Auf den Chacras (Pflanzungen) längs der Via Centrale war es allgemein bekannt, daß die Ungoninos furchtbar unter den gewissenlosen und morallosen Mischlingen gelitten hatten, bis die peruanische Regierung den Greueln Einhalt geboten hatte, die in allen abgelegenen Gebieten dieses Wunderlandes ungestraft verübt worden waren. Man hatte den Wilden ihre Mädchen geraubt und die Männer, Weiber und sogar Kinder gefoltert, wenn sie sich weigerten, den kostbaren Kautschuksaft zu sammeln. In jenen Zeiten, die unter dem Zeichen des ersten Kautschukfiebers standen, galt es für nichts, ein paar Indianer niederzuknallen. Es war eine kurzsichtige und unmenschliche Politik, durch die die Arbeitskräfte im Amazonengebiet um ungezählte Tausende vermindert wurden und die die Arbeit der Forscher, der Offiziere des Indianeramts und der Kolonisten mit ihren weitausschauenden Plänen außerordentlich schwierig und gefährlich machte.

Da ich das alles wußte, konnte ich nichts tun als zu erklären versuchen, daß ich lediglich gekommen war, um die Ungoninos zu sehen und mit ihnen zu reden, und nicht um Kautschuk einzuhandeln. Nachdem ich das durch Zeichen und mit Hilfe des Chunchosboys zu verstehen gegeben hatte, schienen sie sich etwas zu beruhigen, und der Haß in den Gesichtszügen des Häuptlings wandelte sich zu einem mürrischen Ausdruck von Mißtrauen.

Chunchosmädchen.
Die Gesichtsbemalung bezeichnet ihre Stammeszugehörigkeit.

Eingeborenenfloß auf dem oberen Amazonenstrom.
Die Familien hausen wochenlang in den primitiven Strohhütten, während das Floß Hunderte von Kilometern mit der Flut zurücklegt.


GRÖSSERES BILD

Ich ging nun im Dorf herum, um es mir anzuschauen, aber zwei Krieger mit lanzenähnlichen Speeren folgten jedem meiner Schritte. Zu den Kampas oder Antis, wie sie zuweilen genannt werden, gehört eine sehr große Anzahl von Stämmen, die die Wälder am Fuß der peruanischen Anden bewohnen. Ihre Hautfarbe ist gelblich und ihr Aussehen entschieden asiatisch. Einige junge Mädchen waren keineswegs häßlich. Die Männer zeichnen sich als Jäger und Schiffer aus. Viele trugen ein Kopfband (Nahmatteri) aus Blumen um ihr langes, schwarzes Haar. Dieser Kopfschmuck wird bei der Verehrung des Sonnengottes „Pahua“ stets getragen. Jede atmosphärische Störung wie Donner, Blitz, Regen, Wind und Tau wird dem ewigen Krieg zwischen Gut und Böse zugeschrieben. Die langen Hosen, die den Europäerjungen, wenigstens in seiner eigenen Wertschätzung, zu einem jungen Mann machen, sind hier dadurch ersetzt, daß ein wirklich wildes Tier mit dem eigenen Bogen oder Speer erledigt wird oder gewisse körperliche Martern schweigend ertragen werden.

An den beiden ersten Tagen ereignete sich nichts Bemerkenswertes. Am dritten Tag aber bemerkte ich, daß sich der ganze Stamm auf der kleinen Lichtung zwischen den Hütten versammelt hatte. Einige jüngere Männer suchten mich durch Drohungen vom Näherkommen abzuhalten, aber vernünftige Vorstellungen beim Häuptling, von einem Pfund Tabak begleitet, verschafften mir einen Sperrsitz zunächst der Königsloge. Die Zeremonie, die nun folgte, war eine der grausamsten, der ich je beigewohnt habe, und zeitweise mußte ich mir alle Mühe geben, mein Temperament im Zaum zu halten.

Erreicht ein Mädchen das Pubertätsalter, so wird sie bei den Ungoninos sofort allein in eine der seltsam gestalteten Hütten eingesperrt, wo sie täglich nur ein wenig Kassawa und Wasser erhält. Mittlerweile werden alle heiratsfähigen jungen Männer des Stammes zusammengerufen, und das Mädchen wird dem zugesprochen, der dem Häuptling und den Eltern die wertvollsten Geschenke an Wild, Fischen, Gift, Hängematten oder andern Waren macht. Ist der Bräutigam endgültig gewählt, so wird das Mädchen aus ihrem Gefängnis herausgeführt, in Gegenwart des ganzen Stammes nackt an einen Baum gebunden und mit Geißeln aus Grasschnüren gepeitscht, in die scharfe Steine eingeflochten sind.