Dieß, in den Jahren des Kinds schon reifer denkender Jüngling,
Dieß bittet dich dein Verehrer und Freund.
Mein Lob ermuntre dein Herz! denn wenn sie keines verdienen,
So lob ich selber die Könige nicht.

[ An
Herrn
Johann Andreas Cramer;
bey seiner Verbindung.]

O Freund, welch angenehm Gesichte,
Rührt meinen Geist, indem ich dichte;
Dein künftig Schicksal zeigt sich mir.
Ich sehe sich in lange Zeiten
Dein Leben und Verdienst verbreiten,
Und Glück und Tugend folgen dir.
Dich seh ich an Charlottens Seite
Nach vielen Jahren noch, wie heute,
Als Mann und Freund vergnügt mit ihr,
Und immer dich, bey treuen Küssen,
Vertraulich und empfindungsvoll,
Das Glück der Zärtlichkeit geniessen,
Von der nur wenig Herzen wissen,
Die nur ein Cramer singen soll.

So wie sich deine Jahre mehren,
Mehrt dein Verdienst sich um die Welt.
Stets seh ich dich Geschmack und Tugend lehren,
Und beides, wenn du schreibst, gefällt.
Dein Geist stürzt bald den Aberglauben,
Und bald das Laster von dem Thron,
Und rettet uns, was schlaue Spötter rauben,
Das größte, die Religion.
Dann merkt die Welt auf deine Gaben;
Und wenn sie sie nicht recht erkennt:
So scheut sie doch den Schimpf, den nicht belohnt zu haben,
Den man des Lohnes würdig nennt.
Sie schmücket dich mit neuen Ehren;[1]
Und du, erkenntlich gegen sie,
Entzückst sie, bald mit heilgen Chören,
Bald durch die Pracht der Homilie.

Allein noch eine schönre Scene
Nimmt mich in deinem Leben ein,
Da liebe Töchter, liebe Söhne,
Des edlen Vaters Herz erfreun.
Gesucht und oft umringt von ihnen,
Fühlst du die zärtlichste Gewalt;
Dieß redt mit Küssen, dieß mit Mienen,
Wenn jenes dir entgegen lallt;
Du aber überläßt dich ihnen.
Da seh ich dich recht menschlich schön,
Da seh ich Cramern, wie Racinen,[2]
In einem Kreis mit Kindern spielend gehn.
Charlotte kömmt, und von Charlotten
Läßt du dich gern der Kinderspiele spotten,
Und küssend giebt sie dir den Lohn;
Da streichelt dich, indem sie küßte,
Als ob er auch mit lieben müßte,
Auf ihrem Arm der zarte Sohn.
So ruhst du oft vom Fleisse schwerer Werke,
Und bist nur Vater für dein Haus;
Prüfst liebreich deiner Kinder Stärke
Und bildest ihre Herzen aus,
Und freust dich, wenn der Sohn erscheinet,
Der jung schon dich und deine Freunde liest,
Bey einer schönen Stelle weinet,
Und heimlich eifersüchtig ist,
Daß noch von ihm die Welt nichts liest.

Ja, lieber Cramer, wahre Freuden,
Ich weis es, wahre warten dein.
Und wär es gnug, es wieder zu bereun:
So würd ich gleich um eine dich beneiden.

[1] Der Herr Oberhofprediger Cramer war damals noch Pastor in dem Dorfe Crellwitz.

[2] Der jüngre Racine in dem Leben seines Vaters:

En présence même d'étrangers, il osoit être Pere: il étoit de tous nos jeux: je me souviens de processions dans lesquelles mes sœurs étoient le Clergé, j'étois le Curé, et l'auteur d'Athalie chantant avec nous, portoit la croix. Memoires sur la vie de Jean Racine. p. 6.

[Auf
Herrn Willens
Tod.]