19. Die Chunchosindianer der Peruanischen Montaña.
Die Kampasstämme bewohnen die Vorberge der Anden und jenes Gebiet, das unter dem Namen der Oberen Montaña von Peru bekannt ist. Den besten Zugang in dieses Land bildet der Perenéfluß, auf 10° 5′ südlicher Breite und 75° 15′ westlicher Länge. Die Kampas stellen einen von den Wilden in den großen amazonischen Wäldern gänzlich verschiedenen Typus dar und bieten als Indianerrasse viel Interessantes, obwohl sie dort, wo sie mit der Grenzzivilisation in Berührung kommen, rapid dahinschwinden. Aus dem breiten Pachitea lief der kleine Dampfer in den schokoladenfarbenen Pichis ein und kam an einem schönen Fleck der Erde, namens Puerto Bermudez, zu seinem letzten Halt. Von da an wird der Fluß so seicht, daß der Rest der Reise zuerst auf dem Kanu und später auf dem Rücken von Maultieren zurückgelegt werden muß. Man gelangt dann zum Tambo oder Regierungsunterkunftshaus Nr. 71, das dicht am Perenéfluß gelegen ist.
Die Landschaft in diesem Teil der oberen peruanischen Montaña ist wirklich wundervoll. Bewaldete Hügel, strudelnde und schäumende Flüsse, tropische Dschungel von federartigen Palmen und massigen Baumwollbäumen, Haine von wilden Bananen und Kaffeeplantagen, prächtige Schmetterlinge und Vögel — das alles fließt in ein berauschendes Farbenspiel zwischen dem Rot der Erde und dem Blau des Himmels zusammen. In den Dschungeln hier herrscht nicht das düstere Zwielicht der amazonischen Niederungen; über Felsen, Bächen und der tropischen Vegetation liegt überall die Sonne in glänzenden teppichgleichen Lichtinseln. Von den Baumästen hängen in roten und grünen Büscheln Parasitenpflanzen herab, und der Himmel scheint nicht länger mehr ein wie aus Metall gegossenes Gewölbe. Das Klima ist, außer während der Regenzeit, höchst angenehm mit warmer Sonne und kühlenden Winden.
Ich hatte die Absicht gehabt, zu meinem zeitweiligen Standquartier Tambo 71 zu machen, das an dem unter dem Lokalnamen der „Via Centrale“ bekannten Maultierpfad liegt, der von Puerto Bermudez nach Oroya und dem Pazifischen Ozean führt. Aber der unerfreuliche Zustand dieses „Dâk Bungalows“ veranlaßte mich, noch 30 Kilometer weiter in dem weit reinlicheren Unterkunftshaus von Eneñas ein Obdach zu suchen. Von hier aus wollte ich mir die Umgebung ansehen und dann auf gemieteten Maultieren oder auf einem Floß in die Kampasregion vorstoßen. Nachdem ich hier mehrere Tage geblieben war, um mich von den Moskitostichen und einem schleichenden Fieber zu erholen, gelang es mir, einen Serrano-Führer und einen Chunchosboy als Diener zu verpflichten. Ersterer war ein schmutziger, aber energischer Bergindianer, der Boy dagegen ein fauler, aber reinlicher Eingeborener der Montaña.
Mein erstes Lager nach dem Abschied vom Tambo bei Eneñas war am Ufer des Perenéflusses, 16 Kilometer östlich von der kleinen Niederlassung. Das Lagern in dieser Gegend hat zwei große Nachteile, die uns beide in jener Nacht zu Gemüte geführt wurden. Bald nach einem prächtigen, aber sehr stürmischen Sonnenuntergang setzte ein gleichmäßiger Regenguß ein, der fast die ganze Nacht hindurch anhielt. Die tropfenden Blätter, das Trommeln und Dröhnen auf dem Zelttuch und die Bächlein, die sich trotz eines schnell ausgeführten seichten Grabens unter dem Bodenbelag einen Weg suchten, machten die ersten Nachtstunden zu einer schlaflosen und ungemütlichen Angelegenheit. Als dann die Zeltlampe erlosch, erhob sich ein geheimnisvolles Flattergeräusch von vielen Flügeln. Zuerst klang es, als hätten sich viele kleine Vögel im Zelt gefangen, aber ein Strahl aus der elektrischen Taschenlampe enthüllte wenigstens sechs Vampire, die zu unsern Häupten auf ihre Mahlzeit von menschlichem Blut warteten.
Das Zelt von ihnen zu säubern war ganz nutzlos, so zahlreich sind die ekelhaften Geschöpfe in dieser Gegend. Ist es ihnen einmal geglückt, ihr greuliches Mahl zu beginnen, ohne den Schläfer aufzuwecken, so tritt durch Blutverlust eine große Schwäche ein. Unter solchen Umständen war, abgesehen vom Schutz durch das Moskitonetz, nichts zu tun. Ehe man sich nicht an diese schauerlichen Besucher gewöhnt hat, ist an Schlaf kaum zu denken.
Noch waren die ersten Streifen der Dämmerung im Osten nicht erschienen, als ich jeden weiteren Versuch zu schlafen aufgab, zum Fluß hinabstieg und hinausschwamm. Während ich mich abtrocknete und recht fror, da das von den Anden kommende Schmelzwasser des Flusses ziemlich kalt war, erschien ein Floß um die nächste Flußbiegung. Ich stand mit dem Rücken dagegen, rieb mich eifrig aus allen Kräften ab und bemerkte es erst, als es bis auf näher als 20 Meter herangekommen war.
Die Familie der Chunchosindianer starrte erstaunt auf die weiße Gestalt, die im hellen Sonnenlicht des frühen Morgens auf dem steinigen Strand stand. Ich wand eins der Handtücher als Schürze um meine Lenden, trat an den Rand des Wassers und bedeutete dem Floß durch Zeichen, sich zu nähern. Da ich die schöne Gelegenheit, die Lage eines Indianerdorfs zu entdecken, nicht verpassen wollte, achtete ich weder auf die Kälte noch auf meine unvollkommene Toilette. Später bereute ich heftig meine Übereilung.
Auf dem langen, schmalen Floß, Balsa nach dem sehr leichten gleichnamigen Holz benannt, befanden sich zwei Männer in langen Kusmas, ein Weib und zwei halbnackte Kinder. Die Männer waren wohlgebaut, obwohl nicht sehr hochgewachsen, und trugen um ihr langes, schwarzes Haar ein Stirnband aus Blättern. Ihre Hautfarbe war sehr mattbronzen. Die wild aussehenden Eingeborenen stießen die Balsa auf den steinigen Strand und umringten mich neugierig. Für die Kinder bedeutete ich offenbar eine neue und seltsame Art; während ich durch nachdrückliche Zeichen ein Gespräch anzubahnen versuchte, belustigten sie sich damit, mich in die Beine zu zwicken und sich höchst ungezogen zu benehmen.
Wie sich herausstellte, lag das nächste Dorf ein Stück flußabwärts. Wie weit, konnte ich nicht herausbringen, weil die Indianer wie alle wilden oder halbzivilisierten Eingeborenen nur sehr verschwommene Vorstellungen von Zeit, Entfernung und Maß zu haben scheinen. Der Name „Chuncho“ umgreift eine Gruppe von Stämmen, die in den Vorbergen der peruanischen Montaña östlich von Cuzco und Tarma leben. Im allgemeinen gleichen sie den Kampas der abgelegeneren Waldgebiete, sind aber den Weißen weniger feindlich gesinnt. Als ich später einige Zeit bei ihnen zubrachte, überzeugte ich mich, daß sie einen Zweig des großen Kampasvolkes bilden mußten in Anbetracht der Ähnlichkeit in Aussehen und Gebräuchen der zwei angeblich verschiedenen Gruppen.