Wenn ich mich nicht irre, so müssen Sie schon Herrn Ringeltauben, in dessen Hause ich seyn werde, aus meinen Beschreibungen kennen. Ich verehre ihn als meinen Lehrer; und ich liebe ihn als meinen Freund und meinen Bruder. Hochachtung und Dankbarkeit sind gewiß die festesten Bande, die die Natur hat, zwey nicht ganz unedle Seelen mit einander zu verbinden. Sein Haus soll sehr bequem, und die Gegend vortrefflich seyn. Meine Mutter, die das Land über alles, und den Herrn Ringeltauben als ihren Sohn liebt, wird sich dort wieder erholen, und das wird auf mich zurück wirken. Endlich werde ich Bücher genug haben, um die leeren Stunden auszufüllen. Der Herr Oberforstmeister, mit dem ich reise, ist lange im Kriege mit dem General Wobersnow in Leipzig gewesen. Er ist ein Mann von sehr vielem Verstande, von einer großen Erfahrung, (da er lange Zeit mit den Vornehmsten der Armee und einige Zeit auch mit dem Könige selbst umgegangen ist;) und der Mann einer Frau, die beynahe meine Gespielin gewesen ist. Der Weg heraus geht an der Oder, in einer sehr angenehmen Gegend. Ihre Briefe dürfen Sie nicht anders als bisher addressiren. Ich habe gemessene Ordre gestellt, sie mir gleich nachzuschicken.

Erwarten Sie also ins künftige Briefe, die voll von ländlicher Unschuld und Einfalt, aber auch voll von ländlichem Vergnügen sind.

Neunter Brief.

S***witz den — Juli.

Es giebt gewisse Arten von Vergnügungen, die uns unempfindlich machen, weil sie uns berauschen. Indem alsdann die gegenwärtige Empfindung die ganze Seele ausfüllt, und ihre gesammten Fähigkeiten bloß in dem Genuß erschöpft werden, so werden alle Erinnerungen, alle Reflexionen aus der Seele verdrängt, und mit ihnen zugleich die feinern Vergnügungen, die auf dieselben gegründet sind. In diesem Zustande ist die ganze Seele Maschine, und sie bewegt sich ganz unwillkührlich nach der Richtung des Stoßes, die ihr ein so heftiger äußerer Antrieb giebt.

Eine andere Art hingegen, die nur die Sinnen in so weit rührt, als es nöthig ist, durch sie die Einbildungskraft rege zu machen, eröffnet allen Arten von moralischen Empfindungen den Zugang. Sie macht das Herz weich, und so zu sagen — schmachtend. Die Vernunft ist dabey heiter genug, alle verwandten Ideen herbeyzurufen, jede angenehme Erinnerung mit der augenblicklichen Empfindung zu verbinden, und unter die Ergötzungen des Auges und des Ohres die moralischen Vergnügungen der Freundschaft und der Tugend zu mischen.

Unter diese letztere Gattung gehört diejenige Art von Vergnügen, die ich jetzt genieße. Sie sind so still und so ruhig, wie die Fluren des Abends, durch die ich gehe, und eben so heiter und rein, als das blaue Gewölbe, das mich deckt. Alles das, was ich sehe, und was die Quelle des Vergnügens ist, ist zugleich ein Stoff zu Betrachtungen, die vielleicht noch ergötzender sind, als der sinnliche Eindruck selbst. Wenn ich dann auf einer großen lachenden Wiese, die von alten ehrwürdigen Eichen rings um eingeschlossen, und von dem schwankenden Schatten derselben halb überstreut ist, die mildern Einflüsse der Abendsonne genieße; dann versetze ich in diese Gegend alle meine Freunde. Ich sammle in Gedanken diesen kleinen aber ehrwürdigen Haufen von Leuten, die ich liebe und die mich wieder lieben, um mich herum, alle durch gegenseitige Neigungen an einander gebunden, alle von einerley Geiste beseelt, zu einerley Empfindungen aufgelegt, und mit eben denselben Arbeiten des Wohlthuns und der Mildthätigkeit beschäftigt. Dieses Spiel meiner Einbildungskraft treibe ich so lange fort, bis ich ganz von den Gegenständen, die um mich sind, entfernt in andern Welten und noch glücklichern Gegenden herumschwebe. Von diesem Fluge ermüdet kehre ich wieder zu dem Orte und dem Stande zurück, in welchem ich bin, und, Dank sey es meinem Geschick! ich habe bey dem Ende meines Traumes noch nicht alles verloren. Meine Mutter, meine Cousine, und mein Lehrer und Bruder, die um mich herum sind; Sie, die erste meiner Freundinnen, und die übrige Reihe meiner männlichen Freunde, die von mir entfernt, aber durch ihr Andenken, durch ihre guten Wünsche, und durch ihr Theilnehmen an meinem Wohl, nahe um mich sind, alle diese theuern Personen, die mir die gütige Vorsicht auf dem Wege des Lebens aufstoßen ließ, um durch ihre Begleitung das Rauhe und Unangenehme meiner Reise zu versüßen, alle diese sind wirklich da, sie lieben mich, sie machen mich durch ihre eigenen Verdienste hochachtungswürdig, und geben mir durch ihre Achtung den Werth, den ich mir selbst niemals erwerben würde.

Ich habe ausfindig gemacht, (denn was für Mittel sucht man nicht auf, wenn man gewisse Sachen nicht verändern kann, um wenigstens uns eine andere Seite von ihnen zuzukehren?) daß die Abwesenheit in der Freundschaft zu etwas nützlich ist. Sie ist das Maß ihrer Stärke. Ich habe neulich im Plutarch gelesen, und wenn es nicht Plutarch gesagt hätte, so hätten Sie mir es sagen können, daß der Beweis einer recht heftigen Liebe nicht sowohl die Größe des Vergnügens sey, die einer in des andern Gegenwart empfindet, als vielmehr die Größe des Schmerzes, die ihnen die Trennung verursacht. Mich deucht, man kann eben dieses von der Freundschaft sagen. Das Vergnügen des freundschaftlichen Umganges ist, ruhig, gemäßigt, und beynahe mehr Heiterkeit als Freude; das Verlangen aber, wenn man desselben entbehrt, ist heftig, zuweilen gar stürmisch. Sie können glauben, daß ich diese Erfahrung bloß von den Empfindungen abstrahire, die mir die Erinnerung an unsere ehemaligen Vergnügungen erweckt. Ich weiß also zuverlässig, wie sehr ich Ihr Freund bin, ich weiß, wie sehr Sie meine Freundin sind. Diese Ueberzeugung ist mir sehr viel werth. Soll ich Ihnen erst sagen, daß ich Sie nicht allein meyne, wenn ich von Ihnen rede?

Ich habe Ihnen bisher nur meine Empfindungen erzählt. Jetzt sollen Sie noch etwas von meiner Geschichte wissen. Ich habe Ihre Briefe noch nicht. — Ich meyne die, die Sie vergangene Woche geschrieben haben, und die verwichenen Freytag in B*** angekommen seyn müssen. Sagen Sie mir, ist es nicht mir recht zum Possen, daß die Post nach B***, die die Briefe von B**** hierher bringt, gerade eine Stunde eher des Freytags abgehen muß, als die Ihrigen ankommen? und dann geht keine wieder eher, als auf den Dienstag. Ich bekomme sie also erst Mittwochs. — Diese Sache ist gar nicht zu ändern; ich muß also nur aufhören, daran zu denken.