Nachdem ich die Lage ihres Dorfes und verschiedene Einzelheiten ihrer Stammeszugehörigkeit festgestellt hatte, war es mir darum zu tun, daß sie nicht eher wieder fortführen, bis ich mit meiner Toilette einigermaßen zu Ende war. Ich versuchte ihnen begreiflich zu machen, warum ich ihnen keine Geschenke anbieten könne, und deutete deshalb in die Richtung des Lagers. Zu meinem äußersten Erstaunen hockten sie sich bedächtig auf die Erde und schienen offenbar geduldig darauf zu warten, bis ich mich angezogen hätte und sie zum Zelt begleiten könnte, das etwa ein Kilometer vom Ufer entfernt war und zu dem der Weg durch dichtes Unterholz führte. Die Sonnenstrahlen gewannen allmählich an Kraft, und obwohl sie im Augenblick meine Glieder nur wieder aus ihrer Erstarrung lösten, war doch zu befürchten, daß meine Haut bald mit Blasen bedeckt sein würde. Dazu kam, daß die Moskitos Blut rochen und um mich herumsummten, daß es zum Verrücktwerden war. Unangekleidet durch den Busch bis zum Zelt zu gehen, hätte geradezu eine Einladung an die Myriaden von Insekten bedeutet, ihr Frühstück auf meinem Körper zu halten, und hätte mich wahrscheinlich für Tage ans Lager gefesselt.

So tat ich, als ob diese Waldnomaden nicht vorhanden wären, zog mich so schnell als möglich an und begleitete sie zum Zelt, wo sie Geschenke und ein Gratisfrühstück erhielten. Später am Tag veranlaßte ich das Oberhaupt der Bronzefamilie, mich und meine beiden Diener auf der Balsa flußabwärts zu dem Dorf des Stammes mitzunehmen. Da ich selbst weder Maultiere noch ein Fahrzeug zu meiner Verfügung hatte, war mir diese Aushilfe doppelt willkommen. Der Indianer trennte sich ohne Beschwer von seinem Weib, den Kindern und seinem Begleiter, die am Ufer des Perené ihr Lager aufschlugen, während er uns mit unserm Gepäck nach dem Dorf schaffte. Offenbar war ich nicht der erste Weiße, mit dem er zusammentraf, wie es ja auch in dieser Gegend ganz natürlich ist, die zum Teil schon unter dem Einfluß der Zivilisation liegt. Er verlangte 30 Dollars für die Fahrt, und zwar im voraus, und dann stellte sich heraus, daß das Dorf weniger als 24 Kilometer entfernt war! Aber alle die unzivilisierten Indianer des Amazonenstromtals sind so schrecklich arm, daß sie kaum überhaupt etwas besitzen. Es ist manchmal zum Erbarmen. Die unbedeutendste Kleinigkeit wird für sie zu einer unschätzbaren Gabe, und ihre Dankbarkeit ist oft rührend, wenn sie auch am Anfang sich meistens hinter Mißtrauen verbirgt.

Das Chunchosdorf bestand aus sechs langen und halbwegs gut gebauten Hütten aus Chontaholz, in denen fast hundert Männer, Weiber und Kinder lebten. Die Wohnungen lagen auf einem steilen Hügel, der gegen den mittleren Perené zu abfiel, und waren jenen der Kaschibos und Konibos am Ucayali turmhoch überlegen. An manchen zeigten sich vorspringende, durch Baumstämme gestützte Dächer, und einige waren sogar mit roh zubehauenen Brettern teilweise verkleidet. Auf der Seite des Hügels befanden sich kleine Anpflanzungen von Mais, Yukka und Bananen. Merkwürdig war das völlige Fehlen von Kanus. Augenscheinlich benützt dieser Stamm als Beförderungsmittel ausschließlich die Balsa. Keiner der Stämme des äquatorialen Amerika züchtet Maultiere, Pferde oder Vieh, wenn sie nicht von ihren weißen Herren dazu angehalten werden. Die Chunchos wandern meilenweit durchs Dickicht und über die steilen Hügelhänge, um Wild aufzuspüren. Auf ihren Balsas unternehmen sie weite Flußreisen oft über mehr als 150 Kilometer. Aber sie sind sehr abergläubisch.

Eine merkwürdige Gewohnheit dieser Indianer, deren Zeuge ich in der ersten Nacht in ihrem Dorf wurde, war, sich in ihren Hütten oder auch im Freien zusammenzudrängen, sobald die kurze Dämmerung vorbei war. In mondlosen oder sehr dunkeln Nächten sind sie nicht dazuzubringen, das Lager zu verlassen. Zuerst war mir das ein Rätsel, und ich dachte, es wäre einfach ihrer Faulheit zuzuschreiben. Aber eine nähere Untersuchung zeigte, daß alle Indianer dieser wichtigen Gruppe sich davor fürchten, in völliger Finsternis allein zu sein. Sie glauben, daß in jedem Schatten sich böse Geister umhertreiben, und selbst in mondhellen Nächten weichen sie jedem dunkeln Fleck aus, wenn sie im Dorf umhergehen oder durch die Wälder wandern. Der einzige Stamm, bei dem ich ähnliche Formen des Aberglaubens beobachtet hatte, war der der Apiacás am obern Tapajóz, die, wie man sich erinnern wird, die Schatten mit ihren Speeren bei den Mondtänzen durchbohrten.

Je länger ich bei den Chunchos verweilte, desto klarer stellte sich heraus, daß sie keine wirkliche Religion haben außer einer Reihe von abergläubischen Vorstellungen, die mit den Mächten des Lichts und der Finsternis zusammenhängen. Die Toten begraben sie unter dem Lehmboden ihrer Hütten ohne Rücksicht weder auf die darin lebenden Anverwandten der Verstorbenen noch auf die andern Familien. Zufällig war ich dabei, wie ein Grab für einen alten Mann ausgeschaufelt wurde, der damals noch so sehr am Leben war, daß er, sein Schicksal erratend, aus dem Bett aufstand, in den Dschungel lief und verschwand. Das leere Grab war nur wenig über ein Meter tief.

Die Chunchos schienen mir damals ein stilles, harmloses Völkchen zu sein. Kürzlich traf ich aber im Amazonengebiet Mr. Miles Moß, den bekannten Naturforscher, der vor einigen Jahren unter ihnen gelebt hat und mir manches erzählte, was meine damalige Ansicht wankend gemacht hat. Er führte aus, daß er die Chunchos für eine sanfte, friedliche und intelligente Rasse halte, obwohl ihre Geschichte in Dunkel gehüllt sei. Sie seien sehr geschickt und gewandt in dem, was man Heimarbeiten nennen könnte, so begrenzt die auch in ihrer Art sein möchten. Sie wären von eher kleiner Gestalt, aber glänzend gewachsen, oft ganz hübsch und ausgezeichnete Schützen mit Bogen und Pfeil. Das Wasser liebten sie und wären viel reinlicher in ihren Gewohnheiten und Gepflogenheiten als die halbblütigen Serranos oder Bergindianer. Diese persönlichen Beobachtungen, die mit meinen eigenen Ansichten übereinstimmten, ergänzte er dann durch das Folgende, was ihm von einem Mr. Furlong brieflich mitgeteilt worden war, dessen Zeugnis sich auf einen dreizehnjährigen Aufenthalt in diesen Gegenden stützte. Neben ihren guten Eigenschaften haben diese Chunchos auch schlimme Charakterzüge, für die sie allerdings kaum verantwortlich gemacht werden können, wenn man ihre Unwissenheit in Betracht zieht und das völlige Fehlen einer Religion, die über eine bloße abergläubische Furcht vor dem Unbekannten nicht hinausgehe. Elternliebe zählt nicht zu ihren tieferliegenden Instinkten, das menschliche Leben wird wenig geachtet, und so kommt es, daß ein Mord so gut wie gar nichts gilt. Verheiratet sich eine Witwe mit kleinen Kindern wieder, so beseitigt nach allgemeinem Brauch der zweite Gatte die Kinder auf solche Weise. Mr. Furlong hat nicht selten derartigen Unglücklichen eine Zuflucht in seinem Lager gegeben. Auf seinen Reisen im entlegenen Innern machte er einmal die Bekanntschaft eines alten deutschen Ehepaares, das nach und nach zu Pflegeeltern von nicht weniger als 24 Chunchosmädchen und -jungen geworden war. Sonst wären alle diese Kinder umgebracht worden.

Es ist ganz allgemein Sitte, daß der Sohn seine Eltern in den Fluß wirft, wenn das Leben infolge der Gebrechlichkeit des Alters zu einer Last für sie wird oder für die, welche für sie zu sorgen haben. Bei einer Gelegenheit hatte Mr. Furlong die größten Schwierigkeiten, einen Chuncho zurückzuhalten, einen Mann, der an einem schlimmen Abszeß litt, in den Perené zu werfen, und es scheint, daß alle Fälle vermeintlich unheilbarer Krankheiten auf ähnliche Weise behandelt werden.

Die Geschichte der Chunchos ist ein verschlossenes Buch. Außer einigen merkwürdigen und noch unentzifferten Inschriften auf einem riesigen Felsblock im Bett des Paucartamboflusses und einer Anzahl von Stein- und Kupferäxten, die am Hügel von San Juan gefunden wurden, ist wenig oder nichts über den Ursprung dieses großen Indianervolkes bekannt.

Am fünften Tag meines Aufenthalts in dem Chunchosdorf begleitete ich den Huary oder Häuptling auf einem Besuch, den er auf der Balsa zu einem abgelegeneren Dorf desselben Stammes weiter flußabwärts am Perené machte. An diesem Ort waren die Hütten sehr ärmlich und bestanden lediglich aus einem Palmstrohdach auf vier Stützen ohne Seitenwände. Die Leute kamen dem Weißen mit größerem Argwohn entgegen, und ich hatte große Schwierigkeiten, einige Halsketten aus merkwürdigen grünen Steinen mit Affenzähnen dazwischen auch nur zu beaugenscheinigen.

Die Eingeborenen trugen auch hier Kopfbänder aus Papageienfedern, und ihre Gesichter waren durch Streifen von Vermillon entstellt, eine Farbe, die aus den Samen des Achiote gewonnen wird. Der Busch wächst wild in den Dschungeln und bringt hübsche Blüten und kastanienbraungrüne Samenkapseln hervor, aus denen man die Farbe bereitet, die von allen wilden Stämmen des Amazonengebiets viel gebraucht wird.