Der Unterhäuptling dieses Dorfes mit Frau, Sohn und Tochter verwahrte sich aufs energischste dagegen, daß er auf irgendeiner Photographie nicht „drauf“ wäre, die in seinem Hoheitsbereich aufgenommen wurde. Das war der erste Fall, daß ich unter den unzivilisierten Indianern des Amazonengebiets ungestraft mit der Kamera arbeiten durfte, die Caripunas am Madeira und die Ocainas am Rio Putumayo vielleicht ausgenommen.
Ich blieb die Nacht über in diesem zweiten Chunchosdorf, um meine Lagerausrüstung auf einer Balsa holen zu lassen, und es glückte mir, zwei Chunchos und ein Floß zu bekommen, das mich zu der Vereinigung der Flüsse Perené und Ené mit dem Rio Tambo bringen sollte. In den tieferliegenden und dichteren tropischen Waldgebieten leben mehrere Stämme der großen Kampasfamilie, bekannt unter dem Namen „Ungoninos“. Sie sind den Weißen feindlich gesinnt wegen der schlechten Behandlung, die sie von halbblütigen Kautschuksammlern erfahren haben.
Der Serrano, der mich vom Tambo an der Via Centrale hierher begleitet hatte, weigerte sich, in das Gebiet der Ungoninos mitzukommen, und das zwang mich zu sehr kostspieligen und umständlichen Verhandlungen mit den Chunchos, bis sie versprachen, ihn gesund und heil bei seiner ungewaschenen Familie wieder abzuliefern, von der er jetzt 78 Kilometer entfernt war.
Das unangenehmste bei dieser Reise in die wenig bekannte untere Montaña war, daß ich niemanden hatte, der auch nur den leisesten Schimmer vom Kochen in europäischem Sinn besaß. Der eine zivilisierte und die zwei unzivilisierten Chunchos, die auf der morschen Balsa bei mir waren, verstanden weder das Lager aufzuschlagen noch irgendeine Sprache außer ein paar Worten Spanisch. So schienen mir die beiden Tage und Nächte endlos, bis wir uns zur Vereinigung der drei Flüsse hinabgestakt hatten. Stunden vergingen ohne ein Wort oder einen andern Laut als das Glucksen des Flusses oder den Schrei eines Vogels. Am Abend des dritten Tags lagerten wir etwa 16 Kilometer oberhalb der Mündung des Rio Tambo, und von da an hatte ich zu all meinen andern Obliegenheiten auch noch die Nachtwache zu halten. Ich nahm mir vor, tagsüber soviel als möglich zu schlafen, während wir auf der Balsa mitten im Fluß in verhältnismäßiger Sicherheit waren.
20. Im verbotenen Land der Ungoninos.
Während wir um eine Flußwindung bogen, sahen wir uns plötzlich den Ungoninos gegenüber. Ein Kanu und ein großes Floß, beide voll von Menschen, sowie mehrere Gruppen am rechten Ufer versperrten uns den Weiterweg. Ein paar Minuten lang sah die Sache nichts weniger als gemütlich aus, da die Balsa keinen Schutz vor Pfeilen gewährt hätte. Diesmal war die Friedensvermittlung nicht mir überlassen. Die Chunchos, die augenscheinlich die gleiche oder eine ähnliche Sprache sprechen, führten die Unterhandlungen, während die Flöße einander immer näher kamen. Schließlich erklärte der Boy, den ich vom Tambo an der Via Centrale mitgebracht hatte, durch Zeichen und die paar spanischen Worte, die uns beiden verständlich waren, daß die „großen“ Ungoninos mir gestatten wollten, sie auf dem Ufer zu besuchen, da sich meine Freundschaft in den Chunchosdörfern erprobt habe; daß ich aber sicherlich umgebracht würde, falls ich auf einer Weiterfahrt den verbotenen Fluß hinauf bestände. Ich wußte von andern Reisenden, daß der Wasserweg nach Iquitos durch den kriegerischen Stamm gesperrt und daß es daher nur die Wahrheit war, die der Chunchosboy mir aufs eindrücklichste klarzumachen versuchte. Deshalb beeilte ich mich zu antworten, ich hätte keinerlei Absichten, durch das Gebiet der Ungoninos zu reisen, sondern möchte sie nur als Freund besuchen.
Nachdem also diese Frage befriedigend gelöst war, fuhren beide Kanus und Balsas gemeinschaftlich einen kleinen Bach zwischen hochstämmigem dunkeln Wald hinauf. Etwa zwei Kilometer hatten wir auf dem braunen, öligen Wasser im grünen Zwielicht zurückgelegt, als auf dem hohen Ufer einige sehr primitive Strohhütten in Sicht kamen. Vor ihnen stand eine buntscheckige Gesellschaft nackter und halbnackter gelber, zwergartiger menschlicher Geschöpfe umher. Die Landung war nicht einfach und ging mir ein wenig auf die Nerven. Alle die kleingewachsenen Wilden trugen mit Widerhaken versehene Speere, außer einigen, die mit Bogen oder fast 3 Meter langen Blasrohren bewaffnet waren, zu deren Pfeilen sie das Gift in Kürbissen bei sich führten. Weder die Männer noch die Weiber und nicht einmal die Kinder versuchten ihren wilden Haß gegen den Weißen zu verbergen, als ich ans Land stieg.
Nur die Unerschrockenheit der unzivilisierten Chunchos rettete mich vor sofortigem Tod. Sie standen offenbar auf gutem Fuß mit diesen Nachbarn, da sie wohl für die Ungoninos die Handelsgeschäfte in den Ansiedlungen besorgen. Niemals früher hatte ich einen derartigen Haß gefunden wie in diesem Dorf an einem Nebenfluß des Tambo. Auf Mißtrauen, Argwohn und selbst Widerwillen kann man ja gefaßt sein, die gewöhnlich von Neugier und Verwunderung ein wenig zurückgedrängt werden. Hier aber fand ich unverhüllten Haß in jedem Blick und jeder Gebärde. Der Wunsch zu töten ward weder durch Neugierde noch die Hoffnung auf Geschenke gehemmt. Ich hielt ihnen als Friedensgabe mehrere Schnüre farbiger Perlen hin, aber niemand machte eine Bewegung, sie zu nehmen. Nachdem ich eine oder zwei peinliche Minuten gewartet hatte, gab ich sie den beiden Chunchos zur Verteilung, aber auch sie hatten keinen Erfolg, da keiner der Ungoninos das Geschenk annehmen wollte.
In diesem Dilemma war ich im Begriff, wieder in die Balsa zu steigen und abzuwarten, ob man mich in Güte abziehen lassen würde, als ein halbnackter Wilder mit einem Federkopfschmuck und einem mörderisch aussehenden Widerhakenspeer sich dicht vor mir aufpflanzte. Haß blitzte aus seinen gelblich schwarzen Augen.
„Kittamorori schambari ni kahmetta!“ zischte er in einem seltsam gutturalen Ton. Ich verstand ihn jedoch nicht, und so standen wir uns auf etwa 3 Meter mehrere Sekunden lang gegenüber. Der Chunchosboy vom Tambo kam mir zu Hilfe und erklärte in schlechtem Spanisch, der Häuptling habe gesagt: „Weißer Mann nicht gut!“