbarn für in jeder Beziehung minderwertig und daher zur Aufnahme in sich selbst für unwürdig halten.

Das Wort „Christo“ kennen sie als den Namen des Gottes der Weißen, aber weder mit den Missionen noch den Handelsstationen scheinen sie viel in unmittelbare Berührung gekommen zu sein. Die Hügel- und Dschungelgegend, die sie bewohnen, bringt so gut wie keinen Kautschuk hervor, und folglich fühlt der Händler wenig Neigung, ein so übelberüchtigtes Gebiet zu betreten. Dies erklärt auch wahrscheinlich ihre Rückständigkeit verglichen mit den Verhältnissen bei andern das Pana sprechenden Stämmen, die an den Ufern der schiffbaren Flüsse wohnen.