Häuptling der Kampasindianer.

Zwergindianer der Pampas Sacramento.

Chunchosindianer am Perené.


GRÖSSERES BILD

Einen ihrer widerwärtigsten Gebräuche bekam ich am dritten Tage zu Gesicht. Mehrere Indianer waren auf einem der zahlreichen Flöße beim Fischen mit Speeren draußen gewesen. Als sie mit einigen gespießten Riesenfischen, anscheinend „Paiche“, zurückkamen, leckten zwei Kinder das Blut auf, das aus den Speerwunden träufelte. Da mehrere Männer und Weiber um das Floß herumstanden, ohne dem Tun ihrer Sprößlinge irgendwelche Beachtung zu schenken, haben wir es hier offenbar mit einem Brauch zu tun. Möglich, daß sich ihr ganzer Kannibalismus darauf beschränkt und daß darin der Grund liegt, warum sie Vampire genannt werden. Tatsächlich neige ich zu der Ansicht, trotz all ihrer Redereien über das Auffressen von Verwandten und Freunden, daß es sich dabei lediglich um einen religiösen Brauch handelt, der das Trinken einer gewissen Menge Blutes, aber nicht das Verzehren menschlichen Fleisches erfordert.

Die Begründung meiner Ansicht liegt hauptsächlich in der Tatsache, daß fast alle Indianerstämme im Amazonengebiet ihren Stammesnamen von dem Brauch erhalten, der sich am stärksten von den Sitten ihrer Nachbarn unterscheidet. Dies sieht man, wie bereits erwähnt, deutlich bei den Uaupés an den Nebenflüssen des obern Rio Negro. Und daß hier nicht etwa nur eine Ausnahme in Frage kommt, beweist fast jede Stammesbezeichnung in dem großen Waldgebiet. Ist diese Annahme richtig, so verdanken die Vampirindianer oder Kaschibos ihren Namen und schlimmen Ruf wahrscheinlich dem Brauch, menschliches und tierisches Blut zu trinken.

Ich blieb sechs Tage bei diesem interessanten Stamm; nachdem einmal das natürliche Mißtrauen des Wilden zerstreut war, schien er nicht wilder und unbändiger zu sein als viele andere Stämme, mit denen ich in Brasilien zusammengetroffen war. Die Kaschibos sind stolz und zurückhaltend und besitzen augenscheinlich keine scharf umschriebenen religiösen oder moralischen Vorstellungen. Offensichtlich scheinen sie gegen den Weißen eine Abneigung zu haben, wenn aber, was man sich erzählt, nur zu einem kleinen Bruchteil auf Wahrheit beruht, haben sie auch keinen Grund, ihn und sein Tun zu lieben oder ihm Vertrauen zu schenken. Von den vielbefahrenen Flüssen halten sie sich soweit als möglich zurück. Wie mir unsere Führer erzählten, schicken sie nur zwei oder drei aus dem Dorf nach den abgelegenen Handelsstationen, um ihre Sarsaparille zu verkaufen und die nötigsten Vorräte dafür einzutauschen. Ich erhielt von dem Stamm mehrere Muster von roher Sarsaparille und andern Medizinkräutern, von denen sie eine erstaunliche Kenntnis zu besitzen scheinen. Auf der Jagd und im Krieg tragen sie stets einen kleinen Sack mit Salz bei sich, um vergiftete Wunden damit zu behandeln. Ihrer Ansicht nach ist das Salz ein Hauptmittel gegen fast alle Krankheiten, und tatsächlich scheinen sie viel mehr Kenntnisse zu haben, wozu Salz zu verwenden ist, als die meisten zivilisierten Leute. Sie gewinnen es aus natürlichen Pfannen im Innern der Pampas Sacramento.

Gegen meine Erwartung wurde mir die Abreise eher erleichtert als erschwert. Nachdem ich die merkwürdige Moskitokolonie wieder durchquert hatte und dermaßen zerstochen worden war, daß ich kaum noch aus den verschwollenen Augen zu sehen vermochte, erreichten wir endlich wieder das offene Wasser. Die leichte Brise, die von den weit entfernten, schneebedeckten Anden her wehte und das kühlende Lüftchen auf dem Dampfer, den ich in Mashishea bestieg, waren eine unbeschreibliche Wohltat nach der Hitze und Insektenpest der Pampas Sacramento. Auf der Reise den Ucayali flußaufwärts nach dem Gebiet der Kampasstämme regnete, donnerte und blitzte es beinahe unaufhörlich. Als wir an der Bocca Pachitea ankamen, wo der Fluß seine hauptsächlichen Nebenflüsse aufnimmt, verzogen sich die Wolken gegen die ungeheueren äquatorialen Wälder im Osten zu. Die Sonne strahlte mit tropischer Glut, und der Fluß und die fernen Linien der niedern, dschungelbedeckten Vorberge der Anden waren zum Teil in Dunst und Nebel gehüllt.